„Wir müssen die gute Situation nutzen“

Redaktionsgespräch: Die Chefin der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim, Martina Lehmann, fordert eine Qualifizierungsoffensive

Von Maik Disselhoff Erstellt: 11. September 2018, 00:00 Uhr
„Wir müssen die gute Situation nutzen“ Martina Lehmann (55) will ungelernte Arbeitskräfte für die Zukunft fit machen. Foto: Schüller

Auf dem Arbeitsmarkt im Enzkreis herrschen statistisch betrachtet paradiesische Zustände. Für die Chefin der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim ist dies längst kein Grund, sich zurückzulehnen. Martina Lehmann appelliert an die Menschen und Betriebe, den konjunkturellen Rückenwind für Qualifizierung und Weiterbildung zu nutzen.

Mühlacker. Martina Lehmann macht beim Redaktionsgespräch im Verlagshaus unserer Zeitung angesichts der guten Zahlen auf dem regionalen Arbeitsmarkt einen zufriedenen Eindruck, gleichzeitig denkt die 55-Jährige an die Zukunft und ist deshalb ganz klar auf ein Thema fokussiert, das ihr am Herzen liegt: „Wir müssen die gute Situation nutzen, um für diejenigen Menschen Perspektiven zu schaffen, die von den Startbedingungen her nicht so gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.“

Lehmanns Agentur ist für die Landkreise Calw und Freudenstadt, den Enzkreis und die Stadt Pforzheim verantwortlich. Im gesamten Bezirk gab es vor rund einem Jahr noch 3335 Langzeitarbeitslose. Die Chefin verweist nicht ohne Stolz darauf, dass sie diese Zahl auf aktuell 2851 Menschen drücken konnte. „Wir sind damit besser als der Landesschnitt.“ Im Enzkreis sank die Zahl der Menschen, die längerfristig keinen Job hatten, von 791 auf 640. Lehmann setzt bei der Langzeitarbeitslosigkeit vor allem auf Prävention, „was für mich der wertvollste Ansatz ist“. Ihr Credo: Ausbildung und Qualifizierung ermöglichen, wo es nur geht. Dies sei nicht nur volkswirtschaftlich, sondern auch sozialpolitisch eine sinnvolle Investition in die Zukunft.

Gemeinsam mit den Jobcentern gehe es darum, für die Menschen, die schon lange arbeitslos sind, individuelle Lösungen zu erarbeiten. „Wir müssen sie motivieren, ihre Chancen mit marktgerechten Qualifizierungsmaßnahmen zu stärken“, sagt Lehmann und verweist in diesem Kontext auch auf die Chancen durch Praktika in Betrieben. „Hier gibt es für die Arbeitgeber hochattraktive und vielfältige Zuschussmöglichkeiten.“ Bei der Gruppe der langzeitarbeitslosen Menschen bleibt Lehmann jedoch nicht stehen, wenn es um das Thema Qualifizierung geht. „Wir müssen jetzt möglichst viele an- und ungelernte Menschen qualifizieren, denn der Bedarf an Fachkräften wird auch künftig weiterhin groß sein.“ Viele Helferstellen, die momentan ein auskömmliches Dasein ermöglichen, sieht die Geschäftsführerin der Arbeitsagentur längerfristig durch die Arbeitswelt 4.0 – sprich: die Digitalisierung – bedroht. Man dürfe sich vor dem Hintergrund der aktuell komfortablen Situation nicht ausruhen, warnt Lehmann. In der Region Nordschwarzwald hätten 40000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte keinen Berufsabschluss. Hier erkennt die Agenturchefin ein großes Potenzial, was die Fachkräfte von morgen betrifft. Die Arbeitsagentur freue sich über jeden Anrufer, der sich über die Optionen in Sachen Qualifizierung erkundigen möchte. „Wir bieten Beratung und auch finanzielle Unterstützung.“ Das Gespräch ist an einem Punkt angelangt, an dem die 55-Jährige die Erfolgsstory erzählt, von der sie schon oft berichtet hat. In Nagold habe sich ein Helfer dazu entschieden, den Berufsabschluss als Dachdecker zu erwerben. Zunächst war der Enddreißiger zögerlich, wurde von seinem Chef jedoch ermutigt, die Ausbildung neben dem Job in Angriff zu nehmen. „Er war so gut, dass er inzwischen den Meister gemacht hat und in die Geschäftsführung des Unternehmens aufgestiegen ist“, berichtet die geborene Tübingerin. Im vergangenen Jahr hatten sich Lehmann und ihr Team zum Ziel gesetzt, 500 Helfer dazu zu bringen, eine Ausbildung oder eine Vorbereitung auf eine externe Prüfung zu beginnen. „Wir haben die Zahl sogar leicht übertroffen.“ Auch junge Menschen, die noch nicht ausbildungsreif sind, bräuchten eine Perspektive, betont Lehmann. „Wir können auf das Potenzial dieser Menschen nicht verzichten.“ Auch mit Blick auf diese Klientel bietet die Agentur vielfältige Serviceleistungen für Betriebe an, die solchen Jugendlichen eine Chance geben. So gibt es die Einstiegsqualifizierung, bei der ein Praktikum, das bis zu einem Jahr dauern kann, von der Agentur gefördert wird. In Lehmanns Bezirk nehmen derzeit 99 Jugendliche an einer solchen Maßnahme teil.

