92 Auszeiten vom belastenden Alltag

Familienherberge Lebensweg: Gute Auslastung im ersten Jahr und zufriedene Gäste

Von Maren Recken Erstellt: 23. Januar 2019, 00:00 Uhr
92 Auszeiten vom belastenden Alltag Britta Hoyem (Mitte) und ihr Sohn Rasmus, freuen sich über eine Auszeit in der Familienherberge Lebensweg, die Karin Eckstein (li.) ins Leben gerufen hat. Foto: Recken

Illingen-Schützingen. „Hop, hop, hop, Pferdchen lauf Galopp“, singt der elfjährige Gabriel begeistert, während er auf dem Pferd sitzt und auf dem Reitplatz im Kreis geführt wird. Er klatscht in die Hände und schmiegt sich auf den Pferderücken. „Ich hätte nie gedacht, dass das so toll klappt. Er hat normalerweise eine Wahrnehmungsstörung und ist mit dem Pferd ganz anders umgegangen, als er sich sonst verhält“, freut sich Mutter Christina Wagenhuber. Die anderen Eltern am Rande des Reitplatzes sind entspannt, die Kinder warten mit strahlenden Augen, bis auch sie an der Reihe sind, ein paar Runden auf dem Pferderücken zu drehen.

 

Ein Familienausflug im Urlaub. In entspannter Atmosphäre einfach mal etwas machen, was im Alltag nicht auf dem Programm steht. Was für viele Familien eine Selbstverständlichkeit ist, ist für die Urlauber in der Schützinger Familienherberge Lebensweg eine absolute Ausnahme. Wer hier Urlaub macht, betreut ein schwerstbehindertes Kind zu Hause. Der Alltag ist streng getaktet. Der Wunsch, das behinderte Kind zu versorgen und gleichzeitig den Geschwisterkindern gerecht zu werden, wird zum Spagat, bei dem die Eltern bis an die Grenzen des Möglichen gehen. Wenn dann Urlaub ansteht, reisen die Pflegeverpflichtungen mit. Pflegebedürftigkeit kennt keinen Urlaub.

„Wenn wir Urlaub in einer ganz normalen Ferienwohnung machen, dann ist es keine Erholung“, steht für Leslie Klitzke fest. Sie und ihr Mann versorgen neben der ältesten, behinderten Tochter im Grundschulalter noch drei jüngere, gesunde Geschwister. Urlaub in einer normalen Ferienwohnung empfinden sie als Stress, weil es dort weniger Hilfe in der Betreuung der behinderten Tochter gibt als zu Hause im Alltag.

Mit der von ihr initiierten Familienherberge Lebensweg trifft Karin Eckstein die Bedürfnisse von Familien wie den Klitzkes oder Wagenhubers, die eine Auszeit vom Alltag suchen: mit Zeit für Geschwisterkinder, der Möglichkeit, ihr behindertes Kind zwar betreuen zu lassen, aber jederzeit zu gemeinsamen Aktivitäten mitnehmen zu können, Zeit für Unternehmungen als Ehepaar und Möglichkeit zum Austausch mit Familien in der gleichen Lebenssituation.

„Während der Weihnachtsferien war die Familienherberge Lebensweg erstmals so ausgelastet, dass wir die Pflegezimmer mit jeweils zwei Kindern belegen mussten“, resümiert Karin Eckstein die vergangenen Wochen. Und freut sich bezüglich eines knappen Jahres Familienherberge Lebensweg – im Mai 2018 waren die ersten Gäste nach Schützingen gekommen – über 92 Familien, die bisher dort Urlaub machten, was einer Auslastung von knapp 30 Prozent entspricht. „Ich hätte nicht gedacht, dass von Anfang an so viele Familien zu uns kommen“, so Eckstein.

Positive Bewertungen der Urlauberfamilien und eine Mund-zu-Mund-Propaganda, die Gäste aus dem ganzen Bundesgebiet anlocken, bedeuten für Karin Eckstein. Neben der Freude, dass ihr Konzept aufgeht, momentan vor allem ein verstärktes Engagement in Sachen Finanzierung des laufenden Betriebs, der neben den zahlreichen Spenden auch auf entsprechende Zuschüsse angewiesen ist.

„Unser Kind hat eigentlich keinen Namen. Wir sind keine Kureinrichtung, keine ambulante oder klar definierte stationäre Pflegeeinrichtung, das macht die Einordnung, was die Herberge Lebensweg eigentlich ist, schwierig. Für das, was die Herberge alles abdeckt, gibt es noch keinen konkret definierten Bereich“, erklärt Eckstein. Ohne klare Einordnung, keine adäquate Förderung, so das aktuelle Dilemma. Ein hilfreicher Schritt könnte die Anerkennung als Kurzeitpflegeeinrichtung sein, auch überregional. „Dann könnte wenigsten die Betreuung der pflegebedürftigen Gastkinder mit den Kassen abgerechnet werden“, so Karin Eckstein.

Davon unabhängig sind die zahlreichen Spenden, die zum laufenden Betrieb der Herberge Lebensweg beitragen, neben monetären Spenden auch in Form von persönlichem Einsatz. Wie im Fall des fußläufig zur Herberge gelegenen Mietstalls, dessen Pferdebesitzer den Gastkindern der Herberge in regelmäßigen Abständen ein paar kostenfreie Runden auf dem Pferderücken ermöglichen.

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