In aller Freundschaft

Von den Wurzeln und Facetten der vielfältig ausgeprägten Beziehungen zwischen Mühlacker und Schmölln

Von Carolin Becker Erstellt: 2. September 2016, 00:00 Uhr
In aller Freundschaft Schmölln kennt Barbara Straub nicht nur von der Landkarte her. Sie gehört zu jenen Menschen in Mühlacker, die seit langer Zeit Kontakte nach Thüringen pflegen. Foto: Huber, Becker, privat

Wenige Sekunden werden die Unterschriften unter den Partnerschaftsvertrag heute Nachmittag in Anspruch nehmen. Viele Jahrzehnte währt dagegen schon die Freundschaft zwischen Mühlacker und Schmölln. Die Wurzeln liegen im kirchlichen Bereich.

Mühlacker/Schmölln. „Das muss irgendwann vor … angefangen haben“: Wer sich auf Spurensuche in Sachen Freundschaft zwischen Mühlacker und Schmölln begibt, bekommt diesen unvollständigen Satz häufiger zu hören. Lang währt die Bindung, doch welches Ereignis gab wann den Ausschlag dafür, die Bande zu knüpfen? Selbst eine Anfrage bei der Pressestelle der Evangelischen Landeskirche in Württemberg fördert kein genaues Datum zutage. „Der württembergischen Landeskirche wurde die thüringische als Partnerkirche zugeordnet“, weiß Dan Peter, Leiter des Referats Publizistik und Vertreter des Pressesprechers. Er selbst habe als Gemeindepfarrer Reisen in den Osten als Konstante erlebt. Man habe sich in kleineren und größeren Nöten unterstützt. „Das hat unsere ganze Landeskirche durchzogen“, sagt Peter. Nach der Wende seien die Kontakte indes nicht überall im selben Maß wie zuvor weitergeführt worden.

Mühlacker und weitere Gemeinden im Kirchenbezirk stellten ein positives Gegenbeispiel dar, weiß Barbara Straub, die Vorsitzende des Mühlacker Gesamtkirchengemeinderats, die zur offiziellen Delegation gehört und heute nach Schmölln aufbricht. Beileibe nicht zum ersten Mal: Um 1983 sei sie mit dem damaligen Dürrmenzer Pfarrer Kurt Rose und einer Gruppe Jugendlicher zum ersten Mal zu Besuch in der Knopfstadt gewesen. Bereits zwei Jahre früher seien Rose und das langjährige Kirchengemeinderatsmitglied Hansjörg Pfrommer nach Schmölln gefahren. Hintergrund sei zum einen gewesen, dass Roses in seiner Vikariatszeit zugeordneter Patenvikar mittlerweile als Pfarrer in Schmölln arbeitete. Zum anderen sei bereits in den 1950er Jahren im Zug der auf Anregung des Hilfswerks der Evangelischen Kirche Deutschlands geknüpften Bindungen zwischen Württemberg und Thüringen dem Kirchenbezirk Mühlacker der Kirchenkreis Schmölln zugeordnet worden. „Man schrieb Briefe zunächst an die Pfarrämter, dann direkt an zugeteilte Familien, schickte später auch Päckchen“, hat Barbara Straub in Erfahrung gebracht. Auch Besuche von DDR-Bürgern im Westen seien vor dem Mauerbau keine Seltenheit gewesen.

Die unterschiedlichen Systeme hätten den persönlichen Begegnungen in der Folge freilich Hürden in den Weg gestellt. „Ich erinnere mich an einen Besuch in Schmölln, zu dem wir einen Zivildienstleistenden mitnehmen wollten. Der hätte eigentlich gar nicht einreisen dürfen. Irgendwie hat es aber dann doch geklappt.“ Irgendwie habe es auch funktioniert, die Freunde im Osten mit den begehrten Südfrüchten zu versorgen. „Wenn wir in Schmölln waren, gab es Gemeindeabende in der Kirche, bei denen wir ganze Obstbüfetts aufgebaut haben“, berichtet Barbara Straub. „Die Stasi wusste ganz sicher davon. Aber man ließ uns gewähren.“

Die Beziehung zwischen West und Ost, in der der im vergangenen Jahr verstorbene Dekan Eisner eine prägende Rolle gespielt habe, sei freilich keine Einbahnstraße gewesen. Profitiert hätten beide Seiten. „Für uns waren die Besuche hochinteressant“, denkt Barbara Straub an den regen Informationsaustausch, an gemeinsam gefeierte Gottesdienste, an Einblicke in die Lebenswelt und an Ausflüge in die Kulturhochburgen Weimar, Erfurt und Dresden, an Fahrten auf den Spuren Bachs und Luthers, auch an Reisen nach Buchenwald zurück. „Es war ein Geben und Nehmen“, betont sie, „eine Paten-, aber auch eine Partnerschaft.“ Die Partner aus dem Westen leisteten auch ganz konkrete Aufbauhilfe. Einmal im Jahr sei das Opfer im Kirchenbezirk speziell für die Freunde im Osten bestimmt gewesen. Ein Gerüst – heute noch im Einsatz – sei ebenso angeschafft worden wie etwa Kupfernägel für Bauarbeiten und ein Rasenmäher für den Friedhof. Viele Kontakte hätten die Wendezeit überdauert. „Nun bin ich gespannt, was die beiden Städte aus der Partnerschaft machen“, sagt Barbara Straub.

