Neue Debatte um Bus und Bahn

Geplante Preiserhöhung im Gebiet des Verkehrsverbunds Pforzheim-Enzkreis stößt auf Kritik – Kinderschutzbund meldet sich zu Wort

Von Thomas Eier Erstellt: 10. Oktober 2019, 00:00 Uhr
Neue Debatte um Bus und Bahn Was soll welches Ticket kosten? Der Verkehrsverbund Pforzheim-Enzkreis hat eine Erhöhung der Fahrpreise ab Mitte Dezember um durchschnittlich 2,36 Prozent angekündigt. Foto: Huber

Die Ankündigung des Verkehrsverbunds Pforzheim-Enzkreis (VPE), wonach die Fahrpreise ab Mitte Dezember um durchschnittlich 2,36 Prozent angehoben werden, ruft Kritik hervor. Ein Durchschnittswert, gibt der Mühlacker Experte für Bus und Bahn, Matthias Lieb, zu bedenken, sage allein nicht viel aus.

Mühlacker/Enzkreis. Der Landesvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) gilt seit jeher nicht eben als glühender Anhänger des regionalen Verkehrsverbunds und dessen Tarifpolitik, doch Kritik kommt auch aus dem Kreistag des Enzkreises. So stößt der CDU-Fraktion sauer auf, dass im Pforzheimer Stadtgebiet die Tickets nur um 1,9 Prozent teurer werden, während die Kunden im Umland höher belastet würden. Mit die größten Preissprünge, gibt in einer Mitteilung der Fraktionsvorsitzende Günter Bächle aus Mühlacker zu bedenken, gebe es bei den Einzelfahrscheinen für Kinder, „ihre Verteuerungen bewegen sich zwischen 7,7 Prozent bei kürzeren Fahrten über eine Zone und rund vier Prozent auf längeren Strecken und im gesamten VPE-Netz“. Dieser Aspekt ruft prompt den Kinderschutzbund Pforzheim-Enzkreis auf den Plan: Dass die Fahrpreiserhöhungen besonders Kinder „und damit Familien mit niedrigem Einkommen“ träfen, sei das falsche Signal, heißt es in einer Mitteilung vom Mittwoch. Und: „Der öffentliche Nahverkehr sollte grundsätzlich für Kinder kostenlos sein.“

Tatsächlich, bestätigt der VCD-Landeschef Matthias Lieb mit Blick auf das Beispiel der Kindertickets, lohne es sich, bei den zum Fahrplanwechsel am 15. Dezember vorgesehenen Preiserhöhungen genauer hinzuschauen. „Wenn Sie 100 verschiedene Fahrscheine haben und die jeweiligen Aufschläge durch 100 teilen, sieht das zwar besser aus, doch es fehlt die Gewichtung“, macht Lieb angesichts der vom VPE genannten 2,36 Prozent deutlich. „Wichtig ist, was beim Fahrgast ankommt.“

Als positiv bewertet er, dass der Preis für die Netz9-Jahreskarte, die einen Erwachsenen umgerechnet 35 Euro im Monat kostet, unverändert bleibt. „Das ist günstig und entspricht fast schon dem 365-Euro-Ticket, das an anderer Stelle propagiert wird“, so Lieb. Stabil bleibe auch der beliebte Kurzstreckentarif für Fahrten mit Stadt- und Regionalbus ohne Umstieg in Mühlacker und den Stadtteilen für die Zeit nach 9 Uhr, der weiterhin bei 1,60 Euro liegen wird. Ebenfalls konstant bleibt der Preis von 5,50 Euro für eine Tageskarte für Fahrten bis nach Pforzheim, bei denen eine Begleitung nur 1,10 Euro zuzahlt. Diese Konstanz sei einerseits positiv, doch andererseits, erinnert der VCD-Sprecher, habe sein Verband nach dem Vorbild anderer Kommunen ein günstigeres Tagesticket für Mühlacker für nur drei Euro gefordert. „Neue Kunden, die man für Bus und Bahn gewinnen will, steigen nicht gleich mit einer Jahreskarte ein, sondern testen das Angebot zunächst über die Tageskarte.“ Im Übrigen habe vor zwei, drei Jahren der Preis für eine Fahrt in einer Zone in Mühlacker noch bei einem Euro gelegen, erinnert der VCD-Landesvorsitzende. Gerade bei günstigen Parkgebühren in Mühlacker, argumentiert Lieb, müsse eine attraktive Alternative zum Auto geboten werden.

