„Die Verwaltungen ticken ähnlich“

Interview zur Besiegelung der Städtepartnerschaft mit dem Schmöllner Bürgermeister Sven Schrade

Von Carolin Becker Erstellt: 3. September 2016, 00:00 Uhr
„Die Verwaltungen ticken ähnlich“ Blick auf das Schmöllner Rathaus, die Stadtmauer und die Stadtkirche. Foto: privat

Die „wilde Ehe“ ist Geschichte: Mit der Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags am Freitag hat die langjährige Freundschaft zwischen Schmölln und Mühlacker einen offiziellen Charakter bekommen. Der Schmöllner Bürgermeister Sven Schrade erläutert im Interview, warum er diesen Schritt für wichtig und richtig hält.

Schmölln feiert an diesem Wochenende 950-Jahr-Jubiläum und die Besiegelung der Partnerschaft mit Mühlacker. Da wird es an Gästen nicht mangeln. Warum sollte man auch abseits großer Feste Ihrer Stadt einen Besuch abstatten?

Weil Schmölln auch als Stadt mit Tradition viel zu bieten hat. Die Knopfindustrie hat bei uns eine große Bedeutung, und ihre Geschichte lässt sich in einem Museum nachvollziehen. Kulinarisch haben wir mit dem Mutzbraten eine ganz besondere Spezialität im Angebot, und darüber hinaus ist Schmölln gewissermaßen das Tor nach Thüringen mit seiner reichen Kulturlandschaft. Radtouristen kommen bei uns ebenfalls auf ihre Kosten, die mittelbare Beteiligung an der Bundesgartenschau 2007 hat sich positiv ausgewirkt, und dann gibt es noch unseren 1893 gebauten Ernst-Agnes-Aussichtsturm, der eine Frischzellenkur erfahren hat und jetzt nachts angestrahlt wird.

 

Viele Mühlackerer, die Kontakte nach Thüringen pflegen, schwärmen regelrecht von Schmölln. Was wissen Sie über Mühlacker? Waren Sie schon einmal hier zu Besuch?

Ja, ich war schon mehrere Male da und habe beispielsweise im vergangenen Jahr das Straßenfest besucht. Demnächst werde ich übrigens wieder zum Straßenfest kommen.

 

Dann wird es Ihnen nicht schwerfallen, Parallelen zwischen beiden Städten festzustellen.

Nun, Mühlacker hat ja auch eine Art Turm, wobei es um den Sender, wie ich gehört habe, ja wohl gerade Streit gibt. Ansonsten fällt mir spontan als Gemeinsamkeit ein, dass beide Städte in eine reizvolle Landschaft eingebettet sind. Auch bei den Verwaltungen sehe ich Parallelen: Sie ticken durchaus ähnlich. Hier hat Schmölln von der Aufbauhilfe aus Mühlacker in den ersten vier Jahren nach der Wende stark profitiert.

 

Sie sind noch relativ frisch im Amt. Wann und in welcher Form ist Ihnen Mühlacker zuerst begegnet?

Die beiden SPD-Ortsverbände stehen in Kontakt zueinander, auf dieser Schiene dürfte ich zum ersten Mal in Kontakt zu Mühlacker gekommen sein. Die Namen Bernd und Heidi Roller sowie Manfred Läkemäker waren für mich sehr präsent.

 

Was wissen Sie über die Ursprünge der Freundschaft?

Die Freundschaft beruht auf Kontakten der evangelischen Kirchengemeinden, die mehr als 50 Jahre zurückreichen. Dies festzuhalten, ist uns wichtig und wurde in die Präambel des Partnerschaftsvertrags aufgenommen. Die so entstandene Basis diente als Grundlage für die Kooperation beim Aufbau der Verwaltung nach der Wende.

 

1991 wurde „Besserwessi“ zum Unwort des Jahres gewählt. In Schmölln scheint ein freundschaftlicher Umgang stattgefunden zu haben, oder?

Für mich persönlich ist das schwierig zu beurteilen, ich denke ohnehin nicht in den Kategorien „besserwisserischer Wessi“ und „armer Ossi“. Für mich sind Begegnungen auf Augenhöhe selbstverständlich. Tatsächlich scheint aber bei uns in Schmölln ein großer Teil der Zusammenarbeit auf guten persönlichen Beziehungen beruht zu haben.

 

Welche Rolle haben die Verbindungen nach Mühlacker in der Nachwendezeit gespielt?

Es gab die gegenseitigen Besuche von Kirchenmitgliedern, und auch im Verwaltungshandeln haben Menschen aus Mühlacker Spuren hinterlassen. Ihr Rat war strukturgebend beim Aufbau der kommunalen Verwaltung. Die Beharrlichkeit, Vorhaben umzusetzen, wie sie etwa der Mühlacker Alt-OB Gerhard Knapp vorgelebt hat, war durchaus prägend.

 

Wie werden die Kontakte zwischen den Städten heute gepflegt?

Im Vordergrund steht der kulturelle Austausch. Eine Konstante ist die Teilnahme unserer Feuerwehrkameraden am Mühlacker Straßenfest. Sie betreiben dort einen Stand und bieten Köstlichkeiten aus Thüringen an. Darüber hinaus bestehen private Kontakte und solche auf Verwaltungsebene. Oberbürgermeister Schneider schaut regelmäßig bei uns vorbei.

 

Wer hatte die Idee, die Beziehungen auf eine offizielle Partnerschaftsebene zu heben?

Für mich war es immer unverständlich, dass die Beziehungen zu unseren Partnern Ždár nad Sázavou in Tschechien und Dobele in Lettland einen offiziellen Charakter haben, die Freundschaft zu Mühlacker aber nicht. Deshalb habe ich im vergangenen Jahr OB Schneider auf das Thema angesprochen, und er stand dem Vorstoß sehr offen gegenüber.

 

In Mühlacker gab es bei den Beratungen im Gemeinderat auch zögerliche Stimmen…

Ja, davon habe ich gehört, wobei ja keine ablehnende Haltung zum Ausdruck gebracht wurde. Es ging wohl mehr um die Frage, warum es ein Stück Papier braucht, um die Freundschaft zu besiegeln.

 

Warum braucht es dieses Stück Papier?

Ich habe als Antwort auf diese Frage schon meinen Onkel und meine Tante als Beispiel genannt: Sie lebten 20 Jahre lang in wilder Ehe und haben dann irgendwann eben doch geheiratet. Aber im Ernst: Mir ist es wichtig, dass unsere kommunalen Partner gleich behandelt werden.

 

Was ändert sich nun konkret?

Prinzipiell erstmal nichts. Wir wollen die Beziehungen formal auf dieselbe Ebene bringen. Die regelmäßigen Besuche werden sich fortsetzen, und darüber hinaus wollen wir schauen, ob auf Vereinsebene zusätzliche Kontakte entstehen können. Vielleicht wäre auch ein Austausch auf Verwaltungsebene möglich. Praktika bei den Partnern könnte ich mir durchaus vorstellen.

 

Was erhoffen Sie sich persönlich von der neuen Partnerschaft?

Ich hoffe, dass die guten, freundschaftlichen Beziehungen weiter bestehen und sich zu den Begegnungen auf persönlicher und Verwaltungsebene weitere Felder des Austauschs hinzugesellen. Da wäre zum Beispiel die Idee, im nächsten Frühjahr oder Sommer eine Radtour von Schmölln nach Mühlacker durchzuführen. Wie auch immer wir zueinander kommen: Ich finde es großartig, dass das Tor nach Mühlacker so weit offensteht.

Carolin Becker

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