Ein Stück Willkommenskultur

Stars des Alltags: Das Mühlacker Tagblatt stellt außergewöhnliche Menschen vor – Folge sieben: Dr. Manfred Budzinski

Von Carolin Becker Erstellt: 7. Januar 2015, 00:00 Uhr
Ein Stück Willkommenskultur Dr. Manfred Budzinski mit der aus Syrien stammenden Erstklässlerin Zeynep. Rechts Dolmetscherin Fatma Abraham, die aus Eritrea stammt, aber schon lange in Mühlacker lebt. Foto: Becker

Kinderlachen, Gitarrenklänge, das Klappern von Tellern und ein Gemisch aus vielen Sprachen füllt das evangelische Gemeindehaus in Dürrmenz. Der Freundeskreis für Asylsuchende hat Flüchtlinge zum Tee-Nachmittag eingeladen, und zu den Helfern zählt Dr. Manfred Budzinski. Im Interview schildert er, weshalb er sich ehrenamtlich engagiert und was er dabei erlebt.

Sie könnten heute Nachmittag gemütlich auf der Couch sitzen, die Beine hochlegen, ein gutes Buch lesen. Statt sich selbst etwas Gutes zu tun, kümmern Sie sich beim Tee-Nachmittag unter anderem um Menschen, die als Flüchtlinge alles verloren haben. Wie kam es zu Ihrem Engagement?

Ich möchte gleich zu Beginn sagen, dass ich kein Star des Alltags bin und mich auch nicht als ein solcher fühle. Wo ich mich engagiere, mache ich es gerne. Nun zu Ihrer Frage: In meiner Tätigkeit in Bad Boll habe ich weit über 100 Tagungen zu dem Thema Asylarbeit, Asylpolitik, Flüchtlinge mit Mitwirkenden unter anderem aus den Kirchen und Wohlfahrtsverbänden, Verwaltungen, der Politik und Sozialarbeit und insbesondere mit ehrenamtlich Engagierten und Flüchtlingen selbst organisiert und durchgeführt, hatte dabei aber kaum Zeit für ein ehrenamtliches Engagement. Als ich nach Dürrmenz zog, gab es praktisch nur zwei Engagierte im Freundeskreis Asyl Mühlacker, die dort seit über 20 Jahren aktiv waren. Ich engagierte mich zunächst für die Flüchtlinge im Holzbachtal im westlichen Enzkreis, deren Situation sehr beengt und isoliert war, sowie für die Abschaffung der ominösen „Essenspakete“, die zum Glück seit dem Frühjahr 2014 Geschichte sind, weil die Flüchtlinge im Enzkreis nun durch den Bezug von Geldleistungen selbst entscheiden können, was sie sich zu essen kaufen. Mein Engagement setzte sich dann fort, als die ersten Flüchtlinge nach Dürrmenz kamen. Es hat aber auch damit zu tun, dass ich immer noch die erschütternden Schilderungen meiner Mutter, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zweimal aus Ostpreußen geflohen ist, im Gedächtnis habe.

Wie viel Zeit investieren Sie in die Arbeit mit Asylsuchenden?

Das ist sehr unterschiedlich. Es kann täglich einen halben Tag umfassen, dann wieder einige Tage gar nicht, was eher selten ist, zumal ich noch im Vorstand des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg bin. Das zusammen ergibt schon im Durchschnitt etwa eine „halbe Stelle“.

Inwiefern nutzt Ihnen Ihre Berufserfahrung?

Ich merke, dass ich von meinen früheren Tätigkeiten in der Verwaltung, bei der Diakonie und in der Evangelischen Akademie sehr profitiere. Dadurch habe ich viele Kontakte und kenne die entsprechenden Netze, zumal ich weiterhin einmal im Jahr für den Flüchtlingsrat eine Tagung für ehrenamtlich Engagierte zusammen mit der Akademie und dem Diakonischen Werk Württemberg organisiere.

Wo und wie helfen Sie konkret?

