Der Glaube an das gedruckte Wort

125 Jahre Elser Gruppe: Verlegerin Brigitte Wetzel und Verleger und Geschäftsführer Hans-Ulrich Wetzel über die lange Tradition und eine spannende Zukunft

Von Thomas Eier Erstellt: 26. Juni 2015, 00:01 Uhr
Der Glaube an das gedruckte Wort Mühlacker Tagblatt, Elser Druck und Buch-Elser: Hans-Ulrich Wetzel und Seniorchefin Brigitte Wetzel sehen in der 125-jährigen Tradition der Unternehmensgruppe eine Verpflichtung für die Zukunft. Foto: Fotomoment

Mit mehr als 400 geladenen Gästen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft feiern die Mitarbeiter des Mühlacker Tagblatt und der Elser Gruppe Druck und Medien an diesem Freitagabend auf dem Gartenschaugelände das 125-jährige Bestehen des Unternehmens. Tradition verpflichtet: Unter diesem Motto will die Geschäftsführung mit Brigitte Wetzel und Hans-Ulrich Wetzel die Herausforderungen der Zukunft meistern.

Wie fühlt man sich an der Spitze eines Familienbetriebs mit 125-jähriger Tradition ?
Brigitte Wetzel: Stolz und glücklich. Man empfindet Respekt und Hochachtung vor der Leistung der Vorgänger und der Leistung der Eltern.
Hans-Ulrich Wetzel: Es bringt eine enorme Verantwortung mit sich, die lange Firmengeschichte auch in Zukunft erfolgreich weiterzuschreiben. Das ist eine Daueraufgabe weit über das Jubiläum hinaus.

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Wenn Sie zurückblicken: Wären Sie lieber die Pioniere der Anfangszeit gewesen – und was hätten Sie an deren Stelle anders gemacht ?
Brigitte Wetzel: Vor 125 Jahren, als längst nicht alle Menschen das Bildungsniveau hatten von heute, war es sicherlich eine mutige Entscheidung, eine Zeitung zu gründen.
Hans-Ulrich Wetzel: Die vielen Wechsel in der Anfangszeit mit vier Eigentümern in den ersten sechs Jahren zeigen, wie schwierig eine Unternehmensgründung ist und was es bedeutet, eine solche Aufgabe anzugehen. Deshalb habe ich großen Respekt vor den Pionieren. Was man selbst anders gemacht hätte, ist schwer zu sagen, aber es wird deutlich, dass um 1890 in Dürrmenz und Mühlacker eine große Aufbruchstimmung geherrscht haben muss, wenn jemand überzeugt davon war: Es braucht hier eine eigene Zeitung.

Was bewundern Sie an Ihren Vorgängern ?
Brigitte Wetzel: Schon bei der Herausgabe unseres Jubiläumsbandes habe ich großen Respekt vor der Leistung meines Vaters empfunden, der in jungen Jahren mit dem Kauf des Unternehmens Mut bewiesen hat, um wenige Jahre später unter den Repressalien des Dritten Reichs zu leiden und nach dem Krieg neu anfangen zu müssen. Andere hätten da vermutlich resigniert.
Hans-Ulrich Wetzel: Ich habe Carl Elser immer als sehr spannende Unternehmerpersönlichkeit empfunden, die den Ersten Weltkrieg und die Hyperinflation zu meistern hatte. Mein Großvater ist mir eher als Opa denn als Verleger in Erinnerung.
Brigitte Wetzel: Was ich im Nachhinein als beeindruckend empfinde: dass die ganzen Turbulenzen und Schwierigkeiten, die meine Eltern zu überstehen hatten, das Familienleben nicht belastet haben. Als Kind war von alledem nichts zu spüren.

Von Beginn an gehörten neben der Zeitung auch die Druckerei und die Buchhandlung zum Unternehmen. Wie schwierig ist es, diesen Dreiklang zu bewahren ?
Hans-Ulrich Wetzel: Das ist tatsächlich mit die größte Herausforderung, weil alle drei Betriebe ganz unterschiedliche Ansprüche und Aufgaben haben. Die Druckerei hat einen anderen Kundenkreis als die Zeitung, und die Buchhandlung muss sich mit allen Fragestellungen beschäftigen, die den Einzelhandel heute umtreiben. In der Geschäftsführung bedeutet das, gedanklich flexibel sein zu müssen und eine gewisse Mehrfachbelastung zu schultern.
Brigitte Wetzel: Wobei man ergänzend sagen muss, dass die Buchhandlung einst schon in den Händen meiner Mutter lag und heute von meiner Schwiegertochter Angelika geleitet wird. Das zeigt, dass im Familienbetrieb auch die Frauen ihren Teil der Verantwortung tragen.

