Immer auf Achse

Stars des Alltags: Das Mühlacker Tagblatt stellt in einer neuen Reihe außergewöhnliche Menschen vor – Folge eins: Martina Kellner

Von Carolin Becker Erstellt: 29. Dezember 2014, 00:00 Uhr
Immer auf Achse Nicht nur in den sommerlichen Diefenbacher Weinbergen ist Martina Kellner auf ihrer Suzuki unterwegs. Sie geht das ganze Jahr über auf Tour. Foto: Fotomoment

Einen Stern auf dem Hollywood-Boulevard haben sie nicht. Aufmerksamkeit verdienen sie dennoch. Den Stars des Alltags widmet unsere Zeitung deshalb eine neue Reihe. Die Idee: Wir porträtieren eine bemerkenswerte Persönlichkeit, die nicht nur Spannendes von sich erzählt, sondern auch den Kandidaten für die nächste Folge nominiert.

Mühlacker. In ihrem Kinderzimmer hingen Poster von David Cassidy und den Bay City Rollers. Helden einer ganzen Generation, angehimmelt, bewundert, nachgeahmt, auch von dem jungen Mädchen aus Mühlacker, das sich fern von Musik- und Filmbusiness längst selbst Bewunderung verdient hat. Aus der Jugendlichen, die nach Grund- und Hauptschulbesuch im Kaufhaus Sämann eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau absolvierte, ist die Podologin, die Hospizbegleiterin, die leidenschaftliche Motorradfahrerin, die sozial und im Tierschutz engagierte dreifache Mutter Martina Kellner geworden. Ein Star, der keine Autogramme, aber eine bemerkenswerte Lebensgeschichte schreibt.

„Direkt nach mir kam Glööckler“, erinnert sich die heute 53-Jährige an das Ende ihrer Ausbildung. Doch anders als die Karriere des schillernden Modedesigners aus Zaisersweiher verlief der Weg der in Pforzheim geborenen Fast-Kollegin unspektakulär. Sie heiratete, zog ins Badische und half in der Familienphase der Betreiberin eines Fußpflegegeschäfts im Büro aus. Irgendwann stand fest, dass sie in ihren ursprünglich erlernten Beruf nicht mehr zurückkehren wollte. Als sich die Gelegenheit ergab, übernahm sie das Geschäft und erwarb Schritt für Schritt bei renommierten Lehrern das nötige Fachwissen. Der Gesetzgeber, der 2002 das Berufsbild in neue Richtlinien goss, stellte sie vor die Herausforderung, die Prüfungen zur Podologin abzulegen. „2006 war ein hartes Jahr“, blickt Martina Kellner auf die auch privat nicht ungetrübte Zeit zurück, als sie zusätzlich zu Beruf und Familie die Belastung auf sich nahm, an vielen, vielen Wochenenden nochmals die Schulbank zu drücken. „Meine Kinder haben mich ganz toll unterstützt“, lobt sie die heute 33 und 19 Jahre alten Söhne und die inzwischen 25-jährige Tochter. Bereuen musste das Engagement der Mutter niemand: Seit 2006 ist Martina Kellner, die in Diefenbach lebt, geschäftlich ausschließlich in Mühlacker zu Hause. Mit ihrer Praxis steht sie im besten Wortsinn auf eigenen Füßen, beschäftigt ein kleines Team und gibt gern auch Wiedereinsteigerinnen nach der Elternzeit eine Chance. „Wer offen ist, bekommt auch viel zurück“, schildert Martina Kellner ihr Credo. Der Beruf bereite ihr Freude, fordere sie nicht nur in der Arbeit am gesunden wie am kranken Fuß. „Manchmal ist man Aufmunterer, mal Zuhörer, mal Krankenpfleger, mal Philosoph“, umreißt sie die Facetten ihrer Tätigkeit. Doch zur ganz in Weiß gekleideten Podologin, deren volle Aufmerksamkeit den Kunden gilt, gibt es auch ein Pendant in Motorradkluft, das den eigenen langgehegten Traum von Freiheit auf zwei Rädern lebt. „Beruf, Familie – irgendwann war auch mal ich dran“, erzählt Martina Kellner von der 125er Suzuki Marauder, deren Anziehungskraft sie eines schönen Tages nicht mehr widerstehen konnte. „Ich wollte immer schon Reiseziele von früher ein zweites Mal mit dem Motorrad ansteuern“, nennt sie einen jener Punkte, die sie auf dem Höhepunkt einer privaten Krise auf einem Wunschzettel festgehalten hatte.