Die Engagierten im Freundeskreis kümmern sich um die Flüchtlinge, helfen ihnen, wo nötig und möglich. Zum Beispiel durch Lesen und Spielen mit den Kindern, Unterstützung bei den Hausaufgaben, beim monatlichen Tee-Nachmittag, durch die Vermittlung einer „Patenschaft“ für eine Flüchtlingsfamilie, durch Begleitung bei wichtigen Terminen beim Arzt, bei Ämtern, durch Orientierungshilfe in Schulen und Vereinen und die Empfehlung wichtiger Adressen wie Tafelladen, Kleiderlädle Madita, Vermittlung zu Dolmetschern und so weiter. In den vergangenen Monaten ist es mir gelungen, dass zahlreiche Kinder in den örtlichen Sportvereinen aufgenommen wurden und werden und zum Beispiel bei den Sportfreunden Mühlacker schon in einer Fußball-Jugendmannschaft mitspielen können.

Wie viele Menschen sind aktuell im Freundeskreis aktiv? Wie viele Flüchtlinge werden betreut?

In Mühlacker gibt es zurzeit etwa 120 Flüchtlinge, die neben und in Zusammenarbeit mit der Sozialarbeiterin, die das gar nicht schaffen kann, von uns betreut werden. Aktiv im Freundeskreis sind etwa 15 Menschen mit sehr unterschiedlichem Zeitengagement, je nach „Einsatzgebiet“ und vor allem auch vom Beruf und den eigenen Zeitmöglichkeiten abhängig.

Stößt der Einsatz angesichts der stetig steigenden Zahl an Flüchtlingen irgendwann an Grenzen?

Ja, das kann und wird geschehen, wenn nicht bald weitere Engagierte zu uns stoßen, als Familienpaten, für Hausaufgabenhilfe, zur Begleitung bei Arztbesuchen und beim Gang zur Behörde. Wer Interesse hat, sich bei einer kleineren oder etwas größeren Aufgabe zu engagieren, Kontakte zu Flüchtlingen knüpfen möchte, kann mich gerne anrufen: 07041/44563.

Wie verarbeiten Sie das Belastende, das Sie während Ihrer Tätigkeit erleben?

Da profitiere ich wieder von meiner Tätigkeit in der Akademie, wo wir bei Tagungen für ehrenamtlich Engagierte Supervision angeboten haben, zum Beispiel zu dem wichtigen Thema Nähe und Distanz. Supervision für Ehrenamtliche ist schon wichtig, für Hauptamtliche in der Arbeit natürlich auch. Bislang haben wir aber keine Supervision.

Wie stark öffnen sich die Asylsuchenden Ihnen gegenüber? Was erfahren Sie über die Schicksale?

Das ist sehr unterschiedlich und hat mit dem jeweiligen aufgebauten Vertrauensverhältnis wie auch mit den zum Teil traumatisierenden Erlebnissen der Flüchtlinge zu tun, sowohl bei den Fluchtgründen als auch bei den Fluchtwegen, wenn Sie zum Beispiel an die häufige Flucht über das Mittelmeer und die Tausenden von Toten dabei jedes Jahr denken. Öfter habe ich schon von Angehörigen der Minderheit der Roma zum Beispiel aus Serbien oder Mazedonien von ihrer bedrohlichen Lage „zu Hause“ gehört, dass etwa ein Nachbarhaus abgebrannt wurde und man ihnen drohte, das Gleiche mit ihrem Haus zu tun, wenn sie dieses nicht verlassen würden, von dem fehlenden Zugang zu Wasser, Elektrizität, Heizung, Schule, Arbeit und von den alltäglichen Diskriminierungen.

Welches sind die größten Hürden im Alltag der Asylsuchenden?

Die tagtägliche Unsicherheit über ihr Asylverfahren, ob sie bleiben dürfen oder nicht, belastet sie stark. Keine Arbeit, eine quasi verordnete Tatenlosigkeit über Monate und Jahre, nicht für den eigenen Lebensunterhalt aufkommen zu können, sind ebenfalls eine große Belastung. Auch das Leben in einer fremden Kultur organisieren und die deutsche Sprache nicht oder nicht ausreichend verstehen. Direkte Hürden ergeben sich oft beim Umgang mit Behörden und mit dem Behördendeutsch in den Briefen und Schriftstücken, wo auch wir nicht selten nur den Kopf schütteln können.

