Schüler finden Tablets klasse

In Knittlingen soll das Unterrichten mit digitalen Medien in Zukunft noch weiter ausgebaut werden – Erste Erfahrungen sind positiv

Von Carolin Becker Erstellt: 16. Februar 2019, 00:00 Uhr
Schüler finden Tablets klasse Unterricht der digitalen Art: Der Moment, in dem Siebtklässlerin Ronja vermeintlich die Treppe hinunterstürzt, wird von ihren Klassenkameradinnen Laura und Sofia als Foto festgehalten. Später fügen sie auf dem Tablet einen auf Englisch gesprochenen Dialog hinzu und haben ein multimediales Buch geschaffen. Wie man einen Notruf absetzt, haben sie ganz nebenbei auch gelernt. Foto: Fotomoment

Um den Digitalpakt wird zwischen Bund und Ländern heftig gerungen. In Knittlingen warten die Verantwortlichen nicht auf den Ausgang des politischen Kräftemessens und einen wie auch immer gearteten Geldsegen. An der Faust-Schule hat das Lernen mit Hilfe von Tablets bereits begonnen.

Knittlingen. Schulhund Marty weiß nicht, dass ein Tablet ein tragbarer, flacher Computer mit Touchscreen ist. Auch die Begriffe Apple oder App dürften ihm fremd sein. Er spürt aber sehr wohl, dass er Ronja nicht zu Hilfe zu eilen braucht, obwohl diese sich gerade mit schmerzverzerrtem Gesicht den Knöchel reibt. Schließlich ist der Treppensturz, den Klassenkameradin Sofia mit dem schwarzen Gerät festhält, nur ein gespielter Unfall, und das Foto bedient nicht niedere Gaffer-Instinkte, sondern ist Teil einer Aufgabe, die es im Englisch-Unterricht zu lösen gilt. Später werden die Mädchen gemeinsam mit „Ersthelferin“ Laura die gespeicherten Bilder mit einem Dialog unterlegen. Der Lerneffekt: Sie wissen nun nicht nur, wie man auf Englisch einen Notruf absetzt, sondern sie können ihre eigenen Redebeiträge auch selbst hören und verbessern. Vom Spaß, den das Trio wie die gesamte Klasse 7b an diesem Freitagvormittag hat, einmal ganz abgesehen. Unter flink wischenden Fingern entstehen auf dem Tablet wahrhaft sprechende Bildergeschichten in professionellem und individuell gestaltbarem Layout.

Digitale Technik hat in unterschiedlicher Ausprägung an vielen Schulen Einzug gehalten, der Knittlinger Ansatz jedoch habe für die unmittelbare Umgebung wohl Pioniercharakter, sagt Schulleiter Thomas Rathgeb. Nach dem grünen Licht des Gemeinderats im Sommer 2018 wurde ein Klassensatz Tablets angeschafft, die seit September für unterschiedliche Fächer und Jahrgangsstufen über ein hauseigenes System gebucht werden können. Zehn Lehrer wurden fortgebildet, die technische Ausstattung der Zimmer erweitert.

Noch stehe die Schule am Anfang eines Weges, den es schrittweise zurückzulegen gelte, betont Rathgeb. „Schließlich mussten wir erst sehen, ob die neuen Möglichkeiten angenommen werden.“ Nach einigen Monaten plagen weder den Schulleiter noch seinen Tabletbeauftragten Benjamin Hemberger Zweifel: Der Klassensatz sei für die nächsten vier Wochen ausgebucht, die Rückmeldungen klängen positiv, und auch wenn die Geräte nicht mit nach Hause genommen werden könnten, erlaubten bestimmte Apps das Weiterarbeiten in den eigenen vier Wänden. „Das Gesamtpaket stimmt“, verweist Rathgeb auf die Partner, mit denen die Schule in Sachen Technik zusammenarbeite. Zwar werde von den Schülern Verantwortung im Umgang mit den iPads gefordert, doch sei deren Wartung unkompliziert, die Bedienung intuitiv.

