Der Geschichtenerzähler mit der Kamera

Wilfried Gebhard zeigt seine Fotoarbeiten in Istanbul und eröffnet bald auch eine Werkschau in Maulbronn

Von Maik Disselhoff Erstellt: 25. April 2017, 00:00 Uhr
Der Geschichtenerzähler mit der Kamera Tradition, umzingelt von Moderne: Istanbul ist eine Metropole im Umbruch. Alte Bausubstanz ist vielerorts bedroht und muss häufig Hochhäusern Platz machen. Fotos: Gebhard (4), Kopacz (1)

Zwischen Istanbul und Maulbronn bewegt sich derzeit der Fotograf Wilfried Gebhard. Im Mai zeigt der 72-Jährige in seiner Heimatstadt erstmals einen Querschnitt seines Schaffens aus den vergangenen Jahren.

Maulbronn. Wilfried Gebhard ist ein Flaneur, der bei seinen Streifzügen auf den richtigen Moment lauert. Er sucht seine Motive vorwiegend in großen Städten wie Istanbul, Venedig oder Stuttgart. Er drückt aber auch in seiner kleinen Heimatstadt Maulbronn auf den Auslöser. Im vielseitigen Werk des 72-Jährigen tauchen immer wieder Menschen auf. Architektur, Landschaften und Pflanzen spielen ebenfalls eine große Rolle. Doch allein die Wirklichkeit mit künstlerischem Anspruch in ein Foto zu übersetzen, ist dem 72-Jährigen zu wenig. Mit Hilfe seiner Kamera nimmt er sich auch die Freiheit, Schnipsel aus der realen Welt in abstrakte Fotokunst zu verwandeln. Strukturen und Linien, Oberflächen aller Art fordern ihn heraus, reizen ihn künstlerisch. Am liebsten fotografiert der ehemalige Illustrator und Cartoonist, der an der Kunstakademie in Stuttgart in den 1960er Jahren Grafikdesign studiert hat, in Schwarz-Weiß. Das Spiel mit Licht und Schatten beherrscht er souverän, was nicht zuletzt Preise und Einladungen zu Ausstellungen beweisen.

Aktuell sind Fotos von Gebhard im Museum für Fotografie in Istanbul zu sehen. Bei der spannenden Schau werden Werke aus den Jahren 1965/1966, die der junge Student im Zuge einer ausgedehnten Türkeireise schuf, aktuellen Arbeiten von 2015 gegenübergestellt, die in Istanbul entstanden. Seit Gebhards Studentenzeit hat sich die Türkei in rasantem Tempo verändert. In den 1960er Jahren lebten in der türkischen Metropole Istanbul etwa 1,5 Millionen Einwohner, mittlerweile dürften an die 15 Millionen Menschen in der Megacity wohnen. „Das ist heute ein Moloch“, sieht Gebhard den Bauboom kritisch. „Die Wirtschaft geht rücksichtlos über die alte Bausubstanz hinweg.“ Das fotografische Hauptmotiv zu diesem Artikel spiegelt die Entwicklung eindrucksvoll wider. Die Kuppeln im traditionellen Stil im Bildvordergrund werden von den Wolkenkratzern verdrängt, die am Horizont als Drohkulisse aufscheinen. Hier offenbart sich Gebhard als politischer Fotograf, der freilich nicht die Moralkeule schwingt. Er führt zwar den Blick, überlässt die Wertung der Situation jedoch dem Betrachter.

Ende März hielt sich der Maulbronner wegen der Ausstellung im Fotografie-Museum für fünf Tage in Istanbul auf. „Wegen der aktuellen politischen Situation hatte ich auf dem Weg zum Flughafen schon ein etwas mulmiges Gefühl“, sagt er. Doch vor Ort habe er die Lage dann als „weniger nervös“ erlebt, als er es erwartet habe. Gleichwohl macht sich der Türkeifreund große Sorgen um die Zukunft des „gespaltenen Landes“. Es gehe zurzeit viel Freiheit verloren, so Gebhard, dem vor allem eines auffällt: „Vor 50 Jahren hat Religion im öffentlichen Leben lange nicht die Rolle gespielt wie heute.“ 2015 habe er in Istanbul auch noch viele Touristen aus Europa gesehen, heute bestimmen Besucher aus dem arabischen Raum das Bild. „Es liegt momentan schon eine Spannung in der Luft. Man sieht auch viel mehr bewaffnete Polizisten als noch vor zwei Jahren.“

In Istanbul seien die Reaktionen auf seine Fotoarbeiten fantastisch gewesen. „Auch der Austausch mit den anderen Fotografen war sehr anregend“, blickt Gebhard zurück, der seinem Heimspiel in Maulbronn mit ein wenig Lampenfieber entgegensieht. Am 12. Mai wird die Ausstellung um 19.30 Uhr in der Stadthalle eröffnet. „Ich denke, dass viele kommen werden, die selbst mit Anspruch fotografieren. Auf ihre Meinung bin ich gespannt.“ In der Ausstellung werden hauptsächlich Schwarz-Weiß-Aufnahmen, aber auch Farbfotografien aus den vergangenen drei Jahren zu sehen sein. Die Idee zur Werkpräsentation kommt gar nicht von Gebhard selbst. „Ich wurde vom Maulbronner Stadtarchivar Martin Ehlers gefragt.“ Gebhard drängt sich nicht ins Rampenlicht. „Ich fotografiere nicht, um Aufmerksamkeit zu erregen, freue mich aber, wenn jemand etwas mit meinen Arbeiten anfangen kann.“

Der 72-Jährige kehrt hin und wieder ohne Ergebnis von einer Fototour zurück. „Das kommt sogar häufig vor. Manchmal bin ich für ein Motiv zu langsam, und selbstkritisch bin ich halt auch“, sagt der Mann, der sich auf der Suche nach einem geeigneten Sujet gern überraschen lässt. Um bei der Ausrüstung Gewicht zu sparen, ist der Maulbronner unter anderem mit einer spiegellosen Systemkamera von Olympus unterwegs. „Ich ich bin ja nicht mehr der Jüngste“, sagt er. Nachdem Gebhard den Auslöser betätigt hat, geht die Arbeit am Computer weiter. „Ich bearbeite meine Bilder, das hat man früher in der Dunkelkammer ja auch getan.“ Beschneiden, nachschärfen und Helligkeit nachbearbeiten sind erlaubt, Veränderungen des Bildinhalts jedoch nicht. Und wann ist der Autodidakt mit einem Foto richtig zufrieden? „Das sagt mir mein Bauchgefühl. Die Komposition muss stimmen, und die Geschichte, die erzählt wird, muss gut sein. Zu hundert Prozent zufrieden bin ich aber nur in sehr seltenen Fällen.“

 

Die Ausstellung „Lichtspiele – Schattentheater“ wird am 12. Mai um 19.30 Uhr in der Stadthalle Maulbronn eröffnet und ist bis zum 28. Mai zu sehen. Sie ist werktags von 13 Uhr bis 17 Uhr sowie samstags, sonntags und feiertags von 11 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Mehr zu Gebhards Fotoarbeiten unter www.fotowege.de.

Maik Disselhoff

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