Das Erscheinungsbild und die Inhalte der Lokalzeitung haben sich gewaltig verändert. In welcher Phase sehen Sie – lassen wir die gegenwärtigen Trends vorerst beiseite – die größten Einschnitte ?
Hans-Ulrich Wetzel: Die größten Einschnitte . . ? Das ist schwer zu beantworten.
Eine erste Zäsur war es sicherlich, als Karl Elser 1896 das Unternehmen übernahm und – verbunden mit dem Umzug in die Bahnhofstraße – eine Kontinuität in den Verlag brachte. Anschließend hatte der Dürrmenz-Mühlacker Bote über Jahrzehnte hinweg dasselbe Erscheinungsbild, bis der „Braune Sender“ den nächsten Einschnitt mit sich brachte. Als 1949 die erste Ausgabe des Mühlacker Tagblatt erschien, das Anfang der 1950er Jahre den Mantelteil der Südwestpresse und ab 1972 den Mantel der Stuttgarter Nachrichten übernahm, gab es eine stetige Fortentwicklung. Hinzu kam die Auslagerung des Zeitungsdrucks, und seit der Investition in die neue Druckmaschine beim Unternehmen Z-Druck in Sindelfingen 2003 erscheint unsere Zeitung komplett vierfarbig.
Brigitte Wetzel: Es gab einen ständigen, fließenden Wandel . . .
Hans-Ulrich Wetzel: Inhaltlich hat die Zeitung immer auf neue Entwicklungen und andere Medien reagiert; auf Rundfunk, Fernsehen und die Neuen Medien. Die Tageszeitung wurde immer aktueller, immer hintergründiger, immer multimedialer. Stillstand gab und gibt es nicht, und das Rad dreht sich immer schneller.

Das Mühlacker Tagblatt, das als Dürrmenz-Mühlacker Bote begann und als „Brauner Sender“ sein schwärzestes Kapitel erlebte, hat zum Jubiläum die eigene Geschichte in einem Jubiläumsband sehr offen und kritisch aufgearbeitet. Warum war Ihnen das wichtig ?
Brigitte Wetzel: Uns war es tatsächlich sehr wichtig, die Geschichte des Unternehmens, die auch ein Stück Familiengeschichte ist, umfassend aufzuarbeiten.
Hans-Ulrich Wetzel: Es gab bis dahin viele Informationslücken, und weil unsere Zeitung einen publizistischen Anspruch hat, war es uns umso wichtiger, den Anspruch auf Information und Wahrhaftigkeit auch in eigener Sache zu erfüllen.

Wo stehen die drei Betriebe – klammern wir den kleinen, aber feinen Stieglitz-Buchverlag an dieser Stelle aus – im Jubiläumsjahr 2015 ?
Hans-Ulrich Wetzel: Es sind alles gesunde Betriebe, die mitten im Medien- und Kommunikationswandel stecken. Das bringt große Herausforderungen mit sich und erfordert, ständig die Ablaufprozesse und die Geschäftspolitik zu hinterfragen.
In der Zeitungsbranche ist der enorme Wandel jedermann bekannt, hinzu kommt ein scheinbar unaufhörlicher Konzentrationsprozess. Dass das Mühlacker Tagblatt als kleiner Zeitungsverlag die Selbstständigkeit bis heute bewahrt hat, ist umso bemerkenswerter.
Unsere Druckerei hat durch die Übernahme des Offset-Bereichs einer regionalen Druckerei und einer weiteren Offset-Druckerei im Raum Karlsruhe ihr Umsatz- und Kundenportfolio deutlich erweitert und ist dank ständiger Investitionen in den Maschinenpark voll auf der Höhe der Zeit.
In der Buchhandlung haben wir mit der grundlegenden Modernisierung des Gebäudes und der Geschäftsräume 2007 die Weichen für die Zukunft gestellt. In puncto Einkaufserlebnis und Servicequalität werden wir, so meine ich, dem Anspruch eines jeden Kunden und Lesers gerecht.
Brigitte Wetzel: Ich denke, die Elser Gruppe und das Mühlacker Tagblatt sind eine feste Institution in der Region.

Das digitale Zeitalter – nehmen wir die Online-Berichterstattung der Zeitung oder auch den Buchhandel übers Internet – bedeutet tiefgreifende Veränderungen. Lassen sich die Folgen für die nächsten 25 Jahre abschätzen ?
Hans-Ulrich Wetzel: Wenn ich die Frage kurz und knapp und ganz ehrlich beantworten soll: nein ! Mit der Übermacht von Google, dem Aufkommen der sozialen Medien und der Einführung des Smartphones hat sich die Welt allein in den vergangenen Jahren so rasant verändert, wie es zuvor unvorstellbar erschien.
Brigitte Wetzel: Würden wir andererseits nicht an die Bedeutung und den Fortbestand des gedruckten Wortes glauben, wäre das ein schlechtes Zeichen.
Hans-Ulrich Wetzel: Etwas Gedrucktes in der Hand strahlt für mich nach wie vor einen besonderen Wert aus; es steht für etwas Verlässliches, das Tiefe hat. Ich mag nicht daran glauben, dass dies völlig verschwindet wie einst die Pferdekutsche. Ich hoffe auf eine Art Gegenbewegung gegen den allgegenwärtigen, schnellen, digitalen Konsum. Etwas, das Geborgenheit gibt . . .
Brigitte Wetzel: . . . und Orientierung.

