„Wir sind nicht nur Eintagsfliegen“

Die Kommunalwahl wirft ihre Schatten voraus: Im Mai wollen einige junge Kandidaten den Einzug in den Gemeinderat schaffen

Von Theresa Mammel, Sofie Bloss und Ramona Deeg Erstellt: 4. Februar 2019, 00:00 Uhr
„Wir sind nicht nur Eintagsfliegen“ Was Andreas Scheuermann (li.) schon erlebt hat, steht den Jungkandidaten bevor: Johannes Bächle, Jannis Kartenberg, Maria-Magdalena Wild und Davis Riedel (Uhrzeigersinn). Fotos: Bloß(4), privat (1)

„Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte“ hat schon der griechische Philosoph Sokrates über die Jugend gesagt. Wie sehr er irrt, wird deutlich, wenn man auf die Listen der im Mai stattfindenden Kommunalwahl blickt.

Mühlacker/Wiernsheim/Illingen. In knapp vier Monaten werden die Gemeinderäte in der Region neu gewählt. Dabei wollen auch dieses Jahr einige junge Kandidaten Verantwortung übernehmen. Darunter sind Maria-Magdalena Wild (17) aus Lomersheim, Johannes Bächle (20) aus Lienzingen, Jannis Kartenberg (18) aus Wiernsheim und Davis Riedel (18) aus Enzberg. Einer, der nicht nur vor fünf Jahren den Einzug in den Illinger Gemeinderat geschafft hat, sondern inzwischen dort auch CDU-Fraktionsvorsitzender ist, ist Andreas Scheuermann (27). Er konnte schon die Erfahrung sammeln, die die anderen vier nun gerne machen würden, und gibt ihnen einige Tipps – allem voran, dass hin und wieder ein dickes Fell wichtig ist.

Während die jungen Kandidaten einen Großteil der Wähler noch überzeugen müssen, um genügend Stimmen zu sammeln, stehen ihre Familien und Freunde hinter ihnen. Die politische Einstellung mag unterschiedlich sein, aber eines haben sie gemeinsam: Sie wollen Gleichaltrige davon überzeugen, dass Politik wichtig ist. Auch die Themen, die sie umtreiben, ähneln sich: Bildung, Kultur und Nahverkehr – von allen sind sie direkt betroffen.

„Im Bereich Bildung muss sich etwas verbessern“, sagt Maria-Magdalena Wild, die eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert. Der 17-jährigen Lomersheimerin, die für Gemeinderat und Kreistag kandidiert, liegen noch mehr Themen am Herzen, für die sie sich einsetzen möchte: Öffentlicher Nahverkehr und die Gleichberechtigung von Mann und Frau insbesondere auf dem Arbeitsmarkt sowie eine bessere Bezahlung von Pflegekräften. In puncto Bildungspolitik hat sie sogar eine konkrete Idee: Ihr schwebt, wie sie berichtet, eine Schülermitverwaltung (SMV) auf Landesebene vor, damit Schüler und Lehrer die Bildungspolitik aktiv mitbestimmen können. Mit ihren Kernthemen fühlt sich die jüngste Kandidatin des Mühlacker Gemeinderats – vor der Wahl wird sie noch volljährig – bei der SPD gut aufgehoben, in der sie seit vergangenem Jahr Parteimitglied ist. Mit dem Listenplatz 10 hat sie es auf die vorderen Plätze geschafft. Den erfahrenen SPD-Räten sei es wichtig, dass junge Erwachsene neben jahrzehntelang Erfahrenen ebenso eine Chance bekommen, erklärt Maria-Magdalena Wild. Übrigens stammt sie aus einer politisch engagierten Familie: Ihr Urgroßvater war selbst in der SPD aktiv, engagierte sich als Fraktionsvorsitzender und stellvertretender Oberbürgermeister in Rheinfelden.

Politisches Ehrenamt wird auch in der Familie von Johannes Bächle großgeschrieben: Sein Vater Günter Bächle wurde erst vergangene Woche für sein vielseitiges Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet (wir berichteten). Auch Mutter Johanna Bächle trägt als Bildungs- und Kulturamtsleiterin im Rathaus Mühlacker Verantwortung für das Wohl der Bürger. Entsprechend sei sein Interesse für Politik, wie Bächle junior berichtet, im Gespräch mit seinen Eltern gereift. 2016 ist er dann zunächst in die Junge Union und wenig später in die CDU eingetreten. Innerhalb der Partei ordnet sich der 20-jährige Auszubildende zum Informatikkaufmann eher dem christlich-sozialen Flügel zu. Kommunalpolitisch liegt ihm sein Heimatstadtteil Lienzingen sehr am Herzen, aber auch für ein neues Gewerbegebiet und eine Stadthalle wolle er sich einsetzen. Zudem wolle er eine Schnittstelle zwischen der Stadtverwaltung und insbesondere der jungen Bürger sein, umreißt er sein (politisches) Vorhaben. Dass ab Sommer womöglich Vater und Sohn für die CDU im Gemeinderat vertreten sind, ist rechtlich übrigens kein Problem. Johannes Bächle bewirbt sich zwar zum ersten Mal für die Kommunalwahlen, als blutigen Anfänger kann man ihn aber nicht bezeichnen: Er ist Ortsvorsitzender der Jungen Union und Kassenwart der CDU Mühlacker.

