Der lange Weg zu einer neuen Heimat

Die „schwäbische Armenierin“ Ani Neuweiler schildert zum Abschluss der Reihe „Erzählcafé“ ihren Werdegang

Von Eva Filitz Erstellt: 2. Oktober 2018, 00:00 Uhr
Der lange Weg zu einer neuen Heimat Erzählerin Ani Neuweiler inmitten der fröhlichen Runde ihrer Zuhörer. Foto: Filitz

Zum Abschluss des Erzählcafés „Angekommen in Deutschland“, das vier Veranstaltungen in der Stadtbibliothek Mühlacker umfasste, stand keine Fluchtgeschichte, sondern die einer gelungenen Integration auf dem Programm.

Mühlacker. „Ich bin wahrscheinlich die schwäbischste Armenierin, die je am Bosporus geboren wurde“, stellte Ani Neuweiler zur Erheiterung ihrer Zuhörer im „Erzählcafé“ fest. Die Reihe wurde initiiert und gefördert vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung. In Mühlacker fanden sich Susanne Müller (Diakonie Enzkreis), die Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Sabine Rabl und die Stadtbibliothek Mühlacker zusammen, um die insgesamt vier Abende anzubieten.

Lebhaft, freundlich, mit Humor, aber auch nachdenklich rückblickend auf ihre Kindheit und das Heranwachsen in einer zunächst fremden Kultur erzählte Ani Neuweiler ihre Lebensgeschichte. 1960 kam sie in Istanbul zur Welt in einer christlichen Familie, die ihre Wurzeln in Armenien hat. Den Ort, in dem ihre Familie in Armenien gelebt hat, kennt sie nicht. „In den 60er Jahren waren in der Türkei die orthodoxen Griechen schlimmen Anfeindungen ausgesetzt. Mein Vater befürchtete das gleiche Schicksal für die christlichen Armenier. Ihm war bekannt, dass Deutschland Arbeiter suchte, er beschloss, das Angebot anzunehmen, und beantragte die Einreise nach Deutschland.“

Die vierköpfige Familie wurde im Raum Pforzheim untergebracht. Der Vater war Goldschmied, arbeitete aber zunächst auf dem Bau. Als er eine Stelle in einer Schmuckfabrik fand, hatte die Familie ihr finanzielles Auskommen. „Unsere Umgebung, die andere Kultur blieb uns aber fremd“, ordnete Neuweiler ein.

Ein einschneidendes Erlebnis war für Ani Neuweiler, als sie nach einem schweren Unfall viele Wochen im städtischen Krankenhaus in Pforzheim lag: „Ich war vermutlich das erste Immigrantenkind auf der Station. Alle mochten mich, die Kleine mit den großen Kulleraugen, und dort habe ich Deutsch gelernt.“ Ein Kindergartenbesuch scheiterte an einem fehlenden ärztlichen Zeugnis, dessen Notwendigkeit die Mutter als Schikane für Ausländer einordnete. Mit Verspätung wurde sie eingeschult, blieb zunächst die Fremde, wurde von Klassenkameraden geschlagen. Eine erste Freundschaft scheiterte daran, dass die Mutter den Kontakt zu dem Ausländermädchen verbot. „Die Mutter machte die Tür auf, zeigte mit dem Finger auf mich und sagte scharf: ‚Und du verschwindest sofort!‘“ Später, als die Familie nach Eisingen zog, gehörte Ani Neuweiler dazu, fand Freunde.

Etliche Umzüge erlebte die Familie, wobei sich die Wohnungssuche ein ums andere Mal als schwierig erwies. „Es blieben oft nur muffige Unterkünfte für uns, deren Geruch scheinbar anhaftete. Uns wurde vorgeworfen, dass wir uns nicht einmal waschen würden, dabei pflegten wir die alt hergebrachte orientalische Badekultur.“

Die Mutter sei mit der Situation besser zurechtgekommen. Der Vater habe sich zurückgezogen, verweigerte die Integration. Für die Tochter einer schwierige Situation, da sie den Vater oft zu Behördengängen begleiten musste, um für ihn zu übersetzten. „Hier überfordern Eltern ihre Kinder, die Rollen werden getauscht“, warnt Ani Neuweiler heute. „Aus diesem Grund sind Kinder auch bei uns im Rathaus zu Sprechstunden nicht mehr als Dolmetscher zugelassen“, bekräftigte Sabine Rabl.

„1977 beendete ich die Realschule, hatte Träume, als Künstlerin weltberühmt zu werden, wollte die Welt verbessern“, schilderte Ani Neuweiler ihren weiteren Werdegang. Sie begann eine Ausbildung zur Goldschmiedin, das stellte sich aber als nicht richtig heraus. „Ich wollte mich mit Menschen beschäftigen, die es nicht leicht haben, hatte ich inzwischen als meine ureigensten Bedürfnisse erkannt. Ich machte eine Ausbildung zur Erzieherin, arbeitete dann auch in Frauenhäusern.“

Die zu diesem Zeitpunkt schon schwelenden Differenzen mit dem Vater verstärkten sich, als sie sich gegen den von ihm ausgesuchten Mann entschied und stattdessen 1983 einen Deutschen heiratete. Nach elf Jahren Ehe, aus der zwei Kinder hervorgegangen sind, folgte die Scheidung. Ani Neuweiler war berufstätig als Erzieherin, bildete sich als Heilpädagogin und als „klientenzentrierte Beraterin nach Carl Rogers“ weiter, belegte bei einer Fachschule in Heidelberg den Studiengang „Gesundheit und Soziales“, schloss mit dem „Fachwirt“ ab, bewarb sich erfolgreich bei der Agentur für Arbeit und ist seither in Nagold tätig. Mit türkischen Mitmenschen habe sie wenig private Kontakte. „Dafür bin ich schon zu badisch-schwäbisch“, erklärte Neuweiler auf Nachfrage aus der kleinen Zuhörerrunde.

Sie verstehe, dass Leute, die Fremdes nicht kennen würden, Angst vor dem Fremden hätten, andererseits gehe es um Menschen, die einen neuen Weg für sich finden müssten. Frauen kämen mit den neuen Verhältnissen meist besser und schneller zurecht, so Neuweiler, wenn es ihre Männer erlauben würden. Doch hier sollte nicht vorschnell der Mann verurteilt werden. Für den orientalisch geprägten Mann sei seine Familie das einzig sichere Terrain, wo er sich nicht beweisen müsse. „Wichtig wäre es, wenn auch in den Institutionen und Ämtern Menschen beschäftigt werden, die wissen, wie die fremden Ratsuchenden ,ticken‘, auch für ehrenamtliche Helfer wäre ein solches Hintergrundwissen gut“, sagte Ani Neuweiler.

„Jeder, der herkommt, sollte sich zunächst an dem orientieren, was für ihn zum gegenwärtigen Zeitpunkt möglich gemacht werden kann. Dazu gefordert ist auch Eigeninitiative. Vor allem nicht zuerst vordergründig sehen, was schlecht läuft, wie zum Beispiel kein Platz in einem Sprachkurs oder der abgelehnte Antrag auf eine Wohnung, sondern aus der gegenwärtigen Situation etwas Positives machen“, empfiehlt die erfahrene Fachfrau.

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