Winter-Slam: Der Wirt von Bethlehem spielt die Rolle seines Lebens

500 Besucher genießen lauen Dezember-Abend mit Texten der Spitzenklasse

Von Thomas Eier Erstellt: 21. Dezember 2015, 00:00 Uhr
Winter-Slam: Der Wirt von Bethlehem spielt die Rolle seines Lebens Gartenschau-Feeling: Beim ersten Winter-Slam auf der Leseinsel bilden rund 500 Besucher eine beeindruckende Kulisse. Foto: Fotomoment

Das Gartenschau-Gefühl lebt: Mit gut 500 Besuchern, einem Teilnehmerfeld allerhöchster Güte und einer dazu passenden Liveband hat der erste Winter-Poetry-Slam in der Geschichte der Stadt die Erwartungen des Mühlacker Tagblatt und seiner Mitstreiter mehr als erfüllt.

Mühlacker. Bei jedem Wetter? Bei jedem! Die Macher – allen voran Redakteurin Ramona Deeg und „Mister Poetry Slam“ Rolf Watzal, die gemeinsam moderieren – waren zu allem entschlossen, und weil so viel Mut belohnt wird, bleibt die bange Frage „Was wäre wenn ..?“ rein theoretischer Natur. Von Regen weit und breit keine Spur, die Wahl zwischen heißem Glühwein und kühlem Bier fällt schwer, das Team um Dürrmenzbäcker Hans-Dieter Slobodkin und Ehefrau Beate kommt am Pizzaofen gewaltig ins Schwitzen, und wen trotz allem frösteln sollte, dem erwärmen die Texte eines erstklassigen Starterfeldes das Herz. Das Gesamtpaket stimmt, das Mühlacker Tagblatt als Gastgeber heimst am Ende seines Jubiläumsjahres noch einmal jede Menge Lob ein, und nicht nur der Vorsitzende des Fördervereins Enzgärten, Oberbürgermeister Frank Schneider, der mit seiner Mannschaft die Getränke ausschenkt, beschwört gut gelaunt den Geist der Gartenschau.

Wer sich was traut, der wird belohnt, und dieses Motto lässt sich problemlos auf die Protagonisten des Abends übertragen, die in einer besonderen Atmosphäre im Schein der Feuertonnen demonstrieren, was das Format Poetry Slam so faszinierend macht. Beispiel Torsten Resack, Pfarrer der Christuskirche in Pforzheim, der es wagt, die Weihnachtsgeschichte aus völlig neuer Perspektive zu erzählen. Sein aus Zwickau emigrierter sächsischer Wirt von Bethlehem erlebt eine alles andere als besinnliche Heilige Nacht, weil angesichts der Geburt dieses einzigartigen Bäbys („Ganz der Babba!“) eine skurrile Pilgerschar dem Gasthof „Singender Broiler“ die Türe einrennt – von der Horde südhessischer Schafe, die statt der Hirten erscheint, bis zu den drei Waisen aus der Schwyz. Erzengel Gabriel? Sigmar Gabriel? Heißt der nicht Gabalier und singt? Pfarrer Resack, der Südschwarzwälder, der scheinbar mühelos jeden Dialekt imitiert, gibt eine lautstarke Kostprobe von der Empore herab – und das Publikum aller Altersklassen, das ein feines Gespür für gehobenen Humor hat, schmeißt sich weg.

Spritzig und witzig, nachdenklich und versonnen – aber niemals platt: Nach einer Einstimmung durch Lokalmatador Cheesy, der sich durch die Weihnachtspost kämpft, und die erst 13-jährige Rebecca, die mit heller Stimme auf bemerkenswerte Art einen verstörenden Traum schildert, geben sich acht Konkurrenten ein Stelldichein, die alle Ansprüche an einen spannenden und hochkarätigen Slam erfüllen. Lokalmatador Wolfgang präsentiert eine werbewirksame Geschichte vom verschwundenen Goldbären, die sich allein aus Slogans diverser Fernsehspots speist, während „Böni“ aus Pforzheim das Märchen von Rapunzel in völlig neuer, sehr absurder und besonders unterhaltsamer Form erzählt. Christian Rehn aus Karlsruhe schlägt mit seiner poetischen Flüchtlingsodyssee leise Töne an, während Thon, des Wahnsinns fetter Sohn, gnadenlos mit der dörflichen Enge seines Heimatortes R. bei Heidelberg abrechnet.

Patrick Höll aus Pforzheim sagt zum Abschluss des Dichterwettstreits allen Kaltduschern den Kampf an, aber die Plätze auf dem Podest sind bereits anderweitig vergeben. Kai Bosch, der amtierende U-20-Landesmeister aus Backnang, angelt sich mit seinen selbstironischen Betrachtungen zum Meilenstein der Volljährigkeit wie schon beim Gartenschau-Slam den dritten Platz, doch ganz oben steht am Ende die einzige Frau im Feld: Miriam „Miri“ Geiger aus Ötisheim, die im Sommer Platz zwei belegte, holt sich mit ihrer Ode an das Leben, das mehr sein muss als tägliches Theater mit vorgefassten Rollenspielen, 49 Punkte und den Titel der Miss Winter-Slam. Der ausgefeilte Text sitzt punktgenau und wird von Schauspieltalent Miri brillant präsentiert – Pfarrer Torsten, der sich insgeheim ein „echtes Finale“ gewünscht hätte, muss sich mit starken 47 Punkten knapp geschlagen geben.

Die Gartenschau hat der Pforzheimer, der im August 2016 für ein Jahr nach Jerusalem gehen wird, verpasst, doch das Flair sei grandios, sagt er später, als das Trio „Angel’s Share“, das den Abend schon eröffnet hatte, den musikalischen Epilog bestreitet. Unterstützt von Sängerin Esther Lenke aus Ludwigsburg und ausgestattet mit einem Super-Sound, den der Technik-Partner ANTevents liefert, sorgen Ecki Sommer (Diefenbach), Andy Brandt (Maulbronn) und Micha Wiechert (Sternenfels) für den gefeierten Ausklang und das i-Tüpfelchen auf einen rundum gelungenen Winterabend mit jeder Menge zufriedener Gesichter. Soweit das im Schein der Feuertonnen zu erkennen ist …

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