Ärztin gibt schweren Herzens auf

Dr. Katja Riegel wird ihre Lienzinger Praxis schließen – Medizinerin leidet unter Mehrfachbelastung

Von Thomas Sadler Erstellt: 21. Dezember 2016, 00:00 Uhr
Ärztin gibt schweren Herzens auf Hört Ende März auf: Dr. Katja Riegel. Foto: Sadler

Mühlacker-Lienzingen. Wenn es die Lienzinger zwickt und sie gesundheitliche Probleme plagen, ist Hilfe nicht weit – die Allgemeinmedizinerin Dr. Katja Riegel steht ihnen in ihrer Praxis in der Neuwiesenstraße zur Verfügung. Noch ist das so. Doch bald müssen die Einwohner des Stadtteils nicht nur auf die ihnen vertraute Ärztin verzichten, sondern vermutlich ganz generell auf eine hausärztliche Versorgung vor Ort. Zum 31. März 2017 wird Katja Riegel ihre Praxis schließen.

Die 48 Jahre alte gebürtige Stuttgarterin ist seit knapp viereinhalb Jahren als selbstständige Ärztin in Lienzingen präsent. Im Juli 2012 übernahm Katja Riegel, die früher in Wiernsheim als angestellte Ärztin tätig gewesen war, die Praxis von Dr. Johannes Bastian. „Ich hatte eine Herausforderung gesucht“, sagt sie rückblickend, und eine Arbeit als selbstständige Allgemeinmedizinerin sei für sie „ein Traum“ gewesen. Doch die harte Alltagsrealität erwies sich zunehmend als ganz und gar nicht traumhaft. Neben der eigentlichen ärztlichen Arbeit mit Hausbesuchen frisst lästiger Papierkrieg viel Zeit und Energie. „Von der Glühbirne, die nicht mehr geht, bis zur Verwaltung der Praxis“ reiche das Spektrum, erzählt sie.

Rund zehn Stunden Arbeit täglich, Samstag und Sonntag Schreibtischtätigkeiten und dazu noch Fortbildungen: „Es gibt kein Wochenende, an dem ich freihabe.“ Hinzu kommen täglich familiäre Verpflichtungen: mittags kurz kochen, abends der 13-jährigen Tochter bei den Schulhausaufgaben unter die Arme greifen.

Schon im Mai habe sie gemerkt, „dass es zu viel wird“. Also suchte sie per Anzeige in Fachblättern und im Internet zunächst nach einem Kollegen, der sie als Angestellter entlasten sollte. Doch nur einer meldete sich, und der sprang schon vor dem ersten Arbeitstag wieder ab.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung, an die sie sich im Juli dieses Jahres wandte, konnte ihr Problem nicht lösen. „Die konnten mir nichts anbieten, sondern empfahlen mir, die Zahl der Patienten zu reduzieren“, berichtet die Ärztin, die eine Vollzeitkraft und zwei Teilzeitkräfte als Helferinnen beschäftigt. Doch diesen Rat konnte sie nicht befolgen: „50 Prozent der Patienten sozusagen aussortieren das passt ethisch nicht zu mir“, so Katja Riegel, zu der pro Quartal 900 bis 950 hilfesuchende Kranke kommen. Im Oktober war es dann so weit: Sie litt selbst an Erschöpfung und fühlte sich arbeitsunfähig. Hinzu kam die Angst um das Privatleben. „Meine Familie hatte immer weniger von mir, ich dachte, sie würde zerbrechen“, sagt die verheiratete Mutter. Eine Befürchtung, die den ohnehin schon heftigen Druck immer mehr verstärkte. Langsam, aber sicher reifte der Entschluss, die Praxis aufzugeben.

Aber was dann? Ihr Bemühen, einen Nachfolger zu finden, schlug bislang fehl. „Ärzte wollen heute keine Einarztpraxis mehr“, hat sie erfahren. Schon gar nicht auf dem Land, wo die Verdienstmöglichkeiten geringer sind als in größeren Städten. Da half nicht einmal ihr Angebot in einer Anzeige im Ärzteblatt Baden-Württemberg, ihre Praxis nicht über eine Ablösung abzugeben, sondern sie schlicht zu verschenken. „Es hat sich keiner gemeldet.“ Nun sehe sie keine Chance mehr, ihre Praxis in andere Hände zu geben, was ihr große Sorgen bereitet – wegen ihrer Helferinnen, die einen neuen Job brauchen, und vor allem freilich wegen ihrer Patienten. Der Abschied falle ihr sehr schwer. „Es ist schlimm, wenn mich ein Patient fragt, wo er künftig hingehen soll, und ich keine Antwort geben kann.“

Indes ist Lienzingen nicht allein mit dem Problem. Immer mehr Praxen würden auch anderswo, zum Teil altersbedingt, geschlossen. Eine Linderung könnte die Einrichtung eines Medizinischen Versorgungszentrums in Mühlacker bringen, wo Ärzte als Angestellte arbeiten könnten, glaubt Katja Riegel. Sie selbst will jetzt eine Stelle als angestellte Ärztin suchen.

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