Stattdessen erhöhe sich der Preis für eine Zone von 2,20 auf 2,30 Euro, was 4,55 Prozent entspreche – es sei denn, der Kunde buche über das Smartphone, dann werde es mit 2,10 Euro sogar billiger. Für Inhaber einer BahnCard liegt der Preis regulär bei 1,70 Euro und beim Ticketkauf per Handy bei 1,50 Euro. Diese Strategie, um den Busfahrer vom Ticketverkauf zu entlasten, sei auch im Sinne der Pünktlichkeit richtig, so Lieb. „Allerdings haben wir dadurch für einen Fahrschein vier verschiedene Preise, was nicht nur kompliziert, sondern auch schwer zu vermitteln ist.“

Der Preis der Monatskarte für eine Zone, was zum Beispiel dem Mühlacker Stadtgebiet entspricht, klettert von 52 auf 54 Euro, während die Monatskarte für drei Zonen künftig 78 statt 75 Euro kostet. Schüler bezahlen ab 15. Dezember 59,50 statt bisher 57,50 Euro. Die Verteuerungen liegen hier, wie Matthias Lieb vorrechnet, zwischen 3,48 und vier Prozent und damit mehr oder minder deutlich über dem Durchschnittswert von 2,36 Prozent.

Der umweltpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Kreistag, Kurt Ebel, liegt hinsichtlich des Unbehagens über die Preiserhöhungen auf einer Linie mit dem früheren Mühlacker CDU-Stadtrat Matthias Lieb. Immer werde davon gesprochen, ließ Ebel verlauten, dass Bahn und Bus gestärkt werden müssten und beim öffentlichen Personennahverkehr in puncto Attraktivität noch Luft nach oben sei, gleichzeitig werde aber „in einem Automatismus die Fahrkarte immer teurer“. Deshalb müssten der Kreistag des Enzkreises und der Gemeinderat der Stadt Pforzheim gemeinsam darüber nachdenken, mehr öffentliche Mittel in den Nahverkehr zu stecken, so der Remchinger Ebel. „Wir brauchen eine Bestandsaufnahme und eine Entscheidung darüber, wie viel Geld aus der Stadt- und Kreiskasse zusätzlich in Bus und Bahn fließen soll.“

Unzufrieden, heißt es in der Mitteilung, die Fraktionschef Bächle versandt hat, seien die CDU-Kreisräte auch mit der Beteiligung des Kreistags am Verfahren für den neuen Nahverkehrsplan, der den Rahmen für die Entwicklung des öffentlichen Personennahverkehrs festlege. Die CDU fordere eine zusätzliche Beteiligung der Kreisräte nach Auswertung der am 16. Oktober endenden Online-Umfrage des Verkehrsverbunds zu den Wünschen der Bürger, heißt es in der Mitteilung. Außerdem solle der eigens angestellte Nahverkehrsplaner des Enzkreises seine Konzepte vorstellen, so die CDU-Fraktion.

Der Verkehrsverbund hatte die Anhebung der Preise mit gestiegenen Personalkosten bei gleichzeitig sinkenden Schülerzahlen – was weniger Fahrgäste und Einnahmen bedeutet – begründet. Außerdem müssten Investitionen auf dem Gebiet der Digitalisierung finanziert werden. Matthias Lieb indessen sieht auch hausgemachte Probleme, denn während andere Verkehrsverbünde teils deutliche Zuwächse verbuchten, stagnierten die Fahrgastzahlen in der Region nach jahrelangem Schwund inzwischen auf niedrigem Niveau.

Thomas Eier

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