Die Opernsängerin von nebenan

Zwischen Mailänder Scala und weiteren großen Bühnen hat Kleopatra Papatheologou ihren Lebensmittelpunkt in Mühlacker gefunden

Von Carolin Becker Erstellt: 17. März 2015, 00:00 Uhr
Die Opernsängerin von nebenan Kleopatra Papatheologou zeigt im Pavillon der Musikschule Gutmann, wo sie in Zukunft unterrichten möchte, Bilder, die bei einer Frankreich-Tournee entstanden sind. Foto: Becker, privat

Die Söhne in den Kindergarten bringen, einkaufen, die Fenster putzen: Auf den ersten Blick unterscheidet die junge Frau nichts von anderen Müttern. Doch sobald sie auf der Bühne steht, wird aus Kleopatra, der ganz normalen Mühlackerin, Kleopatra, die Opernsängerin.

Mühlacker. Kein Fan applaudiert, kein Vorhang fällt, wenn mitten in Mühlacker große Oper gesungen wird, wenn Stimmbänder trainiert werden, die zu großen Hoffnungen Anlass geben. Kaum einer weiß, dass in einem Haus an der Stuttgarter Straße eine Künstlerin ihre Wahlheimat gefunden hat, die sich aufmacht, mit den Granden der Szene auf der Bühne zu stehen. Kleopatra Papatheologou-Nasiou, die 2001 mit einem nach ihrer berühmten Landsfrau Maria Callas benannten Stipendium bedacht wurde, hat sich einen Namen gemacht – bis in den Oman, wo sie die Musikfreunde kürzlich im prunkvollen Opernhaus als Mrs. Quickly in „Falstaff“ überzeugte.

Dabei hatte zunächst nichts darauf hingedeutet, dass aus der im griechischen Vólos geborenen Tochter eines Architektenpaars einmal ein Opernstar werden würde. „Es gibt sonst keine Musiker in der Familie“, sagt die Wahl-Mühlackerin, die zunächst mit Spaß, aber ohne Ambitionen in einem Kinderchor mitgesungen hatte. Die Initialzündung habe eine Musiklehrerin geliefert, die ihr riet, Unterricht zu nehmen. Das tat die damals 15-Jährige, und es dauerte nicht lange, bis für sie feststand: „Ich will auf die Bühne, nicht auf die Universität.“ Die auf Sicherheit bedachten Eltern zeigten sich wenig begeistert. „Es war ein Kampf“, blickt Kleopatra Papatheologou zurück, „doch ich habe gewonnen.“

Bald hatte die Verwandtschaft Grund genug, auf die Pionierin stolz zu sein. Auf das in Griechenland erworbene Diplom setzte die mit einem dramatischen Mezzosopran von enormem Umfang gesegnete Nachwuchssängerin ein künstlerisches Aufbaustudium, für das sie im August 2000 nach Stuttgart zog. An der dortigen Musikhochschule erweiterte sie ihr Können bei Julia Hamari und Dunja Vejzovic, erlernte nebenbei im Selbststudium die deutsche Sprache und bewarb sich nach dem erfolgreichen Abschluss an der Accademia Teatro alla Scala, dem Nachwuchsensemble der berühmten Mailänder Oper. „Eigentlich wollte ich nur Erfahrungen sammeln“, erzählt Kleopatra Papatheologou, doch stattdessen wurde sie engagiert, fand sich Seite an Seite mit Größen der Szene auf der Bühne wieder. „Zu Beginn konnte ich in Gegenwart dieser Stars kaum atmen“, erinnert sich die Sängerin an erste Begegnungen mit Mirella Freni oder Agnes Baltsa. „Dann aber habe ich rasch bemerkt, dass das ganz normale Menschen sind.“

Inzwischen liest sich die Liste der Auftritte ebenso lang wie jene der Rollen, in die die 35-Jährige bereits geschlüpft ist. „Wenn die Vorstellung beginnt, dann bin ich ganz Melibea, Lucia oder Quickly, dann vergesse ich alles um mich herum“, sagt die Sängerin. Doch auch eine andere Rolle füllt sie aus: Dafür, dass zu Hause weder ihr selbst noch dem in Lomersheim arbeitenden Ehemann langweilig wird, sind vier Söhne im Alter zwischen fünf und eins zuständig. „Deshalb mache ich derzeit keine großen Karrierepläne“, erläutert Kleopatra Papatheologou, die sich ihre Engagements in dosiertem Umfang zusammenstellt. Eine nächste Partie sei schon in Sicht. „Unterschrieben ist aber noch nichts“, will sie noch keine Details verraten. Kein Geheimnis sei, dass Mühlacker strategisch günstig liege, um vom Stuttgarter Flughafen aus oder mit dem Zug in die Welt der Oper aufzubrechen. „Außerdem ist es eine schöne, ruhige Stadt“, lobt die Sängerin ihren Wohnort, dem sie seit 2005 die Treue hält und mit dem sie zudem eine persönliche Beziehung verbindet. Aus Mühlacker stammt schließlich ihre Studienfreundin Julia Gutmann, und an der von deren Mutter geleiteten Musikschule wird Kleopatra Papatheologou voraussichtlich demnächst ihr Wissen an Schüler weitergeben.

„Das Atmen ist das A und O“, beschreibt die Musikerin die Basis. Ob auch ihre eigenen Kinder darauf einmal eine Karriere aufbauen werden, stehe in den Sternen. „Um die Musikalität einschätzen zu können, sind sie noch zu jung“, weiß die Mutter. Klar sei indes, dass alle vier Söhne mit kräftigen Stimmen ausgestattet seien.

Ob im Kindergarten schon erste Talentproben abgegeben wurden? Womöglich werden die Erzieherinnen ganz genau hinhören, seit sie erfahren haben, welchen Hintergrund die Kinder mitbringen. „Als ich für längere Zeit in den Oman reiste, musste ich erklären, warum. Das hat schon für Überraschung gesorgt“, berichtet Kleopatra Papatheologou von ihrem musikalischen Outing.

Stolz können Nachbarn und Bekannte auf die Sängerin sein, das legt schon der Vorname nahe, der, aus dem Griechischen übersetzt, etwa „die durch den Vater Berühmte“ heißt. Sollten weitere Auftritte auf bedeutenden Bühnen folgen, dürfte ein Teil des Ruhmes auf jenen Ort zurückfallen, in dem die Eigentümerin der gefragten Stimme zu Hause ist. Welche Stadt außerhalb Ägyptens kann sich schon mit einer bedeutenden Kleopatra schmücken?

Carolin Becker

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