Gemühlackert wie die Sau

Einheimische und auswärtige Besucher sind voll des Lobes: Bilderbuchstart der Gartenschau macht Appetit auf mehr

Von Thomas Eier Erstellt: 11. Mai 2015, 00:00 Uhr
Gemühlackert wie die Sau Beste Aussichten für die verbleibenden 126 Tage verspricht der Auftakt der Gartenschau: Am ersten Wochenende strömen geschätzte 15000 Besucher in die Anlagen. Foto: Huber, Fotomoment (2), Deeg

Beste Stimmung trotz Regenschauer bei der Eröffnung, Bilderbuchwetter und Massenandrang am Muttertag: Mit rund 15000 Besuchern an zwei Tagen hat die Gartenschau Enzgärten, wie Oberbürgermeister Frank Schneider schwärmt, einen „Auftakt nach Maß“ verbucht.

Mühlacker. Stuttgart, Karlsruhe, Ludwigsburg, Böblingen, Esslingen, Aalen, Heilbronn: Die Kennzeichen der Autos, die am Sonntag die Parkplätze rund um die Enzgärten belegen, zeugen von der überregionalen Ausstrahlung des Großprojekts. Irgendwann muss der Sämann-Parkplatz als zusätzliche Abstellfläche geöffnet werden. „Aber alles wie geplant“, betont der OB, der wie seine Mitarbeiter und Helfer von einem Bilderbuchstart der Gartenschau schwärmt. Die Organisation passt, die Besucher strömen, und sie sind vom Gelände schlichtweg begeistert. „Wunderschön!“, sagen Mutter und Tochter aus Nürtingen, die es sich im Biergarten am Waldensersteg bequem gemacht haben.

Fast noch wichtiger: Auch die Mühlackerer selbst sind beeindruckt von dem, was ihre Stadt zu bieten hat. Der Erfolg des Wochenendes, freut sich OB Schneider, sei eine Bestätigung für alle, die Entscheidungen getroffen und mit angepackt hätten. „Der Kelterplatz ist voll, die dortigen Lokale sind voll – die Gartenschau strahlt, wie erhofft, auch in die Stadt hinein.“

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Männliche Besucher tummeln sich am verbotenen Ufer

Den Grundstein für ein grandioses Wochenende hatte die gelungene Eröffnungsfeier gesetzt, die den Start in ein 128 Tage währendes Dauerprogramm in den Enzgärten markierte. Unter der Regie der SWR-Moderatorin Sonja Faber-Schrecklein, die den Grußrednern und Gesprächspartnern mühelos die Schau stahl, lieferte der Festakt – nach den Fanfarenklängen der Trommler und Pfeifer und zu den gefeierten Einlagen des Musikvereins – erstaunliche Fakten zur Heimatkunde zutage. Wer hätte schon gewusst, dass sich die männlichen Ehrengäste in der Heinzelmann-Halle auf der falschen, verbotenen Flussseite tummelten? Laut einer Verordnung von 1922, teilte der OB dem verblüfften Publikum mit, galt für das damalige Naturfreibad die Regel: Das flussabwärts gesehen linke, attraktivere Ufer ist den Frauen und Mädchen vorbehalten, während Knaben und Männer nur auf der steilen Dürrmenzer Seite zugelassen sind. Wer gegen die Trennung der Geschlechter verstieß, dem drohten – ein amüsiertes Raunen im Publikum – bis zu acht Tage Haft.

Bunt gemischt war die Schar der geladenen Gäste, die mit einer nie dagewesenen Promi-Dichte bestach. Angeführt von Landesminister Alexander Bonde und Bettina Gräfin Bernadotte von der Blumeninsel Mainau gaben sich Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft die Ehre. Von den Stadt- und Kreisräten über die komplette Bürgermeister-Gilde der Umgebung, die Vertreter von Landkreis und Verbänden, die Abgeordneten aus Bund und Land bis hin zum ehemaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus, der beim Zuschlag 2009 ein gewichtiger Fürsprecher der Gartenschau war, bot die Gästeliste alles, was Rang und Namen hat. Die früheren Oberbürgermeister Gerhard Knapp, Klaus Schönfeld und Arno Schütterle standen für die lange Vorgeschichte der Enzgärten, die einst als Stadtgarten angedacht waren und heute ein Ereignis der Superlative darstellen. Die Eröffnung, mutmaßte Stadtrat Rolf Leo aus Dürrmenz, sei einer der bedeutendsten, wenn nicht der bedeutendste Moment in der 85-jährigen Geschichte Mühlackers seit der Verleihung der Stadtrechte.

„Ond wer macht dann Ihr G’schäft?“

An blumigen Worten mangelte es nicht bei der Eröffnungszeremonie, die von einer ansteckenden Freundlichkeit und Fröhlichkeit geprägt war, die alle Beteiligten mitnehmen wollen in die nächsten Wochen und Monate. „Die Stadtgemeinschaft ist zusammengewachsen“, stellte der Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Alexander Bonde, fest und meinte das im doppelten Sinn: Zum einen habe die Renaturierung der Enz als Kernstück der Schau die städtebauliche Trennung von Dürrmenz und Mühlacker durch eine graue Rinne aufgehoben, zum anderen seien gemeinsam bleibende Werte geschaffen worden. „Es wurde gemühlackert wie die Sau“, beschrieb Sonja Faber-Schrecklein anschaulich die Leistung aller Beteiligten.

Ihnen galt auch der Dank von OB Schneider, der von einem „neuen Kapitel in der Stadtgeschichte“ sprach. Die Nachhaltigkeit des Projekts betonte Professor Hubert Möhrle, der Vorsitzende der Fördergesellschaft der baden-württembergischen Landesgartenschauen BWGrün, während Landrat Karl Röckinger als alter Dürrmenzer vom Erdbeerpflücken im heimischen Garten und den Kindheitserlebnissen an der Enz erzählte. Und was ist sein persönliches Highlight in den Enzgärten?, wird der Landrat von der Moderatorin gefragt. Er werde sich von Tag zu Tag entscheiden, erweckt Röckinger im Bemühen, diplomatisch zu sein, den Eindruck eines Daueraufenthalts. Faber-Schrecklein: „Ond wer macht dann Ihr G’schäft?“

Auch ökonomisch sollen die Enzgärten mit 15000 verkauften Dauerkarten ein Erfolg werden, und vielleicht hatte Faber-Schrecklein diesen Aspekt im Kopf, als sie einen „ökonomischen“ statt eines ökumenischen Segens durch Dekan Claus Schmidt ankündigte. Der griff den Versprecher schlagfertig auf und verwies darauf, dass auch die Kirche beim engen Zeitplan des Festakts ökonomischen Zwängen unterliege: Als er im Vorfeld die Organisatoren gefragt habe, was zu diesem speziellen Anlass passen würde, habe er die Antwort erhalten: egal, Hauptsache kurz!

Den ökonomischen ökumenischen Segen haben die Enzgärten erhalten, und an Petrus’ Beistand fehlt es zum Auftakt ebenfalls nicht. Die Mühlacker Gartenschau ist eröffnet, weitere Festtage können folgen.

Die Kassen der Gartenschau Enzgärten in Mühlacker haben täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Zutritt ist bis 20.30 Uhr möglich.

Thomas Eier

Redaktionsleiter E-Mail: redaktion@muehlacker-tagblatt.de Telefon: (07041) 805-27

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