Großbrand hat juristisches Nachspiel

Nach dem Feuer an der Bahnhofstraße im Juni 2017: 64-Jähriger muss sich wegen fahrlässiger Brandstiftung verantworten

Von Lukas Huber Erstellt: 11. April 2018, 00:00 Uhr
Großbrand hat juristisches Nachspiel Ein Luftbild, das während des Feuerwehr-Einsatzes am 14. Juni 2017 an der Bahnhofstraße von einer Drohne aufgenommen wurde, zeigt das Ausmaß der Zerstörungen.Archivfoto: Feuerwehr Mühlacker

Der Großbrand im Juni 2017 in der Mühlacker Innenstadt erlebt sein juristisches Nachspiel – und der Angeklagte, der sich wegen fahrlässiger Brandstiftung verantworten muss, erscheint im Verfahren als Täter und Opfer zugleich.

Maulbronn/Mühlacker. „Heute ist Ihr Glückstag!“, sagte am Ende der Verhandlung Dr. Bernd Lindner zu dem 64 Jahre alten Angeklagten. Auf eine Verurteilung wurde verzichtet, der Maulbronner Amtsgerichtsdirektor stellte das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung unter der Auflage ein, dass der Mann innerhalb von vier Monaten 120 Sozialstunden ableistet.

Verhandelt wurde wegen eines spektakulären Feuers mitten in der Stadt, und wer sich am Vormittag jenes 14. Juni 2017 in der Mühlacker Bahnhofstraße aufhielt, dem dürften die Bilder noch gut in Erinnerung geblieben sein. Die Rauchsäule, die über der Innenstadt aufstieg, war kilometerweit sichtbar. Bei Reparaturarbeiten auf dem Dach im rückwärtigen Bereich eines Wohn- und Geschäftshauses an der Bahnhofstraße 98 war ein Feuer ausgebrochen, und annähernd 100 Einsatzkräfte der Feuerwehr kämpften gegen die Flammen, die sich in den Dachstuhl des Gebäudes gefressen hatten.

Im Prozess schilderte der mutmaßliche Verantwortliche aus seiner Sicht, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Der Mann, der nach eigenen Angaben sein Leben lang als Dachdecker gearbeitet hat, war, wie er berichtete, vom Eigentümer des Hauses auf 450-Euro-Basis angestellt gewesen und hatte den Auftrag erhalten, das undichte Flachdach abzudichten: „Er meinte, dass Wasser in sein Büro eindringt.“

Als er gemeinsam mit einem Kollegen mit Hilfe eines Gasbrenners Bitumenplatten verlegt habe, habe er plötzlich Rauch aus einer Ritze aufsteigen sehen. „Ich habe die Stelle mit einer Kelle geöffnet, Flammen gesehen und sofort den Eigentümer verständigt.“ Der sei mit einem Feuerlöscher angerückt, sein Kollege habe mit Wasser zu löschen versucht – jeweils ohne Erfolg. Am Ende entstand ein Schaden, den Maria-Teresa Grillo-Bencivinni als Vertreterin der Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift auf rund 680000 Euro bezifferte. „Sie hätten die Gefahr, dass das Gebäude in Brand geraten könnte, erkennen und sicherstellen müssen, dass kein Feuer mit brennbaren Gebäudeteilen in Berührung kommt“, sprach sie den Beschuldigten an. Damit sei der Tatbestand der fahrlässigen Brandstiftung erfüllt.

Der Mann war zwar Anfang des Jahres bereits per Strafbefehl zu einer Geldstrafe verurteilt worden, doch diese Schuldzuweisung wollten aus verschiedenen Gründen weder er noch sein Verteidiger Reinhold Berg akzeptieren. „Wir verstehen nicht, was mein Mandant falsch gemacht hat“, führte Letzterer aus. Beispielsweise habe sein Mandant nie einen Einblick in das Gebäude bekommen und daher nicht wissen können, dass unter dem Dach eine Holzbalken-Konstruktion und Styropor verbaut sei, nannte der Anwalt ein Argument. Der Eigentümer hingegen kenne den verschachtelten Komplex und habe in Kauf genommen, dass sein Klient die Schweißarbeiten durchführe. „Warum sitzt also er selbst nicht auf der Anklagebank?“

Amtsgerichtsdirektor Dr. Bernd Lindner vertrat die Ansicht, dass der Angeklagte seiner Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen sei. „Ich glaube Ihnen, dass Sie den Brand nicht absichtlich verursacht haben, und gewiss sind Sie kein schlechter Mensch. Aber Sie hätten die Gefahr voraussehen können.“ Was der Angeklagte offenbar auch getan habe, so Lindner, denn: „Sie hatten ja einen Feuerlöscher und einen Wassereimer bereitgestellt.“ Außerdem, machte der Richter deutlich, „hätte eine Fachfirma zuerst geschaut, was sich unter dem Dach befindet.“

Verteidiger Berg gab zu bedenken, dass sein Klient zwar als Dachdecker gearbeitet habe, aber stets nur als Helfer. „Er ist kein gelernter Dachdecker oder Meister und hatte nie die Aufgabe, Gebäude zu besichtigen.“ Trotz der Panik, entgegnete der Richter, habe es im Übrigen die Möglichkeit gegeben, schneller zu reagieren und, anstatt den Eigentümer zu verständigen, selbst rasch zum Feuerlöscher zu greifen. „Möglicherweise hätte dadurch Schlimmeres verhindert werden können.“ Dazu Reinhold Berg: „Das wissen wir nicht.“

Am Ende folgte die Einstellung des Verfahrens, ohne dass ein Schuldspruch erging. Auch unter dem Aspekt, dass auf den Angeklagten noch ein ungleich größeres Unheil als eine Geldstrafe wegen Fahrlässigkeit zukommen könnte. Wie Anwalt Reinhold Berg erklärte, habe sein Klient zwar eine Haftpflichtversicherung, doch die greife nicht im Rahmen einer beruflichen Tätigkeit. „Daher lehnt die Versicherung es ab, den Schaden zu übernehmen.“

Damit, so Lindner, der Verständnis für die missliche Lage des 64-Jährigen zeigte, sei dieser genug gestraft. „Sie machen einen Fehler, und alles, was Sie sich im Leben erarbeitet haben, ist dahin.“

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