Hat das Papier als Grundlage des Lernens ausgedient? Keineswegs, sagt Lehrerin Regina Meeh, die Tablets in der Grundschule und in einem schulübergreifenden Kurs für Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf beim Lesen und Rechtschreiben einsetzt. Die wesentliche Rolle der Handschrift sei schließlich von Hirnforschern erwiesen, doch liefere der differenzierte und individuelle Gebrauch der modernen Medien gerade bei kleinen Kindern eine willkommene Motivationsspritze. „So bringe ich Kinder dazu, auch ungeliebte Aufgaben anzupacken“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen.

Das Echo sei insgesamt so positiv, dass er für den noch nicht beratenen Haushalt des laufenden Jahres die nächste Ausbaustufe beantragen werde, kündigt Schulleiter Rathgeb an. Er hoffe auf ein Ja zu 40 zusätzlichen Geräten, den erforderlichen Lizenzen und weiteren Beamern sowie WLAN-Hotspots. Während bundesweit über den Digitalpakt noch diskutiert werde, habe die lokale Politik den ersten Schritt bereits bewältigt, lobt Thomas Rathgeb die positive Grundhaltung von Verwaltung und Gemeinderat. Dennoch sei ihm klar, dass Mittel für eine Komplettversorgung schlicht nicht verfügbar seien.

Mittelfristig denkbar sei die Einführung einer Tabletklasse, die, analog zum bilingualen Zug, von den Eltern für ihr Kind gewählt werden könnte. Über die Schule müssten diese ein Gerät selbst anschaffen. „Einige fragen schon nach der Option, andere fürchten offenbar aber auch, dass diese finanzielle Belastung auf sie zukommen könnte“, berichtet der Schulleiter. Klar sei: Ein solches Modell sei noch Zukunftsmusik, und auch der Tabletbeauftragte weiß: „Zuvor müsste an der Infrastruktur noch einiges getan werden.“

Vom generellen Sinn des Unterrichtens mittels iPad, das langfristig auch die Schulbücher in Papierform ersetzen könnte, ist der Pädagoge überzeugt. „Wir knüpfen an die Lebenswirklichkeit der Schüler an und zeigen ihnen, dass Tablets nicht nur zum Spielen oder für Social Media taugen“, unterstreicht Benjamin Hemberger. Von nachweisbarem Nutzen seien die iPads beispielsweise im Vorfeld einer Sprachprüfung der Zehntklässler gewesen. Weitere Vorteile seien unter anderem, dass das Lernen nicht mehr an einen Klassenraum gebunden sei und der Lehrer auf Ergebnisse jederzeit zugreifen und dem Schüler eine Rückmeldung geben könne.

Während die digitalen Einheiten in Englisch, Mathe und Co. als willkommene Abwechslung empfunden werden dürften, sind die Geräte im Fach Informatik von beinahe zwingender Notwendigkeit. Lehrer Mario Dischinger hat sich die Tablets daher für seinen Unterricht lange im Vorfeld gesichert. „Programmieren mit Drohnen“ lautet an diesem Freitag seine Aufgabe für die 7b, und bald tippen die Schüler Codes der Sprache Swift ein, um damit wie von Zauberhand drahtige Flugobjekte abheben zu lassen. Die Frage erübrigt sich fast: „Ja, das macht großen Spaß“, lässt das Team um Felix wissen, während sich ihr Arbeitsgerät schon in komplexeren Bahnen bewegt. Für die Schüler, die sich um Finanzielles und Organisatorisches nicht kümmern müssen, ist an diesem Vormittag allein die Zimmerdecke das Limit, mit der die eine oder andere Drohne Bekanntschaft macht.

Beim Tag der offenen Tür, den die Dr. Johannes-Faust-Schule am Samstag, 23. Februar, von 9.30 bis 12.30 Uhr veranstaltet, können Interessierte das Bildungsangebot kennenlernen – Vorführungen an den Tablets inklusive.

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