Zeitungsbericht reißt alte Wunden auf

Engelsbrander Ehrenbürger ist ein verurteilter Kriegsverbrecher – Politisches Beben belastet Partnerschaft – Gemeinde reagiert schnell

Von Frank Goertz Erstellt: 16. März 2016, 00:00 Uhr
Zeitungsbericht reißt alte Wunden auf Eine Gedenkstätte auf dem Monte Sole erinnert an das Massaker von Marzabotto. Unser Bild zeigt den Gedenkstein für den Partisanenkämpfer Mario Musolesi, dessen Spitzname „Lupo“ (italienisch für „Wolf“) war. Er gilt in der Region noch heute als Held. Foto: Andrea Di Marzo

Ein Kriegsverbrecher als Ehrenbürger belastet die deutsch-italienischen Beziehungen schwer. Gestern hat Bastian Rosenau, Bürgermeister der Gemeinde Engelsbrand, bekanntgegeben, dass der 94-jährige Wilhelm Ernst Kusterer die Ehrenmedaille zurückgibt. Was bleibt, ist trotzdem die Erkenntnis, dass die Zeit eben nicht alle Wunden heilt.

Engelsbrand/Enzkreis. Der Fall der Ehrenbürgerschaft für den SS-Mann hat ein politisches Erdbeben ausgelöst, dessen Wellen bis nach Berlin und Rom reichten. Im Epizentrum liegt Engelsbrand. Hier ist Wilhelm Ernst Kusterer im Ortsteil Salmbach 1922 geboren worden. Bis vor wenigen Tagen galt der Verfasser von Mundart-Büchern und langjährige Gemeinderat, der im Vereinsleben eine feste Größe ist, als eine der Stützen der Gesellschaft. Vor ziemlich genau einem Jahr ist ihm deshalb die Ehrenbürgerschaft verliehen worden. Doch vor einigen Tagen sind die Schatten der Vergangenheit wieder ans Tageslicht gekommen.

Kusterer war an den Massakern auf dem Monte Sole bei Marzabotto in der Nähe von Bologna beteiligt. Hier sind zwischen dem 29.September und dem 5.Oktober 1944 mindestens 770 Menschen auf bestialische Weise umgebracht worden. Für seine Kriegsverbrechen hat ein Gericht in Rom Kusterer wegen schweren und mehrfachen Totschlags 2008 zu lebenslanger Haft verurteilt. Kusterer war dem Prozess ferngeblieben, das Urteil ist für die deutsche Justiz nicht bindend und hat auf das Leben des Verurteilten keine Auswirkungen.

Von alledem hat Bürgermeister Bastian Rosenau nichts gewusst, wie er in den vergangenen Tagen immer wieder glaubhaft beteuert hat. Erst Anfang des Monats, ein Jahr nach der Verleihung der Ehrenbürgerwürde, ist durch einen Zufall die Geschichte publik geworden. Ein Zeitungsbericht von der Ehrung Kusterers war auf Umwegen in die Hände eines Italieners gelangt, der Präsident einer Vereinigung ist, die die Gräueltaten deutscher Soldaten nicht in der Schublade des Vergessens verschwinden lassen will. Er informierte unter anderem Kanzlerin Angela Merkel und die deutsche Botschafterin in Rom – und löste damit das Erdbeben aus.

Rosenau konnte sich vor besorgten und empörten Anrufen und E-Mails kaum retten. Dabei musste er auch erfahren, dass bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart seit 2013 gegen den früheren SS-Unterscharführer ein Strafverfahren wegen Mordes läuft. Die Ermittlungen sollen im Sommer abgeschlossen sein. „Für uns war das alles völlig neu“, sagt Rosenau, der alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um den Vorwürfen nachzugehen. Nachdem sich der Anfangsverdacht erhärtet hat, sollte der Gemeinderat auf einer Sondersitzung am kommenden Freitag über das weitere Vorgehen entscheiden. Diese Sitzung ist mittlerweile hinfällig. Wie die Gemeinde gestern mitgeteilt hat, gibt Kusterer seine Medaille zurück. Auch die Auszeichnung habe keinen Bestand mehr. „Die Rückgabe der Medaille erfolgt voraussichtlich im Laufe dieser Woche, dies wurde über den Anwalt der Familie vereinbart“, heißt es in der Mitteilung der Gemeinde, in der Rosenau sein Bedauern über die Unruhen und zugefügten Verletzungen zum Ausdruck bringt.

