„One Billion Rising“: Maulbronner setzen Zeichen gegen Gewalt

Im Rahmen der Aktion „One Billion Rising“ setzen rund 50 Menschen ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen

Von Maik Disselhoff Erstellt: 15. Februar 2020, 00:00 Uhr
„One Billion Rising“: Maulbronner setzen Zeichen gegen Gewalt „One Billion Rising“: Nach Veranstaltungen in den vergangenen zwei Jahren in Niefern-Öschelbronn und Ispringen marschieren die Protestierenden am Freitag durch Maulbronn. Fotos: Fotomoment

Maulbronn hat sich der weltweiten Kampagne „One Billion Rising“ angeschlossen. Eine Gruppe von etwa 50 Protestierenden brachte ihre Solidarität mit Frauen zum Ausdruck, die seelische und körperliche Gewalt erfahren.

Maulbronn. Ungewöhnliche Klänge schallen am Freitagnachmittag über den Klosterhof. Anstelle von Orgelmusik tönt Alicia Keys’ Hit „Superwoman“ weithin hörbar aus der Konserve. Pappschilder und Tücher machen mit klaren Botschaften deutlich, um was es denjenigen geht, die sich vor dem Eingangsbereich zum Weltkulturerbe versammelt haben. „Nein zu Gewalt gegen Frauen“, lautet der Kern der Botschaft, die die Teilnehmer der Kundgebung an diesem Nachmittag mit ihrem Protestzug auch noch in die Ortsdurchfahrt von Maulbronn tragen werden, die dafür zeitweise abgesperrt wird.

Die Aktion One Billion Rising (eine Milliarde erhebt sich) findet seit 2012 immer am 14. Februar statt. Initiiert hat die Kampagne für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie für Gleichstellung ursprünglich Eve Ensler, eine US-amerikanische Künstlerin und Feministin. Die Milliarde bezieht sich auf eine Statistik der Vereinten Nationen, wonach weltweit jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Gewalt erfährt. Friederike Keitel hatte die Idee, das eher aus Großstädten bekannte Format ins beschauliche Maulbronn zu holen

. „Uns geht es darum, das Thema sichtbar zu machen und uns mit betroffenen Frauen solidarisch zu zeigen“, sagt die 49-Jährige und fügt hinzu: „Gewalt gegen Frauen gibt es schließlich auch hier bei uns.“ Davon berichten die Rednerinnen, die im Rahmen der Kampagne in Maulbronn sprechen. Tanja Göldner, die Leiterin des Pforzheimer Frauenhauses, ist eine von ihnen. Häufig erleben Frauen Gewalt in ihren eigenen vier Wänden, werden vom Partner gedemütigt, erniedrigt und geschlagen. „Betroffene leben häufig in dem Glauben, dass sie selbst für die Gewalt, die sie erfahren, verantwortlich seien“, sagt Göldner. Und häufig beginne die Gewalt mit der großen Liebe. „Diese Gewalt muss nicht unbedingt körperlich sein. Häufig werden Frauen auch Opfer von verbaler und psychischer Gewalt, was nicht weniger schlimm ist.“ Alle Rednerinnen, darunter auch Kirsten Beiter von der Fachstelle häusliche Gewalt Pforzheim/Enzkreis, belassen es nicht dabei, die traurigen Fakten zu benennen, sondern weisen auf die Hilfsangebote hin, die es für betroffene Frauen in der Region gibt.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Enzkreises, Martina Klöpfer, nennt etwa die vertrauliche Spurensicherung, die im Helios Klinikum in Pforzheim für Vergewaltigungsopfer eingerichtet wurde. Sie legt aber auch den Finger in die Wunde, wenn sie deutlich macht, dass es nicht genug Hilfsangebote gibt. Das sieht auch die Frauenhauschefin Göldner so, die feststellt, dass ein Mangel an Schutzräumen herrscht, in die sich Frauen in Notsituationen flüchten können. „Es gibt leider viel zu wenig Frauenhäuser.“ Zwischen den Redebeiträgen wird, wie es bei One Billion Rising üblich ist, getanzt. Unter der Anleitung von Aleksandra Brigadir verwandelt sich die Versammlung aus dem Stand heraus in eine Tanzformation, die sichtlich Spaß an der Bewegung hat. Auch die Grünen-Abgeordnete Stefanie Seemann schwingt die Hüfte. Sie unterstützt die Protestaktion und spricht von „erschreckend hohen Zahlen“ häuslicher Gewalt.

Klar ist, dass jede Statistik nur die Fälle erfassen kann, die bekanntwerden. Viele Übergriffe kommen jedoch nie ans Licht, die Dunkelziffer ist riesig. „Wir müssen unsere Solidarität stärken und ausbauen“, appelliert Seemann an die Teilnehmer in Maulbronn. Sie sei froh darüber, dass es im Enzkreis viele engagierte Menschen gebe, die sich für betroffene Frauen einsetzten. Ausdrücklich dankt die Landespolitikerin auch den Initiatorinnen, die One Billion Rising in der Klosterstadt organisiert haben. „Wir brauchen diese öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema.“ Auf Landesebene sieht die Abgeordnete die Regierungskoalition auf einem guten Kurs: „Wir haben im neuen Doppelhaushalt zwölf Millionen Euro zusätzlich für Frauen- und Kinderschutzhäuser vorgesehen, was eine deutliche Erhöhung ist.“

Es gibt neben den vielen männlichen Unterstützern, die zur Kundgebung kommen, auch einen prominenten männlichen Redner. Der Bürgermeister der Stadt, Andreas Felchle, ist Schirmherr der Veranstaltung. Er erinnert daran, dass es neben den vielen Ausprägungen, die Gewalt gegen Frauen haben kann, auch um den täglichen Chauvinismus gehe, der sich in der Gesellschaft wieder verstärkt verbreite. Und in Anspielung auf ein Plakat mit der Aufschrift „Omas gegen Rechts“ bemerkt der Rathauschef: „Wer hätte gedacht, dass sich eine solche Denke nach 1945 wieder bei uns breitmacht“.

An den Protestmarsch durch die Stuttgarter Straße schließt sich am Abend noch eine Filmvorführung an. Mit Blick auf die Resonanz auf die Veranstaltung stellt Schirmherr Felchle fest, dass es „gerne noch viel mehr“ Teilnehmer hätten sein dürfen. Doch die Initiatorinnen Friederike Keitel, Silvia Brähler, Rebecca Haalboom, Claudia Hermsen und Hortense Schellinger können zufrieden sein. Ihre Botschaft der Solidarität ist am Valentinstag in der Stadt nicht zu übersehen gewesen.

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