„Emotional sehr belastend“

Illinger Seniorenzentrum St. Clara kämpft mit den Hochwasserfolgen – Demenzkranke Bewohner vermissen ihr vertrautes Zimmer

Von Maren Recken Erstellt: 5. Juni 2013, 00:00 Uhr
„Emotional sehr belastend“ „Emotional sehr belastend“

Verlassene Zimmer, in den Fluren Reste von Schlamm und Sand, die wenigen geretteten Möbel aufeinandergestapelt, in der halb geöffneten Spülmaschine der Wohnbereichsküche steht eine bräunliche Brühe … Im Illinger Seniorenzentrum St. Clara ist derzeit an einen normalen Betrieb nicht zu denken, von einer „emotional sehr belastenden Situation“ spricht Leiter Markus Schellinger.

Illingen. Gerade für die Bewohner mit Demenzerkrankung seien die Veränderungen im gewohnten Umfeld und in den bekannten Abläufen schwer zu verkraften, berichtet Schellinger. „Viele suchen ihr Zimmer und können es natürlich nicht finden.“ Seit das Hochwasser über das Heim am Schmiebach hereinbrach, ist der Alltag gewaltig durcheinandergewirbelt.

„Am Samstag, gegen 15.30 Uhr, hat uns eine unerwartete Flutwelle erreicht, die das komplette Erdgeschoss rund 70 Zentimeter hoch überflutet hat. Wir konnten gerade noch rechtzeitig die Bewohner in den oberen Wohnbereich bringen und anschließend die Betten dorthin schaffen, dann ist auch schon der Strom ausgefallen. Das war alles sehr apokalyptisch“, beschreibt Schellinger die dramatische Situation. Inzwischen hat sich das Wasser längst zurückgezogen, und vor der Tür fließt der Bach scheinbar harmlos in seinen gewohnten Bahnen. Was bleibt, sind die Verwüstungen, die von einer zerstörerischen Kraft des Wassers zeugen. Im Wohnbereich, in dem normalerweise 15 an Demenz erkrankte Menschen betreut werden, bieten praktisch alle Zimmer das gleiche Bild: Teile der Wandverkleidung haben sich gelöst, die durchnässte Tapete blättert ab, der Linoleumboden ist zerrissen, die Fußbodenleisten liegen lose umher.

Die ersten Aufräumarbeiten wurden mit tatkräftiger Unterstützung der Illinger Bevölkerung bereits erledigt. „Wir haben viel, viel Unterstützung durch die Bevölkerung erlebt, viele Bürger haben uns bei den ersten Reinigungsarbeiten geholfen“, freut sich Schellinger über „das intakte Umfeld“. Jetzt müssten die einzelnen Schäden erfasst und die notwendigen Instandsetzungsarbeiten geplant werden.

Neben den Experten der Versicherung und Vertretern der Heimleitung ist auch Gernot Schmidt bei der Begutachtung der Schäden mit von der Partie. „Im jetzigen Stadium etwas über die Schadenshöhe zu sagen, wäre reine Spekulation“, warnt der Ingenieur, der als Projektleiter für den Bau des Seniorenzentrums verantwortlich war und jetzt die Sanierung steuert. Zunächst müsse der Grad der Zerstörung ermittelt und dann geklärt werden, wie schnell die Schäden behoben werden könnten.

Wachsame Mitarbeiter

verhindern Schlimmeres

„Bleibende Schäden gibt es im Normalfall nicht“, sagt der Experte. Alles könne wieder getrocknet und repariert werden. Dazu sei es allerdings nötig, die Böden zu öffnen und an einer Seite Druckluft zum Trocknen zuzuführen und die feuchte Luft an einer anderen Stelle wieder abzusaugen. Außerdem sei zu prüfen, wie stark die Feuchtigkeit unter dem – in diesem Fall in doppelter Hinsicht – „schwimmenden“ Estrich sei. Fällt diese Untersuchung negativ aus, müssten die Böden komplett herausgerissen und erneuert werden.

Bis die Arbeiten abgeschlossen sind und die älteren Menschen wieder in ihre vertraute Umgebung zurückkehren können, heißt es für Heimleitung und Bewohner starke Nerven zu bewahren, flexibel zu sein und provisorische Lösungen zu akzeptieren. In der Nacht auf Sonntag wurden viele der Bewohner aus dem Erdgeschoss im Speisesaal im ersten Stock in Sicherheit gebracht. Mittlerweile, so Schellinger zwei Tage nach der Flut, seien sieben der 15 betroffenen Bewohner übergangsweise im St. Franziskus in Mühlacker untergebracht. Für die anderen habe man interne Übergangslösungen gefunden; teilweise, indem mit Hilfe von Paravents abgetrennte Bereiche geschaffen wurden. Alles in allem, macht der gemeinsame Heimleiter des des St. Clara und des St. Franziskus klar, handle es sich für alle Beteiligten um eine „emotional sehr belastende Situation“.

Große Anerkennung zollt Schellinger seinen Mitarbeitern, die sehr schnell und aufmerksam reagiert hätten. Wäre der Ernst der Lage nicht sofort erkannt und mit der Evakuierung begonnen worden, „wäre es möglicherweise nicht bei einem rein materiellen Schaden geblieben“. Was bleibt, ist der Wunsch des Heimleiters an die Gemeinde, den Hochwasserschutz deutlich zu forcieren. Auch wenn der Bach vor der Tür wieder ganz harmlos wirkt.

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