Auch Vertreter der Provinzregierung von Reggio Emilia, der Partnerregion des Enzkreises, haben heftig gegen die Auszeichnung protestiert. Massimo Mezzetti, Kulturbeauftragter der Region, sprach Zeitungsberichten zufolge von einer „absurden Auszeichnung“. Diese Ehrenmedaille beleidige alle, die gegen ein Vergessen der Nazi-Gräuel kämpften.

Für den Enzkreis kommt die Debatte um die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen zu einer Unzeit. „Die Partnerschaft befindet sich in einer schwierigen Phase“, sagt Jürgen Hörstmann, Sprecher des Enzkreises. Dies habe allerdings nichts mit dem Fall Engelsbrand zu tun, sondern mit der Verwaltungsreform in Italien, bei der fast kein Stein auf dem anderen geblieben ist. „De facto hat die Partnerschaft 2014 und 2015 geruht“, sagt Hörstmann. Aber vor wenigen Wochen hätten der Enzkreis und Vertreter der Provinzregierung den Gesprächsfaden wieder aufgenommen. Dabei habe Dr. Giammaria Manghi, Präsident von Reggio Emilia, betont, dass er großes Interesse an der Pflege und dem weiteren Aufbau von Gemeindepartnerschaften habe und an einem Fachaustausch zum Thema Flüchtlingsarbeit. Landrat Karl Röckinger stellte nach dem Besuch der Italiener im Februar fest: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Umstrukturierung in unserer Partnerprovinz für die Fortführung unserer Partnerschaft kein Hindernis darstellt. Das wäre auch ziemlich schade gewesen, schließlich sind Reggio Emilia und der Enzkreis bereits seit 1993 offiziell liiert.“

Nachdem die Geschichte um den Engelsbrander Kriegsverbrecher, der Ehrenbürger seiner Gemeinde ist, für Empörung in Italien gesorgt hat, hat Manghi Landrat Röckinger um eine Stellungnahme gebeten. „Karl Röckinger hat umgehend geantwortet und zum Ausdruck gebracht, dass er den Vorgang auch mit Entsetzen verfolgt habe, gleichzeitig aber auch darauf hingewiesen, dass die Gemeinde Engelsbrand zum Zeitpunkt der Ehrung keinerlei Kenntnis davon hatte, dass der Geehrte als

SS-Mann an den Massakern beteiligt war und in Italien verurteilt worden ist“, fasst Hörstmann die Reaktion des Enzkreis-Landrats zusammen.

Die ersten direkten deutsch-italienischen Kontakte gab es am Wochenende beim Festakt zum 1250-jährigen Bestehen der Gemeinde Illingen, zu dem auch Enrico Bini, Bürgermeister von Illingens Partnerstadt Castelnovo ne’ Monti, angereist war. „Wir haben über Engelsbrand gesprochen“, sagt Illingens Bürgermeister Harald Eiberger, ohne sich näher zu den Inhalten äußern zu wollen. Nur so viel: „Der Fall hat die Gemüter in Italien bewegt, was ich sehr gut nachvollziehen kann.“ Gleichzeitig weist Eiberger darauf hin, dass er trotz der schwierigen Vergangenheit nie Ressentiments in Castelnovo verspürt habe – und das, obwohl im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter aus Castelnovo nach Deutschland verschleppt wurden, von denen nicht alle zurückgekehrt seien.

Am 25. April, dem italienischen Feiertag zum Tag der Befreiung vom Faschismus, wird Harald Eiberger in Begleitung der Gemeinderäte Andreas Scheuermann und Peter Pförsich einen Kranz in Castelnovo niederlegen, um der Opfer des Krieges zu gedenken. „Diesen Besuch haben wir schon lange geplant, bevor der Engelsbrander Fall Schlagzeilen gemacht hat“, betont Eiberger.

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