Wie groß sind die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen in der Bevölkerung?

Das kann ich nicht einschätzen. Direkt habe ich sie hier noch nicht erlebt. Aus meinen langjährigen Erfahrungen weiß ich, dass Vorurteile und Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen häufig auf fehlenden Informationen wie auch auf fehlenden Kontakten zu und mit Flüchtlingen beruhen. Leider werden Vorurteile nicht selten in Wahlkämpfen und auch sonst von so manchen Politikern und Medien, auch Printmedien, erzeugt, bedient und geschürt. Die gewalttätigen Angriffe, Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und Moscheen haben sich 2014 bundesweit gegenüber dem Vorjahr bereits mehr als verdoppelt. Hier ist insbesondere die Politik gefordert. Glücklicherweise haben diese Brandanschläge im Vergleich zu 1991/1992 keine Todesopfer zur Folge gehabt. In Mühlacker ist, so weit mir bekannt ist, so etwas bisher nicht geschehen.

Wie ließe sich gegen Vorurteile angehen?

Informieren, Flüchtlinge kennenlernen, öffentlich „Flagge zeigen“ gegen Diskriminierung und Gewalt.

Wissen Sie von Beispielen gelungener Neustarts?

Ich lebe noch nicht so lange in Dürrmenz, um darüber berichten zu können. Von meinen beiden langjährig aktiven Mitstreiterinnen in Mühlacker höre ich immer wieder von Beispielen gelungener Integration von Flüchtlingen, die vor 20 und mehr Jahren zum Beispiel aus Eritrea oder Sri Lanka hierher kamen. Auch vom Flüchtlingsrat her kenne ich zahlreiche solcher „Fälle“.

Sie sind Ende 2010 hierhergezogen. Wie schätzen Sie das Potenzial an ehrenamtlich Engagierten in der Region ein?

Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich in kleineren Gemeinden mehr Menschen engagieren als in Städten.

Sind es immer dieselben, die anpacken und konkrete Hilfe leisten?

Bei vielen, die ich kennengelernt habe, sehe ich, dass sie sich in mehreren Bereichen engagieren.

Viele Ehrenamtliche sind auf verschiedenen Feldern aktiv. Sie sind auch Lesepate an der UvD-Schule. Was gibt Ihnen diese Tätigkeit?

Dort kann ich meine Freude am Lesen an die Kinder und Eltern weitergeben, sie zum Lesen anregen, kann den Kindern unbekannte Wörter möglichst mit Beispielen aus ihrem eigenen Erlebnishorizont erklären. Im direkten Kontakt mit den Kindern erlebe ich, wie sie Fortschritte beim Lesen und Verstehen machen, wie sie plötzlich anfangen, Woche für Woche ein Buch zu „verschlingen“, und wie enttäuscht sie sind, wenn ich einmal keine neuen Bücher mitgebracht habe.

Wo engagieren Sie sich darüber hinaus?

Oh, da gibt es einige Bereiche: im Umweltteam der St.-Andreas-Gemeinde, im Arbeitskreis „Friedensauftrag der Kirche“ der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und als Sprecher der Nahost-Kommission der deutschen Sektion der internationalen katholischen Friedensbewegung pax christi.

Zurück zum Dürrmenzer Tee-Nachmittag: Was kann eine kleine Veranstaltung wie diese bewirken?

Der Tee-Nachmittag schafft die Möglichkeit der Begegnung, des Austausches und der Vermittlung von Informationen. Für die Flüchtlinge ist er auch eine Abwechslung vom Alltag, der sie – mindestens die ersten 15 Monate – wegen des Arbeitsverbots und der nachfolgenden Vorrangregelung zum Nichtstun zwingt. Und die Kinder können hier nicht beengt, wie in ihren Zimmern mit meist mehreren Menschen in einem Raum, spielen. Man kann sagen, es ist ein klein wenig Willkommenskultur, die wir in Mühlacker von offizieller/politischer Seite noch vermissen. Auch die Sozialarbeiterin trifft hier ganz ungezwungen ihre „Klienten“ ohne direkten Anlass wie im Büro oder bei einem Hausbesuch und umgekehrt.

Carolin Becker

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