„Chancen der Digitalisierung nutzen“

Anna-Maria Fritz ist seit einem Jahr Citymanagerin in Mühlacker. Im Interview mit unserer Zeitung blickt sie zurück und nach vorn. Belebungspotenziale für eine lebendige Innenstadt nutzen und Gemeinschaftssinn der Akteure fördern.

Von Thomas Sadler Erstellt: 27. Juni 2020, 00:00 Uhr
„Chancen der Digitalisierung nutzen“ Hat eine Tätigkeit mit hoher Themenvielfalt: Citymanagerin Anna-Maria Fritz. Foto: privat

Mühlacker. Seit einem Jahr wird Anna-Maria Fritz am 1. Juli als Mühlacker Citymanagerin im Amt sein. Im Interview mit unserer Zeitung gibt sie Rück- und Ausblick, schildert ihre Ziele und äußert sich zu Themen wie der digitalen Fußgängerzone, leerstehenden Ladenflächen und den Auswirkungen der Corona-Krise.

Am 1. Juli werden Sie seit einem Jahr Citymanagerin von Mühlacker sein. War die Tätigkeit so, wie Sie es erwartet hatten? Wie fällt Ihre Bilanz nach dem ersten Jahr aus?

Die Tätigkeit als Citymanagerin ist in allen Bereichen sehr vielseitig, insbesondere die Themenvielfalt hat meine Erwartungen übertroffen. Ich möchte Bewährtes weiterführen und unter Berücksichtigung veränderter Rahmenbedingungen und neuer Anforderungen weiterentwickeln sowie Neues gestalten und dabei die sich ergebenden Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung nutzen.

Wo lagen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Im operativen Tagesgeschäft habe ich den Schwerpunkt auf vier Aufgabenbereiche gelegt: Innenstadtentwicklung – Handel, Gastronomie, Dienstleistung und Sonstiges – Veranstaltungsmanagement – Strategische Ausrichtung der Mühlacker Card. Mit Blick auf die nachhaltige Entwicklung einer multifunktionalen Innenstadt sind die strategische Ausrichtung und die Entwicklung eines Gesamtkonzepts ebenfalls von großer Bedeutung.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Mühlacker Einzelhändlern, deren Interessen Sie ja vertreten?

Der regelmäßige Austausch mit den Einzelhändlern ist die Voraussetzung für meine tägliche Arbeit. Ich versuche den Unternehmen beratend zur Seite zu stehen, Impulse zu setzen und Unterstützung zu leisten. Wichtig ist mir, ein gemeinsames Verständnis zu erzielen und den Gemeinschaftssinn zu fördern.

Von der Schaufenstergestaltung bis zum Online-Auftritt: Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf bei der Präsentation der Geschäfte?

Wir wünschen uns das Fortbestehen einer lebendigen Innenstadt mit einem vielfältigen Angebot, insbesondere in den Bereichen Handel, Gastronomie und Dienstleistungen sowie Freizeitangeboten. Gleichzeitig bewegen wir uns regelmäßig und selbstverständlich in der digitalen Welt, die wir auch nicht mehr missen möchten.

Hierbei gilt nicht das Entweder-oder-Prinzip: Die Herausforderung der Zukunft – insbesondere auch zum Schutz einer attraktiven Innenstadt – ist es, das „analoge“ mit dem „digitalen“ Leben intelligent zu verbinden und sich über die Kraft der Synergien bewusst zu sein.

Für die Geschäfte bedeutet das, die stationären Leistungen auf einem hohen Niveau zu halten und gleichzeitig die erforderliche Online-Kompetenz aufzubauen. Der Besuch im Ladengeschäft ist seit dem Online-Handel nicht mehr alternativlos. Die Umsatzverschiebungen zugunsten des Online-Handels machen das veränderte Einkaufsverhalten der Kunden deutlich. Der stationäre Handel sollte die Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung zusätzlich nutzen.

Sie sind auch eine Art Bindeglied zwischen Einzelhändlern, Stadtverwaltung und Gemeinderat. Wie sind Ihre Kontakte zur Stadt? Geht sie auf Ihre Anliegen ein?

Ich stehe in regelmäßigem Kontakt zur Stadtverwaltung und zum Gemeinderat. In vielen Bereichen ist eine enge Abstimmung erforderlich, zum Beispiel mit der Wirtschaftsförderung, dem Bürger- und Ordnungsamt, dem Planungs- und Baurechtsamt, der Straßenverkehrsbehörde und dem Oberbürgermeister sowie mit weiteren Behörden und Gremien.

