Bei Sihn sollen rund 130 Jobs wegfallen

Der Mühlacker Automobilzulieferer will lohnintensive Fertigung aus dem Industriegebiet „Lugwald“ nach Bulgarien verlagern

Von Maik Disselhoff Erstellt: 23. August 2018, 00:00 Uhr
Bei Sihn sollen rund 130 Jobs wegfallen Unter anderem wegen „dramatisch gestiegener Personalkosten“ soll die Produktion von Sihn im Industriegebiet „Lugwald“ schneller als geplant ins Zweigwerk nach Bulgarien verlagert werden. Foto: Huber

Beim Mühlacker Automobilzulieferer Sihn GmbH sollen laut IG Metall rund 130 Arbeitsplätze wegfallen. Die Geschäftsleitung bestätigt den geplanten Stellenabbau und begründet den Einschnitt mit dem Preisdruck der Kunden.

Mühlacker. Die Hiobsbotschaft kommt für die Beschäftigten überraschend, hatte Sihn doch erst vor drei Jahren am Standort „In den Waldäckern“ expandiert, zudem verlief die Geschäftsentwicklung nach der Insolvenz im Jahr 2011 zuletzt positiv. Das Stammwerk des Unternehmens im Gewerbegebiet „In den Waldäckern“ in Mühlacker wurde in den vergangenen Jahren ausgebaut und modernisiert. Aber das Hauptwerk ist vom Stellenabbau auch gar nicht betroffen.

Im Fokus der Geschäftsleitung steht die lohnintensive Fertigung der Baugruppen, die ebenfalls in Mühlacker im Industriegebiet „Lugwald“ angesiedelt ist. Dieser Teil der Produktion soll aus Kostengründen in das Zweigwerk von Sihn ins bulgarische Plovdiv verlagert werden. In dem Werk an der Lugwaldstraße 17 werden nach Angaben des kaufmännischen Geschäftsführers von Sihn, Christof Schultz, unter anderem Drehteile zusammengefügt und Rohre gebogen. Die Tätigkeiten im Lugwald seien lohnintensiv und sollen deshalb in Bulgarien angesiedelt werden. Bis zum Ende des Jahres soll der Prozess abgeschlossen sein, so Schultz. Verhandlungen mit dem Betriebsrat und der IG Metall sind bereits angelaufen.

Schultz betont auf Nachfrage, dass der Einschnitt unumgänglich sei. „Es geht darum, die Wettbewerbsfähigkeit des Gesamtunternehmens zu stärken.“ Sihn habe seit der Insolvenz zwar einen erfolgreichen Restrukturierungskurs gefahren und in den vergangenen zwei Jahren umsatzmäßig zugelegt, „doch das Thema ist noch nicht ganz durch“, so Schultz. Der Automobilzulieferer stehe unter hohem Preisdruck seitens der Kunden.

Im „Lugwald“ sind nach Angaben des kaufmännischen Geschäftsführers aktuell 132 Mitarbeiter tätig, darunter auch Leiharbeiter und Beschäftigte mit einem befristeten Vertrag. Man werde versuchen, einzelne Beschäftigte in das nicht weit entfernte Hauptwerk in Mühlacker zu integrieren, kündigt Schultz im Gespräch mit unserer Zeitung an. Unklar ist, wie viele Jobs auf diese Art gerettet werden können. Die Lehrwerkstatt, der Werkzeugbau und auch die Verwaltungsjobs sollen vom „Lugwald“ an den Firmensitz „In den Waldäckern“ verlagert werden.

Insgesamt beschäftigt Sihn laut Schultz knapp 500 Mitarbeiter, etwa 300 am Stammsitz des Automobilzulieferers in Mühlacker, wo Drehteile produziert werden. Dieses Geschäft läuft nach Angaben der Firmenleitung gut. „Bei diesen Produkten besteht ein kontinuierlich steigender Bedarf im Markt. In der Folge wird hier auch zukünftig mit stetigem Wachstum gerechnet, das durch nachhaltige Investitionen abgesichert ist“, teilt Sihn-Chef Dr. Andreas Baum mit. Demgegenüber leide die Fertigung im „Lugwald“ unter ständig schrumpfenden Margen. „Diesem Umstand wurde schon frühzeitig Rechnung getragen, indem bereits 2016 in Plovdiv, Bulgarien, ein Werk für personalintensive Fertigungsprozesse gegründet wurde. Die insbesondere durch die letzten Lohnabschlüsse dramatisch gestiegenen Personalkosten erfordern nunmehr eine beschleunigte Verlagerung dieser Produktion, um die Ertragskraft des Gesamtunternehmens zu erhalten“, erklärt der Geschäftsführer. Die Firmenleitung strebe an, „den leider nicht zu vermeidenden Personalabbau“ so weit wie möglich sozialverträglich zu gestalten.

Die IG Metall will den geplanten Einschnitt bei Sihn nicht einfach hinnehmen und kündigt Widerstand an. Der Personalabbau sei eine Abkehr von der bisherigen Geschäftspolitik, so der Pforzheimer Gewerkschaftssekretär Arno Rastetter. „Bisher ging der Aufbau der Produktion in Bulgarien nicht zulasten des Standorts Mühlacker.“ Der Betriebsratsvorsitzende von Sihn, Andreas Ahner, zeigt sich verärgert über die Pläne der Geschäftsleitung, die die Beschäftigten Mitte der vergangenen Woche kalt erwischt hätten. Die betroffenen Mitarbeiter seien schockiert und verunsichert und hätten Angst um ihre Arbeitsplätze. „Es kann nicht sein, dass die Mitarbeiter für die Fehler der Geschäftsleitung den Kopf hinhalten müssen“, so Ahner. Rastetter sieht Potenzial zur Qualifizierung der vom Stellenabbau betroffenen Beschäftigten in Richtung CNC-Technik. Diese könne laut IG Metall teilweise auch von der Agentur für Arbeit gefördert werden. „Wenn am Ende nicht alles an betriebsbedingten Kündigungen scheitert, kommt für die IG Metall auch die Einrichtung einer Transfergesellschaft infrage, um die direkte Arbeitslosigkeit der Betroffenen abzuwenden“, so Rastetter. Schultz sagt dazu gegenüber unserer Zeitung: „Da sind wir offen.“ Auch wenn Betriebsratschef Ahner weiß, dass der Konkurrenzkampf in der Branche groß ist, sieht er im Argument des Preisdrucks „teilweise einen Vorwand“ der Firmenleitung. Die IG Metall befürchtet bei Sihn zudem eine Umkehr bei der Tarifentwicklung. Seit 2012 hatte die Gewerkschaft bei Sihn in kleinen Schritten eine Annäherung an die Flächentarifverträge der Metall- und Elektroindustrie durchgesetzt. „Nun sollen elementare tarifliche Vereinbarungen infrage gestellt werden. Eine Arbeitszeitverlängerung wird es mit der IG Metall ebenso wenig geben wie die von der Geschäftsleitung geforderte Aufweichung bei der Altersverdienstsicherung und beim Alterskündigungsschutz“, macht Rastetter deutlich.

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