Endgültig vom Motorradvirus befallen, landete sie in einem Internetforum für begeisterte Biker, fand Anschluss an Gleichgesinnte, erhielt wertvolle Tipps und ist längst, wie sie selbst sagt, zur guten Seele der Gemeinschaft avanciert, die ihr Organisationstalent einbringt, um eigene und die Träume anderer in Touren umzusetzen.

Die Reise auf die Insel Teneriffa, die Martina Kellner auf einer gemieteten BMW erkundete, sollte freilich nicht ohne Folgen bleiben. Die Bilder, die sie auf Facebook veröffentlicht hatte, riefen das Interesse der Motorrad-Fachzeitschrift Alpentourer hervor, und kurz bevor die Diefenbacherin zu ihrer nächsten großen Reise in Richtung Sardinien aufbrach, erhielt sie den Auftrag, eine Reportage über ihr Teneriffa-Abenteuer zu verfassen. „Da war Nachtarbeit angesagt“, beziffert die Podologin und Neu-Autorin den Aufwand auch „sicher 80 Stunden“. Nicht nur ihren mehrseitigen Text fand sie schließlich in der August-Ausgabe wieder, sondern auch einige ihrer Fotos und einen Infokasten mit Tipps für Tagestouren. Das Hochgefühl, eine Zeitschrift mit einem eigenen Artikel in den Händen zu halten, wird sich bei Martina Kellner in Zukunft wohl noch häufiger einstellen. Die Redaktion jedenfalls habe an ihrer Sardinientour bereits Interesse angemeldet.

Der Motor der 53-Jährigen läuft auf Hochtouren: Ob sie eine eigene Website an den Start bringt, sich ihren Kunden widmet oder wie im vergangenen Sommer durch Amerika reist und in den von Udo Jürgens besungenen zerriss’nen Jeans über die Golden-Gate-Bridge fährt – Martina Kellner sieht sich auf der Sonnenseite des Lebens. „Ich habe Grund, etwas zurückzugeben“, nennt sie, die langjährige Elternbeirätin, eine der Überlegungen, die sie im Jahr 2013 dazu motiviert habe, eine Ausbildung zur Hospizbegleiterin zu absolvieren. Die tägliche Arbeit mit Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen, der Kontakt zu Kunden in Alten- oder Behindertenwohnheimen beschere ihr die nötige Sensibilität. „Spinnst du?, haben mich manche Bekannte gefragt, als ich ihnen von meinem Engagement berichtet habe. Aber ich weiß, welche Belastungen Familien verkraften müssen, die schwer kranke Menschen pflegen, und ich bin froh, wenn ich da ab und zu zu einer kleinen Auszeit verhelfen kann.“ Ihr eigener Notfallplan sei längst geschrieben. „Sterben gehört zum Leben“, sagt Martina Kellner, „wir haben alle nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung.“

Ihre eigene Zeit nutzt Martina Kellner nicht nur in der Schönwetterphase für Touren, die sie inzwischen auf ihrer 600er Suzuki Bandit genießt. „Die Maschine ist Baujahr 1999, schnurrt aber immer noch wie ein Kater“, schwärmt sie und schlägt mit ihrem tierischen Vergleich die Brücke zu einer weiteren Spezies, die ihr am Herzen liegt. Mit eigenen Samtpfoten teilt sie das Zuhause, verwilderte fängt sie ein, bringt sie zur Sterilisation und versucht, Jungtiere in liebevolle Hände zu vermitteln. „Irgendwann waren rund um den Friedhof einfach zu viele herrenlose Katzen unterwegs, da musste jemand handeln“, erläutert die Menschen- und Tierfreundin, weshalb sie Zeit und Geld in eine weitere gute Sache investiert. „Wir sind stolz auf unsere Mutter“, möchte Tochter Patricia den Tanz auf vielen Hochzeiten gewürdigt wissen. Ein Star des Alltags sei sie in ihren Augen auf jeden Fall.

Ein Star wie einst die Helden der Jugend? Heute rufe ihre Bewunderung hervor, wer Herzlichkeit, Wärme, Freundlichkeit ausstrahle und nicht egoistisch sei, entwirft Martina Kellner ein wesentlich aktuelleres Bild als jene längst verblassten Poster von Cassidy und Co.

Carolin Becker

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