Ein immer wiederkehrendes Problem in der Mühlacker Innenstadt sind leerstehende Ladenflächen. Was sind die Gründe dafür? Haben Sie ein Konzept dagegen?

Das sogenannte Flächenmanagement hat eine hohe Bedeutung in meinem Tagesgeschäft und umfasst die Kontaktpflege zu Vermietern, Mietern und Interessenten, die Besichtigung von Ladenflächen sowie die Kontaktvermittlung. Viele Innenstädte kämpfen mit Leerstand, hingegen sind leerstehende Ladenflächen in der Mühlacker Innenstadt vergleichsweise überschaubar. Im letzten Jahr sind einige Geschäfte neu eröffnet worden, zum Beispiel der Tierbedarfsladen PfotenUniversum oder das Café Lönchen. Andere Geschäfte sind innerhalb der Bahnhofstraße umgezogen oder haben sich vergrößert. Wieder andere Unternehmen haben einen Nachfolger gefunden und konnten übernommen werden, zum Beispiel die Metzgerei Lindauer. Auch sind weitere Neueröffnungen in der Innenstadt geplant.

Sehen Sie eine Möglichkeit, die Branchenvielfalt unter den Geschäften in der Mühlacker Innenstadt zu erhöhen?

Mühlacker hat eine sehr gute Nahversorgung, die eine Branchenvielfalt bereits voraussetzt. Diese gilt es zu bewahren und nach Möglichkeit noch weiter auszubauen. Ich habe im letzten Jahr bereits interessante Gespräche führen dürfen, die bestätigen, dass Mühlacker als Handelsstandort attraktiv ist. Entscheidend ist auch, dass die Vorstellungen des Vermieters mit den Vorstellungen des potenziellen Mieters übereinstimmen.

Die Corona-Krise dürfte mit ihren Auswirkungen, zum Beispiel Schließung von Geschäften und Gaststätten, prägend für Ihr erstes Jahr gewesen sein. Um den Geschäften Unterstützung zu gewähren, haben Sie eine zentrale digitale Handelsplattform ins Leben gerufen. Wie funktioniert sie? Wie viele Geschäfte machen mit?

Mit der digitalen Fußgängerzone ist kurzfristig eine lokale Online-Plattform initiiert worden, die den Unternehmen in Mühlacker die Möglichkeit gibt, über ihre Erreichbarkeiten und Öffnungszeiten, Angebote und Services zu informieren. Derzeit ist es lediglich eine Informationsplattform, die jedoch grundsätzlich das Potenzial hat, zu einer Kommunikations- und Handelsplattform weiterentwickelt zu werden. Eine solche Plattform hätte den Charme, die Multifunktionalität der Innenstadt mit den Angeboten aus den Bereichen Handel, Dienstleistung und Gastronomie, Veranstaltungen und Freizeit sowie Gewerbe und Industrie zentral abzubilden.

Darüber hinaus könnte unter anderem die Mühlacker Card als digitales Bonussystem integriert werden. Für diese Weiterentwicklung braucht es jedoch die Bereitschaft und Befürwortung aller innerstädtischen Akteure.

Sind durch die Corona-Krise in Mühlacker Ihrer Meinung nach geschäftliche Existenzen bedroht?

Es steht außer Frage, dass die Auswirkungen der Pandemie in vielen Bereichen deutlich spürbar sind. Inwieweit geschäftliche Existenzen bedroht sind, wage ich nicht zu beurteilen.

Inwiefern war und ist Ihr eigener Alltag von Corona beeinflusst und verändert?

Corona stellt eine Ausnahmesituation dar, die eine kurzfristige Planungsänderung und Umorientierung sowie die Entwicklung von Sofort-Maßnahmen zur Unterstützung der Unternehmen in Mühlacker erfordert. Hilfreich für die tägliche Arbeit ist die Teilnahme an der von der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland e.V. initiierten Live-Webinarreihe „Stadt ist Leben“ gewesen, die Impulse und Praxis-Tipps zur Bewältigung der Herausforderungen der Corona-Krise gegeben und einen Austausch gefördert hat. Durch den situationsbedingten Wegfall der Veranstaltungsorganisation, zum Beispiel für den Mühlacker Frühling oder das Weinfest, wurden Zeitkapazitäten gewonnen, die ich unter anderem auch für die Entwicklung und interne Abstimmung eines strategischen Gesamtkonzepts nutze.

