Psychisch Kranke legt Bahnverkehr lahm

37-Jährige setzt sich bei Eutingen auf die Gleise – Strecke wird gesperrt – Pendler klagen über mangelnde Informationen

Von Frank Goertz Erstellt: 19. Juni 2019, 00:00 Uhr
Psychisch Kranke legt Bahnverkehr lahm Während viele Fahrgäste etwas ratlos am Bahnsteig stehen, versuchen andere am mobilen Stand von Abellio an Informationen zu kommen, wie es denn nun weitergeht. Fotos: Hansen

Eine psychisch kranke Frau hat am Dienstagmorgen für eine Sperrung der Bahnstrecke zwischen Mühlacker und Pforzheim gesorgt. Gestrandete Pendler klagen über unzureichende Informationen seitens der neuen Bahnbetreiber.

Mühlacker. Gegen 8.38 Uhr hatte sich laut Mitteilung der Polizei eine 37-jährige Deutsche bei Eutingen auf die Gleise gesetzt. Der Führer eines herannahenden Interregio-Express’ erkannte die Dame zum Glück rechtzeitig, gab einen Achtungspfiff ab und leitete eine Schnellbremsung ein. Der Zug mit etwa 150 Menschen an Bord kam rechtzeitig zum Stehen.

Die Frau blieb unversehrt und suchte das Weite. Da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass sie sich noch einmal auf die Gleise setzt, wurde der Bahnverkehr zwischen Pforzheim und Mühlacker in beide Richtungen komplett gesperrt. Ein Zug musste umgeleitet werden, einer fiel komplett aus, andere Züge kamen nur mit teils erheblichen Verspätungen ans Ziel. Beamte des Polizeireviers Pforzheim Nord entdeckten die Frau bei ihrer Fahndung kurze Zeit nach dem Zwischenfall in Eutingen und nahmen sie mit auf die Wache. Die Streckensperrung konnte bereits gegen 9.20 Uhr aufgehoben werden, doch es dauerte noch einige Stunden, bis der Bahnverkehr wieder einigermaßen regulär lief.

Auf der Wache untersuchte ein Polizeiarzt die Frau. Er entschied, sie in die psychiatrische Klinik in Hirsau einzuweisen. Die Bundespolizei hat derweil die Ermittlungen wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr aufgenommen.

Pendler, die in Mühlacker vergeblich auf ihren Zug warteten, wunderten sich derweil über die Informationen, die sie im Internet und von den Mitarbeitern von Abellio-Rail beziehungsweise auf den Fahrplantafeln bekamen. Laut Bahn-App waren alle Züge pünktlich, auf den Fahrplantafeln waren Verspätungen von zehn Minuten angekündigt, während die Abellio-Mitarbeiter vor Ort informierten, dass der Zugverkehr „auf unbestimmte Zeit“ ausfalle. Fahrgäste könnten ja nach Bruchsal fahren und dann irgendwie weiter. Außerdem sollte es einen Bus nach Pforzheim geben, von dem der Mitarbeiter des Bahnbetreibers aber nicht wüsste, wann dieser Bus fahre. Konnte er auch gar nicht wissen, denn von Mühlacker gibt es keinen direkten Bus nach Pforzheim.

Dass der Informationsfluss noch verbesserungswürdig ist, räumt auch Hannelore Schuster, Sprecherin von Abellio, ein. „Momentan hapert es am Zusammenspiel zwischen unserer Leitstelle und der DB Station&Service AG, die für die Monitore an den Bahnhöfen zuständig ist. Wir arbeiten daran, die Kommunikation an dieser Schnittstelle zu verbessern.“ Und was die Auskünfte der Abellio-Mitarbeiter direkt am Bahnhof betrifft, weist Schuster darauf hin, dass die Mobilitätszentrale derzeit noch umgebaut wird und die Mitarbeiter an ihrem mobilen Stand noch keinen Zugriff auf eine zuverlässige EDV haben. „Sie sind auch von den Informationen an der Schnittstelle mit der DB Station&Service AG abhängig“, so Schuster. Wenn die Mobilitätszentrale Anfang Juli mit kompletter Ausstattung in Betrieb genommen werde, sollen diese Probleme der Vergangenheit angehören.

Generell ist die Abellio-Sprecherin mit dem Start des Betriebs zufrieden. „Wir sind gut auf die Schiene gekommen“, findet Schuster. Die Schwachstellen der ersten Tage seien schnell ausgemerzt worden, und das Flügelkonzept, bei dem die Züge in Mühlacker geteilt werden, spiele sich immer besser ein. „Hier entwickelt sich langsam eine gewisse Routine“, freut sich Schuster.

Bislang war tatsächlich weniger Abellio, sondern vielmehr Go-Ahead, das Unternehmen, das für den IRE-Betrieb zuständig ist, von dem holprigen Start ins neue Bahnzeitalter betroffen, doch Go-Ahead verspricht Verbesserungen. Um die IRE-Verbindung zwischen Karlsruhe und Stuttgart zu entlasten, soll ab dem heutigen Mittwoch bis auf Weiteres zur Verstärkung ein zusätzlicher Zug der DB Regio eingesetzt werden, der achtmal am Tag pendelt. „Infolge dieser Regelung muss der in Karlsruhe beziehungsweise Stuttgart ankommende IRE nicht wenden, sondern es wartet dort bereits ein zur Abfahrt bereiter zweiter Zug. Dadurch werden weitere Folgeverspätungen vermieden“, heißt es in einer Mitteilung von Go-Ahead.

Probleme bereite auch zunehmender Vandalismus. An zwei Fahrzeugen wurden durch Steinwürfe von außen Scheiben zerstört, in einem anderen Fall wurde ohne Grund die Notbremse betätigt und anschließend eine Scheibe zerstört, was einen Polizeieinsatz zur Folge gehabt habe. Zerstörte Scheiben führen zu einem temporären Ausfall eines Zuges.

Zumindest für die technischen Störungen, mit denen Go-Ahead mit den neuen Zügen in den vergangenen Tagen kämpfte, zeichnet sich eine Lösung ab. „Zwischenzeitlich konnte der Fehler, der zu den Störungen der Schiebetritte geführt hat, mit Unterstützung der Firma Stadler gefunden werden. Stadler arbeitet an einer Lösung, die allerdings nicht einfach und schnell umgesetzt werden kann. Bis dahin werden die Schiebetritte wie in den letzten Tagen nur an den Bahnsteigen ausgefahren, wo es notwendig ist“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Die Schiebetritte seien ursächlich für die Störungen am Türmechanismus gewesen, die in den ersten Tagen des neuen Bahnbetriebs für Verspätungen gesorgt haben.

Auch in den nächsten Tagen müssen sich Bahnreisende auf Verspätungen einstellen. Aufgrund von Baumaßnahmen der DB Netz AG kommt es vom 20. Juni bis zum 24. Juni zu Zugausfällen auf den Linien RE 17 b und RB 17 c von Abellio zwischen Bretten und Heidelberg beziehungsweise zwischen Bretten und Bruchsal. Ein Schienenersatzverkehr mit Bussen zwischen Bruchsal und Bretten ist laut Pressemitteilung von Abellio eingerichtet.

Frank Goertz

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