Die Firmen in der Region zeigten sich immer flexibler, seien bereit, bei der Nachwuchsgewinnung auch ungewohnte Wege zu gehen, lässt die Geschäftsführerin durchblicken. „Tatsache ist, dass die Möglichkeiten auf dem Lehrstellenmarkt für junge Menschen noch nie so gut waren wie heute.“ Seit zweieinhalb Jahren leitet Lehmann die Arbeitsagentur Nagold-Pforzheim. Den Firmenchefs der Region stellt sie ein positives Zeugnis aus. „Die Unternehmen tun viel für die Fachkräftegewinnung und investieren zunehmend in die eigene Ausbildung.“ So kämen auch schwächere Jugendliche zum Zug. Neben dem geförderten Betriebspraktikum gibt es zwei weitere Instrumente, für die Lehmann mit Nachdruck wirbt. Zum einen die ausbildungsbegleitenden Hilfen, bei denen Azubis zusätzliche Unterstützung im schulischen Bereich bekommen, zum anderen die assistierte Ausbildung, bei der jugendliche Azubis in schwierigen Lebenssituationen sozialpädagogisch begleitet werden.

„Ich habe es noch nie erlebt, dass ein wirtschaftlicher Aufschwung so lange anhält“, erklärt Lehmann, um sogleich hinzuzufügen: „Wir sind jedoch auf einer Stufe angelangt, wo es nicht weiter nach oben geht.“ Auch der Enzkreis, der aktuell mit einer Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent glänzt, müsse sich deshalb wappnen. Neben der Digitalisierung nennt Lehmann auch Einflüsse wie die Folgen des Brexit, steigende Zölle oder den Wandel in der Automobilbranche als mögliche negative Einflussfaktoren, die die Aussichten langfristig eintrüben könnten. „Die Herausforderungen werden für die Betriebe und damit für die Arbeitnehmer in allen Branchen größer“, ist die 55-Jährige überzeugt. Insofern liege der Schlüssel in der Ausbildung und Qualifizierung.

Nebenbei merkt die Frau, die in Herrenberg lebt, an: „Wir haben übrigens auch keine Akademikerschwemme.“ Bei einer Arbeitslosenquote von 2,6 Prozent im Jahr 2017 im Enzkreis habe der Akademikeranteil gerade mal bei 1,3 Prozent gelegen. Der Anteil von Menschen mit einer abgeschlossenen Ausbildung lag bei 1,8 Prozent und auf Helferebene bei 8,7 Prozent. Bei ihrem Parforceritt in Sachen Arbeitsmarkt vergisst Lehmann nicht, die Situation der Frauen anzusprechen, die in den MINT-Berufen, also den Jobs, die auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik aufbauen, unterrepräsentiert sind. Unter anderem deshalb verdienten Frauen im Schnitt auch weniger. „Wir müssen den Eltern und Mädchen die Augen öffnen für die Vielfalt der Möglichkeiten im Bereich der MINT-Berufe“, fordert Lehmann ein Umdenken. Fakt ist für die Chefin der Arbeitsagentur, die übrigens die erste weibliche Spitze in ihrem Haus ist: „Die geschlechtsspezifische Berufswahl ist immer noch ein großes Problem.“

Maik Disselhoff

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