Das Straßenfest ist in Gefahr

Immer mehr Vereine suchen händeringend nach ehrenamtlichen Helfern – Sportfreunde dachten schon über eine Absage nach

Von Lukas Huber Erstellt: 5. September 2018, 00:00 Uhr
Das Straßenfest ist in Gefahr Auf das Mühlacker Straßenfest zieht es jährlich Tausende Menschen, doch mithelfen wollen offenbar nur wenige.Archivfoto: Stahlfeld

Viele Mühlackerer und Menschen von außerhalb fiebern dem Straßenfest, das am Wochenende steigt, entgegen. Doch die Veranstaltung wird für die Vereine zunehmend ein Kraftakt, den manche nahezu nicht mehr stemmen können.

Mühlacker. „Nie war es schwieriger, Helfer für das Straßenfest zu finden. Nie waren wir mehr gezwungen, tatsächlich über eine Absage nachzudenken“, schlägt Mike Feldmeier, Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring bei den Sportfreunden Mühlacker, Alarm. Nur dank unzähliger Telefonate und der Bereitschaft einiger, ihren Urlaub zu verschieben, könne der Verein in „fast vollem Umfang“ an der Veranstaltung teilnehmen.

Früher sei es Tradition gewesen, dass jedes Mitglied eine Helferschicht übernommen habe, erinnert sich Feldmeier. Egal, ob während der Veranstaltung samstags und sonntags oder beim Aufbau, jeder Freiwillige habe sich gern eingebracht und Spaß dabei gehabt. Inzwischen sei die Bereitschaft mit anzupacken fast nicht mehr vorhanden – insbesondere bei den 30- bis 60-Jährigen. Diese Generation habe wohl die schönen Seiten der Gemeinschaft und den Zusammenhalt der alten Fußball-Zeit vergessen. Was dem Verein fehle? „Das fragen wir uns ständig.“

Fakt sei, dass der Verein die Einnahmen von Festen dringend benötige, um die Fix- und die variablen Kosten, die jährlich entstünden, decken zu können, erklärt Feldmeier, der an alle Mitglieder der Sportfreunde Mühlacker appelliert, sich mehr einzubringen: „Es ist nicht viel Arbeit, wenn jeder mit anpackt.“ Nur so bleibe der Sportverein auch für die kommenden Generationen eine Familie, in der sich alle wohlfühlen könnten. Und dabei gehe es nicht nur um das Fußballspielen, sondern auch um das Gemeinschaftsgefühl. „So können wir ein Fest wie das Straßenfest auch noch in 20 Jahren bewirten und gemeinsam auf die Beine stellen.“

Ob es die Traditionsveranstaltung dann allerdings noch in der Form gibt, wie es die Besucher in der Vergangenheit gewohnt waren, bezweifelt Jochen Schray, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Mühlacker Vereine. Die Frage, ob er das Fest in Gefahr sieht, beantwortet er mit einem entschlossenen „Ja“. Dass es starke Veränderungen gegeben habe, sei alleine an den nackten Zahlen abzulesen: „Vor knapp 30 Jahren waren immer rund 60 Vereine mit im Boot, inzwischen hat sich die Zahl auf etwa 30 eingependelt.“

Den Helfermangel sieht Schray indes nicht nur bei den Sportfreunden. „Zwar geht jeder gerne auf das Straßenfest, und es wird auch dieses Jahr sicherlich wieder ein tolles Wochenende, aber ehrenamtlich einbringen wollen sich durch die Bank nur noch wenige – und zwar nicht nur in Mühlacker, sondern überall.“

Die Gründe liegen für den Chef-Organisator auf der Hand: Hätten vor einigen Jahrzehnten nahezu alle ihre Freizeit in Vereinen verbracht, machten zu viele Menschen heute nur noch ihr eigenes Ding und gingen beispielsweise ins Fitnessstudio, in denen es außer dem monatlichen finanziellen Beitrag keine Verpflichtungen gebe. Es habe sich in gewisser Weise eine Art von Egoismus in der Gesellschaft eingeschlichen. „Sicherlich hat die Entwicklung auch mit einem gestiegenen Leistungsdruck sowohl in der Schule als auch im Berufsleben zu tun.“ Die Menschen hätten heute generell weniger Freizeit, was bedeute, dass sie sich ehrenamtlich auch nicht mehr so stark einbringen könnten. „Das spüren die Vereine.“

Das sieht Wolfgang Sailer, Vorstandsvorsitzender des Musikvereins Mühlacker, der wieder mit einem Festzelt aufwarten wird, ähnlich: „In den vergangenen Jahren wurde in den Betrieben stark an der Effizienzschraube gedreht.“ Doch als alleinige Entschuldigung für die fehlende Helferbereitschaft will er das nicht gelten lassen. „Wer eine pulsierende Stadt mit Kulturprogramm will, der muss sich zumindest einmal überlegen, wie er sich dafür einbringen kann.“ Man könne nicht nur konsumieren, man müsse auch hin und wieder etwas zurückgeben. Im Musikverein stellt sich die Lage laut Sailer deutlich besser dar als bei vielen anderen Mitstreitern. „Wir sind ein großer Verein mit rund 500 Mitgliedern und deshalb gut aufgestellt.“ Sowohl aktive als auch jugendliche Musiker und ihre Eltern seien jedes Jahr fleißig dabei. Den Kraftakt des Straßenfests will er dennoch nicht kleinreden. „Ich schätze, dass beim Auf- und Abbau sowie im laufenden Betrieb zwischen 800 bis 1000 ehrenamtliche Arbeitsstunden anfallen.“

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