Spaß mit Bengel und Prinzessin

Ein angesagter Künstler lässt Jungen und Mädchen im Kinderzentrum Maulbronn an seiner Kreativität teilhaben

Von Carolin Becker Erstellt: 30. August 2019, 00:00 Uhr
Spaß mit Bengel und Prinzessin Tim Bengel (li.), Maria Prinzessin von Sachsen-Altenburg (2.v.li.), ihre Vereinskollegin Petra Maria Huber (Mitte), Sabine Vinçon (re.) und Kerstin Lepp (4.v.re.) vom Kinderzentrum sowie Karl Craiß (3.v.li.) und Fritz Schäfer (2.v.re.) von der Christophorushilfe freuen sich mit den jungen Künstlern über das gemeinsam gestaltete Kunstwerk aus bunt eingefärbtem Sand. Foto: Fotomoment

Ihr Start ins Leben ist kein leichter. Mutmacher sind bei den Patienten im Kinderzentrum Maulbronn daher immer willkommen. Und was könnte spannender und anregender sein, als gleichzeitig einem echten Bengel und einer echten Prinzessin zu begegnen?

Aus den Fäusten rieselt der Sand – und schon wird aus der weißen Oberfläche ein buntes Bild.Aus den Fäusten rieselt der Sand – und schon wird aus der weißen Oberfläche ein buntes Bild.

Maulbronn. Er baut auf Sand. Und das mehr als erfolgreich. Tim Bengel hat mit seinen Werken aus schwarzen und weißen Körnchen längst internationalen Ruhm erworben. Davon ahnt das Quintett von der Kinderstation des Kinderzentrums freilich nichts, das an diesem Donnerstagnachmittag einen freundlichen, unprätentiösen Gast mit vielversprechenden Mitbringseln kennenlernt. Wozu liegt eine große, weiße Platte mit klebriger Oberfläche auf dem Tisch? Warum wird bunter Sand in Schüsseln geschüttet? Tim Bengel macht nicht viele Worte, sondern ermutigt die Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen acht und 14 Jahren, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Kaum hat er selbst ein Herz auf die Platte rieseln lassen, greifen auch die Kinderhände beherzt zu, lassen aus der locker geballten Faust die winzigen Gesteinsteilchen fallen und malen so Sonne, Regenbogen, Buchstaben und mehr. Auch der Junge im Rollstuhl, der über einen Sprachcomputer kommuniziert, fasst Vertrauen zu seinen Fähigkeiten und trägt seinen Teil dazu bei, dass rasch kaum noch ein weißer Fleck der Gestaltung harrt.

Ermöglicht hat den Besuch Tim Bengels im Kinderzentrum der gemeinnützige Verein Kinderglückswerk, der sich für kranke und sozial benachteiligte Kinder in Baden-Württemberg einsetzt und ihnen Herzenswünsche erfüllt. Die Gründerin und Vorsitzende Maria Prinzessin von Sachsen-Altenburg, die Tim Bengel persönlich kennt, ist Botschafterin des Kinderzentrums und setzt nach einer Vorstellung von „Äffle und Pferdle“ im Dezember nun ihr zweites Projekt in Maulbronn um. „Das ist quasi Kunsttherapie“, freut sie sich über die den Gesichtern der Kinder abzulesende Begeisterung. „So etwas bleibt in Erinnerung und weckt Träume. Die Erkenntnisse aus diesem Erfolgserlebnis lassen sich auf andere Bereiche übertragen“, hofft sie auf eine langfristige Wirkung. Die Prinzessin, die sich als Expertin für Business-Etikette einen Namen gemacht hat, scheut übrigens nicht davor zurück, ihre Hände zwar nicht schmutzig, aber immerhin bunt zu machen. Bald ist sie mittendrin im kreativen Prozess und darf sich das Lob eines zunächst skeptischen Jungen mit anrechnen lassen: „Es ist richtig toll geworden.“

Unter dem Beifall von Mitarbeitern des Kinderzentrums, Vorstandsmitgliedern des Fördervereins Christophorushilfe und Vertretern des Kinderglückswerks wird die Platte schließlich gekippt, der überschüssige Sand fällt ab, und die fertige Koproduktion wird sichtbar. Diese soll einen Ehrenplatz im Gebäude bekommen. Zum Verkauf steht sie nicht, auch wenn das Kinderzentrum zur Finanzierung des anstehenden Umbaus jeden Euro gebrauchen kann. Spenden seien unerlässlich, betonen Karl Craiß, der Vorsitzende der Christophorushilfe, und Vorstandsmitglied Fritz Schäfer. Aktionen wie diese mit einem bekannten Künstler seien sehr zu begrüßen, um das Kinderzentrum in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.

Für die Kinder wird im Gedächtnis haften bleiben, etwas Einzigartiges geschaffen zu haben. „Ich bin superstolz“, sagt ein Junge, und ein Mädchen spekuliert: „Vielleicht werd’ ich ein Star.“

Hat Tim Bengel tatsächlich ein besonderes Talent entdeckt? „Alle Kinder sind Künstler“, sagt er, „man muss nur aufpassen, dass der Künstler nicht verloren geht.“ Selbstbewusstsein hat das komplette Quintett getankt, und das Konzept des Kinderglückswerks und seiner ehrenamtlich tätigen Mitglieder scheint aufzugehen, die teils die Wünsche einzelner Kinder erfüllen, teils großen Gruppen mit einer außergewöhnlichen Aktion Impulse vermitteln. „Manchmal bekomme ich noch nach Jahren E-Mails oder Briefe und erfahre, was sich im Leben der jetzt Erwachsenen Positives getan hat“, berichtet die Vereinsvorsitzende. Flattert eines Tages vielleicht auch Post aus dem Enzkreis ins Haus? Warum nicht. Spaß genug haben ein netter Bengel und eine gar nicht abgehobene Prinzessin den Kindern beschert.

 

Angaben zum Künstler: Tim Bengel

Der freischaffende Künstler wurde 1991 in Ostfildern nahe Stuttgart geboren. Heute ist Esslingen am Neckar sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Bengel wählt bei seinen Werken ungewöhnliche Materialien. Er vereint schwarze und weiße Sandkörner sowie Gold auf einer klebrigen Fläche und kreiert nach wochenlanger Kleinstarbeit imposante Kunstwerke. Einblicke in diese Collagen-Technik und deren finale Enthüllung gewährt er in Videos über soziale Kanäle wie Facebook und Instagram. Ohne Frage gehört der 27-Jährige derzeit zu den aufregendsten und gefragtesten Künstlern seiner Generation – gerade weil ihm die Verbindung von bildender und performativer Kunst nahtlos gelingt. (pm)

 

Infos zum Kinderzentrum:

Das Kinderzentrum Maulbronn besteht aus einem ambulanten Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) und der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie. Behandelt werden Kinder mit chronischen Erkrankungen, Entwicklungsstörungen, Behinderungen und psychosozialen Störungen. Wegen der stark zunehmenden Nachfrage nach Behandlungsplätzen wurde ein Anbau fertiggestellt. Jetzt muss der denkmalgeschützte Hauptbau saniert und umgebaut werden. Rund zehn Millionen Euro werden unter anderem für Brandschutz- und Umbauarbeiten benötigt. Die Maßnahmen sind trotz öffentlicher Förderung nicht ohne Hilfe zu schultern. Das Kinderzentrum ist daher auf Spenden angewiesen. (pm)

Carolin Becker

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