Einblicke in das Gedächtnis der Stadt

Der bundesweite Tag der Archive wartet in Mühlacker mit Führungen, Vortrag und der Ausstellung „Frauen – Männer – Macht“ auf

Von Ulrike Stahlfeld Erstellt: 10. März 2014, 12:31 Uhr
Einblicke in das Gedächtnis der Stadt Marlis Lippik führt durch das Mühlacker Stadtarchiv und gibt einen Einblick in die historischen Schätze, die im Rathaus aufbewahrt werden. Foto: Stahlfeld

Archivarbeit ist staubig und rückwärtsgewandt? Wer am Samstag mit Marlis Lippik im Magazin ganz unten im Mühlacker Rathaus unterwegs war, der weiß, dass davon nicht die Rede sein kann.

Mühlacker. Geschickt verknüpfte Mühlackers Stadtarchivarin den bundesweiten Tag der Archive mit dem Internationalen Frauentag. Im Rathaus-Foyer ist noch bis zum 14. März eine Ausstellung zum Thema „Frauen – Männer – Macht“ zu sehen.

800 laufende Meter Akten, 50000 analoge Fotos, 7000 digitale Fotos, 1500 Plakate und unter anderem Tausende von Plänen und Karten lagern im Mühlacker Stadtarchiv. Wer angesichts dieser Zahlen glaubt, dass einfach alles, was alt ist, im Archiv verschwindet, der irrt gewaltig.

„Ich bestimme die Quellen und damit die Geschichte, die einmal später von Mühlacker erforscht werden kann“, macht Marlis Lippik bei ihrem ersten von zwei Rundgängen durch das Stadtarchiv deutlich, dass sie nicht nur Verwalterin eines Nachlasses ist. Um den Dingen auf den Grund zu gehen, bürstet sie „die Quellen gegen den Strich“.

Und so führt sie ihre Besucher zuerst in den ersten Magazinraum, wo die unbearbeiteten Archivzugänge lagern. „Nur fünf bis zehn Prozent dessen, was produziert wird, kommt ins Archiv“, erklärt die Historikerin. „Ich soll es bewerten, welches ist das Goldkorn“, beschreibt sie ihre schwierige Aufgabe, denn der Blick auf die Geschichte ändert sich von Generation zu Generation.

War vor 150 Jahren noch die Herrschaftsgeschichte gefragt, so wurde in den folgenden Jahrzehnten der Fokus auf Sozial- oder Mentalitätsgeschichte gelegt. Ganz aktuell, so Marlis Lippik, ist das Umweltbewusstsein zu einem wichtigen Schlagwort geworden: „Es wandelt sich alles, was die Leute interessiert.“

„Ein Archivar heutzutage muss herausfinden, was später sein wird“, betont die Archivarin und legt den Finger in die nächste Wunde. Alte Tonbänder, Filme, Kassetten und selbst CDs und DVDs – wie können diese Medien der Nachwelt erhalten bleiben? Längst, so Marlis Lippik, reiche es nicht mehr aus, Historikerin zu sein. „Ich sollte auch Informatikerin sein“, erklärt sie, als sie unter anderem eine Filmrolle vom Gauturnfest 1960 zeigt. Gleich neben den „modernen Medien“ hat sie das älteste Stück des Archivs bereitgelegt: einen dicken, handgeschriebenen Band aus dem Jahr 1643. Eine weitere Besonderheit: eine Urkunde des Herzogs von Württemberg samt Siegel aus dem Jahr 1753. „Ich muss aus all dem, was das Leben in Mühlacker ausmacht, ein Abbild fertigen“, betont Marlis Lippik ganz unten im Rathaus.

Einige Stockwerke höher wird deutlich, dass das Leben in Mühlacker von Mann und Frau gleichermaßen gestaltet wird. „Mühlacker Frauen“ heißt passend zum Internationalen Frauentag die Ausstellung, bei der Stadträtinnen, Künstlerinnen und für das Gemeinwohl engagierte Frauen vorgestellt werden.

Die Besucher erfahren zum Beispiel, dass Elsi Ascher-Schütz 1940 Mühlackers erste Stadträtin war. Erna Händle vom Verschönerungsverein, die Künstlerin Gerlinde Beck, die Kommunalpolitikerinnen Erika Gerlach, Ruth Schlegel sowie unter anderen Elisabeth Brändle-Zeile werden ebenfalls vorgestellt.

Eine Informationstafel aber ist für Anna Catharina Wedderkopf reserviert, die sich im 18. Jahrhundert so ganz und gar nicht dem vorherrschenden Frauenbild entsprechend verhielt. In dem Vortrag „Die Weiberrevolte von der Enz“ erzählt Marlis Lippik, wie die Gastwirtstochter im Jahr 1773 in eine Männerdomäne eindrang. Sie wollte sich das Recht zum Einziehen der Zehntfrüchte bei den Mitbürgern ersteigern. In historischen Kostümen lassen Rainer Wallinger und Sonngard Bodner diesen Teil der Historie noch einmal äußerst lebendig erscheinen.

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