Was sind Ihre Ziele für die nähere Zukunft?

Mit Blick auf eine lebendige Innenstadt möchte ich ihre Multifunktionalität fördern, mögliche Belebungspotenziale nutzen und die Sichtbarkeit der Stadt erhöhen. Gleichzeitig möchte ich weiterhin den Gemeinschaftssinn unter den innerstädtischen Akteuren fördern und ein allgemeines Bewusstsein für die Notwendigkeit der Neuausrichtung schaffen.

Die Bahnhofstraße ist die Einkaufsmeile Mühlackers. Immer mal wieder kommt der alte Vorschlag auf den Tisch, hier einen Einbahnverkehr zu testen. Was halten Sie davon?

Zu diesem Thema habe ich mich Anfang des Jahres unter anderem mit Mitgliedern des Gewerbe-, Handels- und Verkehrsvereins intensiv ausgetauscht: Änderungen an der aktuellen Verkehrssituation der Bahnhofstraße werden zunächst nicht befürwortet. Die Verkehrssituation der Bahnhofstraße ist ganzheitlich zu betrachten und sollte die städtebauliche Gesamtplanung der Bahnhofstraße berücksichtigen, vom Lienzinger Tor bis zum Konrad-Adenauer-Platz und unter Einbezug der Entwicklungen in der Goethestraße.

Ferner würde bei einem Einbahnverkehr eine Verkehrsverlagerung stattfinden, die die Belastungsgrenzen der umliegenden Straßen möglicherweise übersteigen würde. Darüber hinaus ist in dieser Maßnahme keine Weiterentwicklung erkennbar, die zu einer Erhöhung der Kundenfrequenz sowie zur Umsatzsteigerung beitragen würde. Denkbar wäre eine Verbesserung des Verkehrsflusses durch Maßnahmen hinsichtlich einer zu Pkw alternativen Mobilität durch Schaffung neuer Radwege oder Haltezonen für Lieferunternehmen und Busse sowie einer klaren Abgrenzung zwischen fahrendem und ruhendem Verkehr und Fußgängern. So könnte auch die Aufenthaltsqualität erhöht werden.

Mühlacker hat sein Straßenfest, den Martinimarkt und den Mühlacker Frühling. Hinzu kommen Veranstaltungen in den Enzgärten. Gibt es etwas, das Sie im Veranstaltungsangebot vermissen?

Stichwort Partizipation. Allein vom Citymanagement wurden in der Vergangenheit bis zu neun Veranstaltungen im Jahr organisiert: vom Glühweinfest im Januar über die geplante Kunstnacht im März, den Mühlacker Frühling im Mai, das Weinfest im Juli, den Dürrmenzer Herbstmarkt im Oktober, den Martinimarkt im November bis hin zum Weihnachtsmarkt und zur langen Einkaufsnacht im Dezember. Hinzu kommen zahlreiche Veranstaltungen anderer Veranstalter. Veranstaltungen leben von Emotionen.

Ich würde gerne Menschen aus unserer Stadt mehr in die Gestaltung der Veranstaltungen einbeziehen und ihre Mitwirkung fördern: Im Rahmen des letzten Weihnachtsmarkts sind erstmalig die Schülerbands des Theodor-Heuss-Gymnasiums sowie der Mörike-Realschule aufgetreten. Diese Auftritte haben dem Programm eine sehr lokale und emotionale Note verliehen. Ein anderes Beispiel stellt die geplante Kunstnacht, die Corona-bedingt leider nicht stattfinden konnte, dar. Hier wäre die Kreativität der Veranstaltungsbesucher gefragt gewesen, indem neben den klassischen Ausstellungen und Darbietungen zahlreiche Mitmachaktionen angeboten worden wären.

Wenn Sie drei Wünsche für Ihr zweites Jahr als Mühlacker Citymanagerin frei hätten: Wie würden diese lauten?

Gemeinsinn und persönliche Nähe. Gegenseitige Unterstützung und gemeinschaftliche Umsetzung zielgerichteter Maßnahmen. Fokus auf Fortschritt und Weiterentwicklung.

Thomas Sadler

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