Erste Erfahrungen in der Politik hat auch Davis Riedel aus Enzberg schon gesammelt: Er ist Pressesprecher der Jusos Enzkreis-Pforzheim und seit 2016 SPD-Mitglied. Politik sei ihm immer schon wichtig gewesen, erzählt er. Mit seiner Kandidatur wolle er vor allem Jugendliche und junge Erwachsene motivieren, sich politisch zu engagieren – und wenn es „nur“ der Gang zur Wahlurne ist, um von seinem Bürgerrecht Gebrauch zu machen. Angesichts der drei anstehenden Wahlen am 26. Mai – Europawahl, Kreistagswahl und Kommunalwahl – könnte man die Chance, zu wählen, gleich dreimal nutzen, betont er. „Dass man ab dem Alter von 16 wählen darf, zeigt, wie wichtig die Stimmen von Jugendlichen sein können“, erklärt er. Doch neben dem bloßen Motivieren zum Wählen möchte sich Davis Riedel nach eigenen Angaben auch verstärkt jugendpolitischen Themen widmen – etwa mehr kostenlosen WLAN-Hotspots in der Innenstadt und mehr Freizeitangeboten. Zudem seien ihm Bildungsangebote und Kultur wichtig. Als Sohn einer Bäckerfamilie erlebt er in Enzberg, wie die örtliche Nachversorgung zusehends abnehme. Das müsse sich ändern. Für die Kommunalpolitik bricht er eine Lanze, „weil diese viel näher am Bürger dran ist, als alles, was sich in Berlin oder Brüssel abspielt“.

Wie wichtig die „Politik vor der Haustür“ ist, hat auch Jannis Kartenberg erfahren. Die Debatte um den geplanten Wiernsheimer Einzelhandelsstandort Seite habe dem politisch interessierten 18-Jährigen, wie er erzählt, „den letzten Kick“ gegeben. Nun kandidiert er gemeinsam mit seinem Vater Karlheinz Kartenberg auf der neuen Wiernsheimer Liste „Land“ (wir berichteten). „Zuvor habe ich mich eher für internationale und bundesweite politische Themen interessiert“, räumt er ein, „aber eigentlich beginnt Politik ja schon vor der eigenen Haustür.“ Um sich mit den Themen der Plattenwaldgemeinde vertraut zu machen, habe er bereits Gemeinderatssitzungen besucht, erzählt der Elektrotechnik-Student, der in seiner Freizeit gerne Motorrad fährt. Bei seinen Gemeinderatsbesuchen sei ihm insbesondere der Politikstil aufgefallen, den er als „sehr autoritär“ empfunden habe. „Ich gehe die Aufgaben mit Respekt an, aber ich habe hauptsächlich auch eine große Vorfreude auf die kommende Zeit.“ Er hofft, wie die anderen jungen Bewerber auch, das politische Interesse bei Gleichaltrigen zu wecken. „Im Internet seiner Meinung freien Lauf zu lassen, ist leicht, aber sich aktiv für seine Ziele einzusetzen, ist das, was zählt“, betont Kartenberg. Dennoch empfindet es der 18-Jährige als Herausforderung, sich in einer politischen Runde einzubringen, in der er der Jüngste ist.

Diese Erfahrung – der Jüngste im Gemeinderat zu sein – hat Andreas Scheuermann aus Illingen bereits bei der vergangenen Kommunalwahl im Jahr 2014 gemacht. Damals war Scheuermann 22 Jahre alt. Inzwischen ist er Vorsitzender seiner CDU-Fraktion und trifft nicht nur mit der Trompete im Musikverein den richtigen Ton. „Es gibt am Anfang immer Leute im Gemeinderat, vielleicht auch auf der eigenen Liste, die einen schief anschauen und belächeln“, sagt er rückblickend, „damit muss man rechnen, aber es darf einen nicht einschüchtern.“ Respekt verschaffe man sich laut Scheuermann am besten, indem man von Anfang an deutlich Position bezieht, gibt er den jungen Kandidaten, die erstmals antreten, mit auf den Weg. „So etwas wie Welpenschutz gibt es in der Kommunalpolitik eher selten“, weiß er, daher könne der Ton auch schon zu Beginn etwas rauer werden. Davon dürfe man sich nicht abschrecken lassen. Setzt man seine Meinung einmal nicht durch, rät er, gelte es, das Thema schnell abzuhaken und nach vorne zu schauen: „So demokratisch muss man sein.“ Es sei klar, dass man als Neueinsteiger nicht über die Erfahrung der Altgedienten verfüge. Daher sei es wichtig, sich Rat zu holen und nachzufragen. Irgendwann würden diese dann verstehen, dass man als junges Gemeinderatsmitglied keine Eintagsfliege ist, sondern sein Engagement ernst meine.

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