Das Wunder von Enzberg

Vom An- und Zurechtkommen in einem fremden Land, von Erfolgen und Hindernissen, Wünschen und erfüllten Träumen

Von Carolin Becker Erstellt: 31. Dezember 2015, 00:00 Uhr
Das Wunder von Enzberg Als eine von wenigen Stipendiaten wurde Negin Moshki im Sommer dieses Jahres ans Heidelberger Krebsforschungszentrum eingeladen, wo sie „wie die echten Studenten“ im Labor arbeiten durfte. Dafür gab es am Ende einen Laborführerschein. Derjenige fürs Auto ist noch in Arbeit. Foto: Becker

Ein eigenes Türschild, ein Spitzendeckchen auf dem Wohnzimmertisch, darauf Bienenstich und Kaffee: Die einen mögen das unter der Kategorie normal abhaken. Andere nennen es ein Wunder. Andere – wie die Familie Moshki.

Mühlacker-Enzberg. Normal – das war für die 18-jährige Negin Moshki, die jüngeren Geschwister Neda und Nima sowie die Eltern Alireza und Leila noch bis zum Frühjahr 2013 ein gut situiertes Leben in Teheran, geprägt von Erfolgserlebnissen in Beruf, Schule, Sport und Musik. Unter der glänzenden Oberfläche jedoch regierte die nackte Angst. Nur im Geheimen durften die zum Christentum konvertierten Eltern ihren Glauben praktizieren und sahen sich permanent von Verhaftung und Schlimmerem bedroht. Als letzten Ausweg wählte die Familie letztlich die Flucht nach Europa, wo nach verschiedenen Zwischenstationen ein 30 Quadratmeter großer Container in Wiernsheim zur ersten dauerhaften Wohnstätte der Asylbewerber wurde.

Vor rund einem Jahr gewährte Negin, als lerneifrige und überaus begabte Schülerin gerade mit einem Stipendium der Stiftung „Talent im Land“ ausgestattet, unserer Zeitung erstmals Einblicke in ihr Leben, das sich auf engstem Raum zwischen Stockbetten und winzigem Esstisch, schlimmer noch aber im Nebel der Ungewissheit über das weitere Schicksal abspielte. Zwölf Monate später bietet sich Besuchern ein anderes Bild. Der aufsteigender Feuchtigkeit gegenüber wenig wehrhafte Containerboden ist gemauertem, mit Teppichböden belegtem Untergrund gewichen, als Sitzmöbel müssen im neuen Heim nicht mehr die Betten dienen, und die Schulbücher Negins, Nedas und Nimas, die mittlerweile alle das Pforzheimer Hebel-Gymnasium besuchen, stehen in Regalen, statt sich auf Kleiderschränken zu stapeln. „Es ist ein Wunder“, sagt Negin, wenn sie auf den 18. April zurückblickt, als für die Familie mit dem Einzug in ein kleines Haus in der Nähe des Enzberger Bahnhofs ein neuer Abschnitt in ihrem neuen Leben begann. „Das war so großartig, ich konnte schon zwei, drei Wochen vorher vor Aufregung kaum noch schlafen“, erzählt die Neuntklässlerin.

Lange vorher hatten Alireza Moshki und seine Frau nach einer passenden Wohnung gesucht und irgendwann konkret auf ein größeres Objekt in Wiernsheim gehofft. „Die Wohnung hätten wir uns aber mit einer anderen Familie teilen müssen“, erläutert Negin, weshalb dieses Angebot nicht infrage gekommen sei. „Wir haben gezweifelt, ob die Entscheidung richtig war“, blickt die 18-Jährige zurück, sieht sich aber in der weiteren Entwicklung bestätigt. „Alles war Gottes Plan“, formuliert sie in flüssigem Deutsch ihre Überzeugung, „man muss nur vertrauen, Geduld haben und beten, dann gibt er einem das Beste.“ Und tatsächlich fügte sich für die Familie in der Folge vieles zum Guten.

Als Negin für eine iranische Freundin bei einem Arztbesuch dolmetschte, lernte sie eine Frau kennen, deren Elternhaus gerade leer stand und für das Mieter gesucht wurden. Rasch war klar, dass mit den Moshkis genau die Richtigen gefunden waren, und auch das Landratsamt gab grünes Licht für den Umzug. Couchgarnitur, Schränke sowie weitere Möbel der früheren Bewohner und die wenigen Habseligkeiten der Familie machen sich gegenseitig den Platz nicht streitig.

Ihren Platz haben die Geschwister inzwischen auch in der Schule gefunden. „Es läuft immer besser“, sagt Negin und meint damit nicht nur die Noten, die ihr schon am Ende des letzten Schuljahres einen Preis eingetragen haben, sondern auch den Kontakt zu ihren Klassenkameraden. „Anfangs habe ich eine gewisse Scheu gespürt“, blickt sie zurück, „doch inzwischen wissen sie, dass man mit mir Spaß haben kann, auch wenn ich etwas älter bin als sie.“ Die Einladung zu ihrem Geburtstag habe endgültig das Eis gebrochen. Auch der Instrumentalunterricht – Negin spielt Geige und Klavier – mache ihr nach wie vor Freude. Beethovens F-Dur-Romanze stehe gerade auf dem Übplan, und das Klavierlernen sei auch deshalb wichtig, weil sie an diesem Instrument die Lieder in ihrem Hauskreis begleiten könne.

Im christlichen Glauben ist die ganze Familie fest verankert. Ihre Taufe haben Negin und Neda im Mai auf ganz besondere Weise im Neckar erlebt. Sie sei extra lang unter Wasser geblieben, um zu fühlen, wie sie als neuer Mensch wieder auftauche, erzählt Negin. Eingetaucht ist sie mittlerweile in die deutsche Gesellschaft. Dabei sei manches im Iran gepflegte Klischee über Bord gegangen. „Die Menschen hier sind nicht spröde und unfreundlich, wie es uns zu Hause gesagt wurde“, betont Alireza Moshki, auch stelle Europa nicht das Zentrum der Sünde dar, wie es in den Schulen gelehrt werde, ergänzt seine Tochter Negin. Sie sei froh, frei ihre Meinung sagen zu dürfen, und nutze die durch ihr Stipendium entstandenen Kontakte, um beispielsweise mit Mitarbeitern des Staatsministeriums über die Belange von Flüchtlingen zu sprechen. Stichwort Flüchtlinge: Die aktuelle Debatte verfolgt Negin, deren Familie noch immer auf einen Interviewtermin in Sachen Asyl wartet, mit einer Mischung aus Sorge und Respekt. Die Haltung der Kanzlerin entspreche dem biblischen Auftrag, lobt sie und ermuntert die Neuankömmlinge, möglichst rasch die Sprache zu erlernen. Hilfsangebote gebe es genug. Wichtig sei auch, sich der fremden Kultur nicht zu verschließen.

Freilich sind auch die Moshkis längst nicht am Ziel angelangt. Lang und steinig ist der Weg zur Anerkennung der im Iran erworbenen Berufsqualifikationen. Noch fehlen Dokumente. Erst wenn diese übersetzt vorliegen, könne eine Überprüfung erfolgen, erläutert Negin, die selbst einmal Mathematik studieren möchte und im Moment ihr sorgsam Erspartes in den Theorieunterricht für den Führerschein steckt.

Wohin ihr Weg, der ihrer Familie und des Landes führen wird? Negin ist zuversichtlich. „Deutschland ist ein gesegnetes Land“, sagt sie. „Es wird schon werden.“ Sie blickt auf Spitzendeckchen, Bienenstich und Couchgarnitur. Alles wunderbar.

Carolin Becker

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