Ein Wahnsinniger unter anderen

Zimmertheater Tübingen zeigt den Mühlhäuser Mordbrenner Ernst Wagner als Kind seiner Zeit

Von Thomas Eier Erstellt: 12. November 2013, 00:00 Uhr
Ein Wahnsinniger unter anderen 100 Jahre Distanz – der Amoklauf von Mühlhausen: Das Ensemble des Zimmertheaters Tübingen (v. li.) Robert Arnold, Johannes Karl, Agnes Decker und Endre Holéczy lässt im Mühlacker Mühlehof die Ereignisse des Jahres 1913 und darüber hinaus noch einmal aufleben. Dabei setzt die Inszenierung von Axel Krauße ausschließlich auf die Aussagekraft historischer Texte. Foto: Fotomoment

Das Drama, das auf der Bühne in Szene gesetzt wird, es hat sich wirklich zugetragen. Vor der eigenen Haustür. Vor 100 Jahren wütete im Mühlhäuser Enztal der „Mordbrenner“ Ernst August Wagner. Ein Wahnsinniger zwar, aber auch, wie das Zimmertheater Tübingen eindrucksvoll zeigt, ein Produkt seiner Zeit.

Mühlacker. Es ist kein Theaterabend wie jeder andere, das gilt für das Publikum ebenso wie für das Ensemble. Es sei zu spüren, dass die Aufführung in Mühlacker besondere Emotionen hervorrufe, sagt in der anschließenden Diskussion der Darsteller Robert Arnold, und der Grund liegt auf der Hand: Geschätzt die Hälfte der 200 Menschen im Saal stammt aus Mühlhausen. Der Urgroßvater sei damals von Wagner erschossen worden, beantwortet eine Zuschauerin die Frage nach den „besonderen Emotionen“. Ihr Großvater sei noch viel später an einer Kugel, die er seit der September-Nacht 1913 im Körper getragen habe, gestorben, erzählt eine andere.

Neun Einwohner hat Wagner, der ein Jahrzehnt zuvor als Dorflehrer die Kinder des Ortes unterrichtete, in seinem Amoklauf getötet, weil er überzeugt davon war, dass er, der große Dichter und Denker, als Sodomist zum Gespött der Leute geworden war. Hinweise darauf, dass die „sexuelle Verirrung“ im Dorf überhaupt bekannt geschweige denn ein Gesprächsthema war, gibt es nicht. Schizophrene Paranoia, Verfolgungswahn, sagen die psychiatrischen Gutachter, Wagner wird für unzurechnungsfähig erklärt, der Fall geht mit dem Urteil, dem ersten dieser Art im Land, endgültig in die Kriminalgeschichte ein.

Die Kulissen spärlich, die Sprache sperrig, das Thema ernst: Die szenische Collage des Zimmertheaters Tübingen, das kleinere Zuschauerkulissen gewöhnt ist, wie Dramaturg Michael Hanisch offen zugibt, verlangt dem Publikum einiges ab. Ausschließlich anhand von Originaltexten – Auszügen aus Täter- und Zeugenaussagen, Zeitungsberichten, Abschriften von Predigten und Protokollen von Gemeinderats- und Landtagsdebatten – zeichnen die Autoren, der Zimmertheater-Intendant Axel Krauße und der Wagner-Experte und Buchautor Peter Sindlinger, ein Bild der Zeit, das weit über die Person des Täters hinausgeht. Ein Sittengemälde, das vom Verfall der Sitten berichtet und von der Schwelle zum Ersten Weltkrieg direkt in die Schrecken des Dritten Reichs führt.

Vor diesem Hintergrund wirkt die „Bestie“ Wagner, die gerne in den Krieg gezogen wäre und sich als erster Nazi der Irrenanstalt Winnenthal preist, nur als einer von vielen, als böses Omen, als, wie Theaterchef und Regisseur Krauße es formuliert, „apokalyptischer Vorbote“, dessen Wahnsinn sich nahtlos einfügt in den Wahnsinn einer Epoche. Der Psychiater Gaupp, der dank des Falls Wagner Berühmtheit erlangt, tritt als Verfechter einer Rassenideologie, die unter den Nazis Millionen Menschen das Leben kostet, in die geistigen Fußstapfen seines Patienten.

Wer ist gesund, wer krank? Das Verbrechen: monströs. Aber welches ist gemeint?

Das sensibel ausgewählte Material offenbart Mechanismen, die auch nach „modernen“ Amokläufen greifen, die Sensationslust der Menschen und Medien und die Neigung, die Katastrophe für eigene Interessen auszuschlachten. Während der Stuttgarter Prälat Römer angesichts der „teuflischen“ Tat gegen den Unglauben als Wurzel allen Übels wettert, wird der Fall Wagner im Landtag zum Politikum. Trägt der nationalistisch ausgerichtete Jungdeutschlandbund zum Klima der Gewalttätigkeit bei? Sind die Waffengesetze zu lax? Heute wird über die schädlichen Wirkungen der Videospiele diskutiert, ein Jahrhundert zuvor ist es das junge Kino, das mitverantwortlich gemacht wird für Gewaltexzesse.

„Hier in Mühlacker hat

die Aufführung ein ganz

anderes Gewicht“

Darsteller Endre Holéczy

Ernst Wagner hat viele Gesichter, deshalb spielen alle vier Darsteller – Robert Arnold, Johannes Karl, Endre Holéczy und Agnes Decker – im Wechsel den „Lehrer, Dichter, Massenmörder“. Der Gratwanderung sei man sich bewusst, sagt Dramaturg Michael Hanisch in seiner Einführung ins Thema, die vor Beginn des Stücks in einem hoffnungslos überfüllten kleinen Mühlehof-Saal stattfindet: Wagner solle weder zum Mythos stilisiert noch als Jahrmarkt-Monster vorgeführt werden, und beides hat das Dokudrama, das bislang nur in Tübingen und Nürtingen zu sehen war, erfolgreich vermieden. Das Publikum ist nach anderthalb Stunden Wagner geschafft, aber zufrieden. Mühlhausen, wo nach der Tat nicht nur Trauer und Entsetzen, sondern auch Rachegelüste, Streit und Neid die „Volksseele“ bewegten, kann mit dem Rückblick auf 1913 leben, im Gegenteil: Dass die Opfer einen Namen bekommen, wird lobend anerkannt.

200 Besucher – der Mühlehof ist dennoch ausverkauft, weil die Reihe „Theater zum Thema“ das Auditorium bewusst begrenzt, um mehr Nähe zwischen Publikum und Darstellern zu garantieren. Ein Konzept, das an diesem speziellen Abend und mit Zuschauern, die ohnehin nah dran sind am „Thema“, bestens funktioniert. Obwohl sich viele – darf man das hier sagen? – „erschlagen“ fühlen von der Fülle an Informationen und Eindrücken, suchen nach dem Schlussapplaus noch gut 50 Besucher das direkte Gespräch mit dem Ensemble, das, wie es eingesteht, Mühlhausen bislang nicht besucht hat. Dies werde aber nachgeholt, verspricht Theaterchef Krauße.

Vielleicht bietet sich ja ein Besuch im Schloss Mühlhausen an, wo der Amoklauf 100 Jahre später noch sehr lebendig ist. „Ernst Wagner. Lehrer, Dichter und Massenmörder. Genuss und Kriminalität im Schloss. Sie erleben Kriminalität hautnah und genießen regionale Köstlichkeiten“, zitiert das Zimmertheater in seinem Schlussakkord genüsslich aus dem Veranstaltungsprogramm der Schlossschänke. Auch ein Originaldokument. Unverfälscht.

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