Einer derjenigen, der diesen neuen Schritt mit auf den Weg gebracht hat, ist der Mühlacker Stadtrat Günter Bächle. Schon als Kind habe er Schmölln bereist, berichtet er in seinem Weblog: „Ich fuhr erstmals im April 1964 als Schüler nach Schmölln zur Familie, mit der wir seit 1961 in postalischem Kontakt standen (…). Die Adresse hatten wir von der legendären Religionslehrerin Traub.“ Als 13-Jähriger sei er bei seinem ersten großen Ausflug allein in die weite Welt an die Grenzen des schwäbischen Kosmos gestoßen: Das Ansinnen, in der Bäckerei am Markt „Weckla“ zu kaufen, habe für fragende Gesichter gesorgt. „Ach, Brötchen meinst Du“, habe sich dann doch eine Lösung gefunden. In der Wendezeit hätten Schmöllner Bürger Kontakt zur Mühlacker Stadtverwaltung gesucht und um verwaltungstechnische Aufbauhilfe gebeten. Günter Bächle: „OB Gerhard Knapp fuhr zu einem Treffen des Runden Tisches ins Tal der Sprotte. Ich erinnere mich, wie ich mit Freunden aus Mühlacker – unter anderem der damaligen Stadträtin Erika Gerlach – und Schmölln einen Tag vor den ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 für die ,Allianz für Deutschland‘ auf dem Markt wahlkämpfte.“

Der Kontakt zur befreundeten Familie, an die man über Jahre hinweg Päckchen mit nicht verderblichem und in der DDR schwer zu bekommendem Inhalt geschickt habe, sei nie abgerissen. Ähnliches gelte auch auf Verwaltungsebene.

Auf der Homepage der Stadt Mühlacker, deren Ex-OB Gerhard Knapp Ehrenbürger von Schmölln ist, tauchte bereits lange vor der Vertragsunterschrift das Stichwort Schmölln unter der Rubrik „Städtepartnerschaften“ auf. Im zugehörigen Artikel wird auf eine Verwaltungspartnerschaft, den kommunalpolitischen Austausch und freundschaftliche Beziehungen verwiesen. Dass diese nun endlich einen offiziellen Charakter bekommen, findet Günter Bächle richtig und wichtig: „Es lohnt sich, diese Freundschaft, die unterschiedliche Systeme überstanden hat, weiter zu vertiefen“, ist er überzeugt und hofft auf einen verstärkten menschlichen Austausch.

Einen solchen pflegen seit Jahrzehnten die Feuerwehren aus Mühlacker und Schmölln. Maßgeblich vorangetrieben worden seien die Kontakte seit der Wendezeit von Kurt Fiedler und dessen Nachfolger Michael Oser, hat Abteilungskommandant Matthias Donath recherchiert. Zunächst sei Hilfe in Sachen Technik im Mittelpunkt gestanden. Über die Unterstützung bei der Anschaffung hydraulischer Rettungsgeräte hinaus habe es Ausbildungsdienste gegeben, Gruppen seien dazu nach Mühlacker gekommen, man habe sich gegenseitig besucht, und schließlich hätten sich teils intensive Freundschaften entwickelt. Ein öffentlichkeitswirksamer Beleg: Die Kameraden aus Schmölln seien regelmäßig mit einem Stand beim Straßenfest zu Gast. „Ihr Mutzbraten ist ungemein beliebt“, betont Schriftführer Dirk Möller. Für die Kollegen im Dienst werde stets eine Extraportion hinterlegt. Nach wie vor stehe man im Austausch über feuerwehrtechnische Neuerungen. Längst bewege man sich auf Augenhöhe, sagt Matthias Donath: „Die Ausbildung dort ist top.“

Auch auf musikalischer Ebene werden seit Jahrzehnten Freundschaften zwischen Württemberg und Thüringen gepflegt. Zwischen der Musikschule in Schmölln und der Musikschule Gutmann bestehe eine Partnerschaft, sagt Herta Gutmann. Erste Kontakte zu ihrem Schulleiterkollegen Holger Runge seien Anfang der 90er Jahre entstanden. Seine Schützlinge hätten nach aktuellem Notenmaterial gelechzt. „Also haben wir Carepakete mit Rock- und Pop-Literatur nach Schmölln geschickt“, erinnert sich Herta Gutmann. Speziell die Anhänger der E-Gitarre – zu DDR-Zeiten sei das Instrument dort Stromgitarre genannt worden – seien so beliefert worden. Ein erster Besuch in Schmölln – viele weitere sollten folgen – ist der Musikschulleiterin aus Mühlacker gut im Gedächtnis geblieben. Der damalige Bürgermeister Herbert Köhler habe den Gästen die vielen Baustellen in seiner Stadt gezeigt, die sich kurz nach der Wende noch in einem schlechten Zustand präsentiert habe. „Schon bald waren aber Fortschritte zu erkennen“, weiß Herta Gutmann aus eigener Anschauung. In die Sanierung sei jede Menge Herzblut investiert worden. Inzwischen präsentiere sich Schmölln als aufstrebende Kommune und optisch als wahres Schmuckstück. Gleiches gelte für die Musikschule, zu deren Leiter sie immer noch in Kontakt stehe. „Die Freundschaft lebt“, betont Herta Gutmann und verweist auf Konzertreisen in beide Richtungen, die nach wie vor stattfänden. Auch der Austausch der Unterrichtsliteratur sei längst gegenseitiger Natur. „Ich freue mich riesig, mitzufahren“, blickt sie auf die Reise voraus.

In Schmölln wird nicht nur heute der Partnerschaftsvertrag unterzeichnet, sondern auch das ganze Wochenende über das 950-jährige Bestehen des Orts gefeiert. Ganz so alt sind die Beziehungen nach Mühlacker zwar noch nicht. Doch was sind schon Zahlen, wenn der Inhalt stimmt?

Carolin Becker

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