Die Erinnerung lebt

Zeitzeugen denken gern an Theodor Slepoj zurück, dessen Schicksal jüngst neu ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt worden ist

Von Carolin Becker Erstellt: 20. April 2017, 00:00 Uhr
Die Erinnerung lebt Dieses Bild aus dem Buch „Historische Streiflichter 1596 bis 1945“ zeigt das Fabrikgebäude von Theodor Slepoj (früheres Kontaktwerk) an der Steigstraße 9, das im Zug der Stadtkernsanierung 1978 abgerissen wurde. Wie Elisabeth Brändle-Zeile im zum Bild gehörenden Aufsatz schreibt, wurde das Gebäude nach Theodor Slepojs Deportation von der Hitlerjugend bezogen. Foto: Stadtarchiv Mühlacker

Kein Foto existiert im Stadtarchiv von Theodor Slepoj, einem Opfer des NS-Regimes, für den vor einigen Jahren in Mühlacker ein Stolperstein verlegt wurde. Und doch hat sich das Bild des Unternehmers in das Gedächtnis von Zeitzeugen eingebrannt.

Ötisheim/Mühlacker. 74 Jahre sind vergangen, in denen sich das Ötisheimer Ehepaar Mauch immer wieder gefragt hat, was wohl aus Theodor Slepoj geworden ist. Jenem freundlichen Mann, der 1943 plötzlich wie vom Erdboden verschwunden war und dessen Schicksal aktuell durch die Spurensuche, auf die sich seine Großnichte Irina Commer aus Dortmund begeben hat, neu in den Fokus gerückt ist. „Wenn wir unseren Enkeln von früher erzählt haben, ist immer der Name Slepoj gefallen. Was wohl aus ihm geworden ist? Ich hatte nie eine Antwort“, sagt Erna Mauch.

Durch einen Artikel in unserer Zeitung erhielt die 95-Jährige nun Gewissheit. Traurige Gewissheit: Der aus der Ukraine stammende Unternehmer, der zuletzt in Mühlacker Anstecknadeln produzierte und an der Schönenberger Straße in Ötisheim wohnte, war am 17. Juni 1943 nach Auschwitz deportiert worden und, wie aktuelle Nachforschungen Christiane Bastian-Engelberts vom Historisch-Archäologischen Verein ergeben haben, kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers an den Folgen der Haft gestorben. Vergessen ist er nicht: Dafür sorgt zum einen der Stolperstein, der an Slepojs letzter Arbeitsstätte an der Steigstraße verlegt wurde. Zum anderen beleuchtete bereits einige Jahre zuvor die Lokalhistorikerin Elisabeth Brändle-Zeile in einem ausführlichen Beitrag zum Buch „Historische Streiflichter 1596 bis 1945“ das Schicksal von Opfern der NS-Herrschaft mit Mühlacker Bezug.

Auch Erna und Helmut Mauch halten mit ihren Erinnerungen, die sie unserer Zeitung mitteilen, das Gedenken wach. Sie sähen noch einen großen, stattlichen, netten Mann mit wohlriechender Zigarre im Mund vor sich, der nicht weit von ihnen entfernt gewohnt habe. Begegnungen hätten sich bei den allmorgendlichen Zugfahrten nach Mühlacker ergeben. Auch in der Ötisheimer Firma Altenpohl und Pilgram, in der Erna Mauch beschäftigt war und in der sich Slepoj zwischenzeitlich eingemietet hatte, habe man sich immer wieder gesehen. Persönliche Kontakte hätten jedoch nicht bestanden, blickt Erna Mauch zurück. „Wir wussten nicht, dass er Jude war.“ Auch hätten weder sie noch ihr Mann sich erklären können, weshalb der Fabrikant Ötisheim 1943 verlassen habe.

Nicht nur Erna und Helmut Mauch wissen inzwischen um die Hintergründe, sondern auch Theodor Slepojs Großnichte Irina Commer. „Vielleicht lebt ja noch jemand, der sich an meinen Großonkel erinnert“, hatte sie im Gespräch mit unserer Zeitung eine vage Hoffnung formuliert. Nun darf sie sicher sein: Auch unmenschliche Verbrechen und mehr als sieben Jahrzehnte haben die Erinnerung nicht auslöschen können.

Carolin Becker

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