Mancher könnte den Eindruck gewinnen, der Computer gestalte inzwischen eine Zeitung oder andere Produkte in Eigenregie. Wie wichtig sind die Mitarbeiter ?
Brigitte Wetzel: Die Mitarbeiter sind das Gesicht der Firma, sie stehen für die Aufgeschlossenheit für Neues, für Seriosität und Glaubwürdigkeit. Wichtig ist uns, dass wir uns das Gespür dafür bewahren, wie unsere Kunden und Leser leben und denken und was sie von uns erwarten.
Hans-Ulrich Wetzel: Die Maschinen und Computer sind überall gleich, doch die Mitarbeiter machen in jedem Unternehmen das A und O aus und sind gemeinsam mit der Geschäftsleitung ausschlaggebend für den Erfolg.

Wie sehen Sie die Rolle der Elser Gruppe und ihres Aushängeschilds, des Mühlacker Tagblatt, in der Stadt Mühlacker und dem Geschäfts- beziehungsweise Verbreitungsgebiet ?
Brigitte Wetzel: Ich denke, wir genießen einen hohen Stellenwert in der Heimatstadt und darüber hinaus. Das hohe Ansehen ist auch in persönlichen Kontakten zu spüren.
Hans-Ulrich Wetzel: Mit allen Elser-Firmen zusammen gehören wir sicherlich zu den Unternehmen, die ein Stück weit die Region prägen. Das Mühlacker Tagblatt ist die meistgelesene Tageszeitung im östlichen Enzkreis mit einer Bedeutung über die Region hinaus, während Elser Druck einen ganz anderen, auch überregionalen Kundenkreis hat. Und die Buchhandlung prägt sicherlich mit ihrer Atmosphäre und ihrem Service die Einkaufsinnenstadt.
Brigitte Wetzel: Als Zeitung empfinden wir uns einerseits als kritischer Begleiter, andererseits aber auch als starker Partner von Stadt, Vereinen, Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport in der Region.

Ihre persönlichen Wünsche zum Jubiläum ?
Brigitte Wetzel: Mit der Gartenschau wurde mir als gebürtiger Mühlackerin schon ein lange gehegter Herzenswunsch erfüllt. Außerdem wünsche ich, dass es den Elser-Firmen gutgeht und sich ihre Mitarbeiter weiterhin bei uns wohlfühlen.
Hans-Ulrich Wetzel: Ich wünsche mir, dass das gedruckte Wort weiterlebt und uns manchmal ein wenig mehr Respekt und Anerkennung für unsere Leistung entgegengebracht würde. Ich wünsche mir außerdem, dass es uns gelingt, noch viele, viele Jahre die Kunden und Leser mit unserer Leistung überzeugen zu können.

 

Familienbetrieb feiert mit dem Finanzminister und mit seinen Kunden und Lesern:
Mit einer Reihe von Veranstaltungen – den Auftakt machten ein Klassik-Konzert mit den Pianistinnen Magdalena und Marina Müllerperth im Uhlandbau und die Vorstellung des Jubiläumsbandes „Eine Zeitung im Strom der Geschichte“ bei Buch-Elser – feiern die Elser Gruppe Druck und Medien und das Mühlacker Tagblatt in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen.

An diesem Freitag findet auf dem Gelände der Gartenschau ein sommerlicher Empfang für die Mitarbeiter und für geladene Gäste statt. Als prominenter Redner hat sich der Finanz- und Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg, Nils Schmid, angekündigt. Gefeiert wird mit Festreden, Buffet und viel Musik.

Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, präsentieren sich die Elser-Firmen bei einem Tag der offenen Tür im Verlags- und Druckhaus am Kißlingweg 35 der Öffentlichkeit. „Unsere Kunden, Leser und Gäste“, verspricht Verleger Hans-Ulrich Wetzel, „dürfen sich schon auf einen interessanten und unterhaltsamen Tag freuen.“

Seit 1998 teilt sich der 50-jährige Familienvater, der zuvor eine Banklehre absolvierte und Betriebswirtschaft studierte, die Verantwortung an der Spitze der Unternehmensgruppe mit seiner Mutter, Verlegerin und Seniorchefin Brigitte Wetzel. Die gebürtige Mühlackerin und dreifache Mutter füllte, nachdem sie zuvor schon Einblicke in den Firmenalltag gewonnen hatte, im Jahr 1988 die Lücke aus, die der Tod des Vaters, Verleger Eugen Händle, gerissen hatte. 1993 bewältigte sie mit Unterstützung ihres Führungsteams den Umzug von Verlag und Druckerei aus den beengten Verhältnissen in der Innenstadt in das heutige Domizil im Industriegebiet.

Hans-Ulrich Wetzel, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchtern, hatte nach Abitur, Lehre und Studium von 1993 an in unterschiedlichen Positionen Erfahrungen im Verlagswesen beim Schwäbischen Verlag in Leutkirch gesammelt, bevor er die Aufgaben als Verleger und Geschäftsführer der Elser Gruppe übernahm. Seine Frau Angelika leitet die Buchhandlung
Elser am Stammsitz an der Bahnhofstraße. (the)

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