Die Welt mit anderen Augen sehen

Tim Warzawa aus Mühlacker vermittelt seinen Kommilitonen in Osaka /Japan ein authentisches Bild vom Leben in Deutschland

Von Frank Goertz Erstellt: 15. August 2019, 00:00 Uhr
Die Welt mit anderen Augen sehen Zwischen Osaka und Mühlacker: Tim Warzawa ist in der deutschen Kultur zu Hause, kennt von seinem Studienaufenthalt aber auch die Gepflogenheiten in Japan. Dort hat er seinen Kommilitonen mit seinem Projekt „Germaniac“ ein authentisches Bild vom Leben in Deutschland vermittelt und war ein europäischer Botschafter im besten Sinne des Wortes. Fotos: privat/Goertz

Von Mühlacker nach Osaka: Tim Warzawa hat in Japan nicht nur studiert und dabei große kulturelle Unterschiede erfahren müssen, sondern mit dem Projekt „Germaniac – Verrückt nach Deutschland“ seinen Kommilitonen auch einen authentischen Eindruck vom Leben in seiner Heimat vermittelt.

Mühlacker. Tim Warzawa hat keine Angst vor neuen Erfahrungen. Schon nach seinem Abitur 2015 am Mühlacker Gymnasium ist er nach Bulgarien gegangen, um in Sofia Deutsch zu unterrichten. Das ist aber nicht alles. „Ich habe mich auch sozial engagiert“, erzählt der 22-Jährige, „und so einen Einblick in das Leben dort bekommen und selbst etwas dafür getan, mich zu integrieren.“

Derzeit studiert Warzawa an der Hochschule Aalen Betriebswirtschaft für kleine und mittlere Unternehmen und ist maßgeblich für die Partnerschaft der Hochschule Aalen mit der Osaka University of Economics and Law verantwortlich. „Als bei einer Versammlung die Frage aufkam, wer sich vorstellen könne, ein Jahr in Japan zu studieren, war meine Hand die einzige, die nach oben gegangen ist“, erinnert er sich an die Anfänge der Verbindung zwischen den Hochschulen. „Ich hatte mich schon lange mit dem Gedanken beschäftigt, im Ausland zu studieren. Dabei wollte ich auch eine neue Kultur kennenlernen“, sagt Warzawa und gibt zu, dass er selbst eher rudimentäre Vorstellungen vom Leben in Japan gehabt hat. „Dort ist vieles auf Konformität ausgelegt“, musste er dann vor Ort schnell feststellen. „Keiner will im Vordergrund stehen, möglichst nirgends anecken“, nennt er einen der wesentlichen Unterschiede zum europäisch geprägten Individualismus. Während in unserer Gesellschaft der eigene Nutzen häufig eine entscheidende Triebfeder sei, ordneten sich viele Japaner der Frage unter, welche Auswirkungen ihr Verhalten für die Allgemeinheit haben könnte. Und da die Gesellschaft zudem stark hierarchisch orientiert sei, würden viele Japaner glauben, es sei am besten, erst gar nicht weiter aufzufallen. Was allerdings manchen Arbeitsprozessen die „Japanische Effizienz“ nehme, die wir in Europa immer gerne unterstellen, wenn wir in das Land der aufgehenden Sonne blicken. „Die Japaner arbeiten lang, aber nicht immer effizient“, hat Warzawa ebenso lernen müssen wie, dass es in Japan ungewöhnlich ist, seine Meinung zu sagen. „Sie sind gegenüber Fremden sehr zurückhaltend. Darauf musste ich mich erst einstellen“, erzählt Warzawa. Weil Japaner nicht so offen und direkt kommunizieren wie Europäer, komme es immer wieder zu Missverständnissen. So habe er erfahren müssen, dass Kommunikation interkulturellen Regeln unterliegt, die die Verständigung nicht einfacher machen.

Gleichzeitig hat Warzawa schnell festgestellt, dass die Vorstellungen der Japaner von Europa und Deutschland oft von Klischees geprägt sind. „Wir Deutschen trinken immer nur Bier. Einen Deutschen der Wasser trinkt, den gibt es nicht“, sagt er schmunzelnd. „Und so eurozentrisch, wie wir sind, so nipponzentrisch ist das Weltbild in Japan“, sagt Warzawa. Greta Thunberg und die Klimadebatte fänden beispielsweise in Japan überhaupt nicht statt. Und während Deutsche beim Thema Plastikmüll mittlerweile sehr sensibel seien, würden die Japaner noch jede Zitrone einzeln in Plastik einwickeln.

Zwischen Mühlacker und Osaka liegen also nicht nur 9319 Kilometer Luftlinie, sondern Welten. Diese Entfernungen ein bisschen zu verringern, hat sich Warzawa in Osaka mit seinem Projekt „Germaniac – Verrückt nach Deutschland“ auf die Fahnen geschrieben. Schließlich werde Europa in Japan immer nur als „Kontinent der vielen Länder“ wahrgenommen. Und weil kaum ein Japaner Europa je besucht hat, bleibt für die meisten Europa eine Art „Terra incognita“ – ebenso wie den meisten Europäern Japan völlig fremd ist.

„Mein Ziel war es, einen authentischen Eindruck von Europa, Deutschland und die Möglichkeiten eines Auslandsstudiums zu vermitteln“, so Warzawa. Vorträge, Flyer und Poster, Facebook- und Instagram-Accounts: Warzawa hat alle Kanäle genutzt, um ein Botschafter im besten Sinne des Wortes zu sein und dabei die unterschiedlichsten Reaktionen geerntet – von Desinteresse bis Begeisterung. Dabei habe er selbst auch unter Druck gestanden, gibt er offen zu. „Viele Menschen an der Osaka University und der Hochschule Aalen haben mich unterstützt. Ich musste mit meinem Projekt also liefern. Dafür habe ich oft bis in die Nacht gearbeitet. Aber es hat sich gelohnt.“

Zum Abschluss seines Studienaufenthalts hat Warzawa noch am Redewettbewerb der Uni Osaka teilgenommen und dafür geworben, sich etwas zuzutrauen und sich nicht emotional vor möglichen Erlebnissen zu verschließen. Schließlich hat er dann auch noch Süßigkeiten aus Europa verteilt, die seine Kommilitonen auf den Geschmack bringen sollen. „Europa hat so viel zu bieten, wenn die Komfortzone verlassen wird. Ein Auslandsaufenthalt, etwa an der Hochschule Aalen, lohnt sich“, hat Warzawa in Osaka dafür geworben, die Welt immer wieder aus neuen Blickwinkeln und mit anderen Augen zu betrachten.

Für ihn selbst ist die Episode Japan nach zwei Studiensemestern erst einmal abgeschlossen. Noch in diesem Monat beginnt für ihn bei der Unternehmensberatung Roland Berger in München ein Praxissemester, ehe er in Aalen seinen Abschluss macht. Sein Projekt in Japan allerdings soll kein Strohfeuer bleiben. „Es gibt gemeinsam mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst Überlegungen, wie man das Konzept von ,Germaniac‘ in der Breite etablieren kann. Vielleicht liefern die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo dabei auch noch neue Impulse“, sagt Warzawa und verspricht: „An meinem Engagement soll es auf jeden Fall nicht mangeln.“

Frank Goertz

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