Ausdauer für arme Kinder in Indonesien

Cristian Ruzak hat sein Leben auf den Kopf gestellt und 39 Kilo verloren. Bei Muskathlon in Kupang auf der Insel Timor lässt er nicht nur die Socken qualmen, sondern zeigt vor allem viel Einsatz gegen die Ungerechtigkeit. Spendenlauf ist mehr als Start und Ziel.

Von Frank Goertz Erstellt: 8. Juni 2020, 00:00 Uhr
Ausdauer für arme Kinder in Indonesien Vom Couchpotatoe zum durchtrainierten Sportler: Cristian Ruzak setzt sich mit seiner neuen Leidenschaft auch für soziale Zwecke ein. Fotos: privat

Mühlacker. Andreas Seng, der sich nach einem schweren Arbeitsunfall ins Leben zurückgekämpft hat, hat ihn ebenso inspiriert wie der Mühlacker Weltklasse-Triathlet Sebastian Kienle.

Jetzt will Cristian Ruzak aus Lomersheim auch einen Marathon laufen. Aber keinen gewöhnlichen. Also weder Boston noch Berlin, weder Paris noch Prag, sondern in Kupang, der Hauptstadt der indonesischen Provinz Nusa Tenggara Timur, besser bekannt als die östlichen Kleinen Sundainseln, mehrere Flugstunden entfernt von Jakarta, der Hauptstadt des größten Inselreiches der Erde, und vergessen von der Welt. Was treibt den 42-jährigen Cristian Ruzak an, sich ausgerechnet in Kupang im Oktober 2021 der Herausforderung zu stellen?

„Ich will nicht nur Sauerstoff in meinem Leben auf der Erde verbrauchen, sondern einen kleinen Beitrag für benachteiligte Kinder leisten“, sagt Ruzak, der im Jahr 2000 gemeinsam mit seiner Frau aus Argentinien nach Deutschland gekommen ist, dem Geburtsland seiner Mutter. „Wir haben nicht nur drei eigene Kinder, sondern auch zwei Pflegekinder. Durch die Organisation World Vision unterstützen wir außerdem ein Kind aus dem Kupang-Distrikt in Indonesien“, sagt Ruzak. „Wenn möglich, möchte ich unser Patenkind bei dieser Gelegenheit im Oktober 2021 besuchen.“

Sein Marathon in Kupang sind nicht einfach nur 42,195 qualmende Sockenkilometer, sein Marathon macht ihn zu einem der mittlerweile 8000 Musketiere weltweit, die bei einem Muskathlon nicht nur Ausdauer zeigen, sondern auch Engagement gegen Ungerechtigkeiten. Dabei ist der Muskathlon mehr als die Distanz zwischen Start und Ziel. „Ein Muskathlon dauert vor Ort eine Woche und besteht aus drei Elementen. Erstens: Das Wesen von Ungerechtigkeit selbst erfahren. Das heißt, diejenigen zu besuchen und ihre Geschichten zu hören, die unsere Hilfe brauchen.

Diese Erfahrung wird sowohl erschütternd als auch ermutigend sein. Zweitens: Im Glauben gestärkt werden. Andachten und Zeiten persönlicher Stille sind im Zentrum der Woche. Diese Erfahrung wird verändernd und inspirierend sein. Drittens: den Muskathlon bestreiten, das Highlight der Woche. Früh am Morgen geht es los, es endet in einer großen Feier im Ziel. Diese Erfahrung wird ein Meilenstein im Leben“, heißt es auf der Internetseite der internationalen christlichen Bewegung „4M“, die körperliche Erfahrung mit geistlichen Inhalten verknüpft. Das wichtigste Etappenziel sollen die Muskathleten allerdings schon vor ihrer Abreise erreicht haben: Jeder Sportler sollte 10000 Euro Spenden für den Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit sammeln. Partnerorganisationen vor Ort sorgen dafür, dass das Geld auch da ankommt, wo es benötigt wird.

Cristian Ruzak ist nicht der erste Muskathlet aus Mühlacker. Andreas Seng, den er aus der Freien Evangelische Gemeinde kennt, hat es ihm vorgemacht. Der Zimmerer ist 2010 bei der Arbeit aus zwölf Metern Höhe auf einen Betonboden abgestürzt. Er hatte einen offenen Schädelbasisbruch, eine Einblutung am Sehnerv. Die Liste der Verletzungen war lang. Die Notärzte glauben nicht, dass er überlebt. Aber Andreas Seng kämpfte sich zurück ins Leben, bestritt 2017 einen Muskathlon in Ruanda und berichtete davon in der Freien Evangelischen Gemeinde.

„Andreas hatte damals einen Staffelstab dabei und wollte ihn gerne weiterreichen. Aber ich war damals noch nicht so weit“, erzählt Ruzak. Er war 2017 noch ein ganz anderer Mensch, zumindest äußerlich. 39 Kilo schwerer. „Irgendwann dämmerte es mir: Wenn Du jetzt Diabetes oder einen Herzinfarkt bekommst, hast Du Dein Leben in den Sand gesetzt“, so Ruzak. Also habe er, auch inspiriert von Sebastian Kienle, mit Sport angefangen und seine Ernährung umgestellt, ohne dabei zum Jünger einer Philosophie zu werden: „Eigentlich ist alles erlaubt. Mein einziges Motto lautet: Lenke Deine Ernährung zu Deinem Ziel.“ Jetzt liegt sein Kampfgewicht bei 84 Kilo.

Zur Arbeit, Ruzak ist Projektmanager bei Athos in Höhenklingen, fährt er bei Wind und Wetter mit dem Rad, in der Mittagspause schnürt er regelmäßig die Laufschuhe. „Man kann die Pause absitzen oder ablaufen“, findet Ruzak. Wenn er dann nach Hause komme, habe er sein Training bereits absolviert und Zeit für die Familie. Zu den Ausdauereinheiten geselle sich dann höchstens noch Kraft- und Mobilitätstraining. Insgesamt, rechnet Ruzak vor, komme er auf 600 Radkilometer und 120 Laufkilometer im Monat. Und obwohl er topfit ist, hat er noch nie an einem Wettkampf teilgenommen.

„Ein Triathlon würde mich schon reizen“, sagt Ruzak, der in diesem Jahr auch beim Mahle-Lauf über die Halbmarathondistanz in Mühlacker angemeldet war. „Der Lauf ist ja leider ausgefallen“, sagt Ruzak. „Oder für mich vielleicht auch zum Glück.“ Denn er kenne sich beziehungsweise im Wettkampf nur ein Tempo: Vollgas. „Ich will in solchen Situationen immer vorne mit dabei sein“, weiß Ruzak, dass derartiger Ehrgeiz im Ausdauersport einer vorübergehenden Selbstzerstörung gleichkommt. Dass ihm das beim Muskathlon auch passiert, sei hingegen ausgeschlossen. „Der Spendenlauf ist für mich kein Wettkampf, sondern eine ganz andere Geschichte mit einer ganz anderen Motivation.“ Jetzt muss er nur noch den Staffelstab bei Andreas Seng abholen. Er ist bereit.

www.muskathlon.com/de

www.muskathlon.com/de/teilnehmer/3211/cristian-ruzak.html

Frank Goertz

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