Erster Akt

Von Carolin Becker Erstellt: 26. Mai 2018, 00:00 Uhr
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Der Umzug des Archivs ist ein wichtiger Schritt – aber nicht der letzte

Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Mit diesem Goethe-Zitat den Umzug des Knittlinger Stadtarchivs zu kommentieren, wäre ebenso wohlfeil wie ungerecht. Denn schließlich kommt es angesichts der bisherigen Umstände einem Quantensprung gleich, was nun offenbar noch 2018 umgesetzt werden soll: die sichere, saubere und an einem – noch dazu gut zugänglichen – zentralen Ort komprimierte Lagerung der Zeugnisse der Stadtgeschichte. Jahrzehntelang brauchte, wer Einblick in Inventuren und Teilungen oder andere Akten nehmen wollte, neben Atemschutzmaske und Handschuhen vor allem ein Bündnis mit Fortuna, um im weitestgehend unsortierten Bestand fündig werden zu können. An Letzterem – und das ist der Wermutstropfen – wird sich auch in absehbarer Zukunft vermutlich nichts ändern. Denn die Finanzlage der Stadt ist derart angespannt, dass zuletzt bei der Haushaltsberatung selbst um einzelne Zeiterfassungsgeräte für Verwaltungsmitarbeiter intensiv gerungen wurde. Angesichts einer sich abzeichnenden Neuverschuldung mag es wenig opportun erscheinen, Mittel für die professionelle Neuordnung zu fordern. Eine ketzerische Frage sei allerdings erlaubt: Braucht es wirklich so dringend Geld für den papierlosen Gemeinderat samt neuer Schreibtische, die Steckdosen für ladeschwache Tablets bieten, oder lohnt es sich nicht, die Papiere früherer Gemeinderatsgenerationen einer möglichen Auswertung zuführen zu lassen?

Eine Stadt, die mit der Geschichte wuchert, die ihr den historischen Faust geschenkt hat, sollte den Nutzen der hauseigenen Schatzkammer nicht unterbewerten. Hätte der Ehrenbürger Karl Weisert nicht einst in alten Dokumenten gegraben, würden Jahrzehnte später keine Touristen ins Faust-Museum strömen, und bewahrten nicht einige geschichtsaffine Bürger Anekdoten aus der Vergangenheit vor dem Vergessen, würde der Veranstaltungskalender deutlich weniger Zeitreisen in das Knittlingen von einst enthalten.

Wer die Vergangenheit nicht achtet, hat keine Zukunft. Das werden sich schon die Gemeinderäte – beispielsweise namens Silber und Vogt – gedacht haben, die 1827 sorgfältig geführte Protokolle mit ihrer Unterschrift schmückten und mit dafür sorgten, dass die Papiere aufbewahrt wurden. Als Bürger einer Stadt, die mehrfach ein Raub der Flammen wurde, dürften sie aus der Geschichte eines gelernt haben: dass ein sicherer Lagerort Gold wert ist.

Am Ziel, diesen Rohstoff herzustellen, arbeitete sich der berühmteste aller Knittlinger vergeblich ab. Konnte er auch das Rezept letztlich nicht benennen, stand ihm dennoch – siehe Eingangszitat – schmerzlich klar vor Augen, dass Wissen der eigentliche Rohstoff ist, aus dem Entwicklungen generiert werden. Zu Fausts Zeiten und bis heute gilt: Wissen, auch und gerade jenes um die eigene Geschichte, ist Macht. Macht was draus, ihr Knittlinger, könnte er seinen Nachfahren zurufen.

Carolin Becker

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