Wertekonflikt löst Mordversuch aus

Schwurgericht verurteilt Afghanen nach Messerattacke auf seine Frau zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren

Von Frank Goertz Erstellt: 7. September 2018, 00:00 Uhr

Zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren wegen versuchten Mordes hat das Schwurgericht des Landgerichts Karlsruhe gestern den 32-jährigen Afghanen verurteilt, der am 29. März 2018 in Heimsheim auf offener Straße mehrfach mit einem Messer auf seine von ihm getrennt lebende Frau eingestochen hat.

Karlsruhe/Heimsheim. Leonhard Schmidt, Vorsitzender Richter des Landgerichts, nannte in der Urteilsbegründung den Prozess „exemplarisch“. „Wir bekommen es am Schwurgericht zunehmend mit solchen Fällen zu tun“, bedauerte Schmidt wohl auch im Hinblick auf den am 25. September beginnenden Prozess gegen den 42-jährigen Syrer, der am 2. März in Mühlacker seine Frau erstochen hat.

Tatsächlich scheint es einen entfernten Zusammenhang zwischen dem versuchten Mord in Heimsheim und dem vollendeten Mord in Mühlacker zu geben. Wie am Rande des gestrigen Prozesses zu erfahren war, soll der Afghane im Vorfeld der Tat damit gedroht haben, dass seiner Frau das Gleiche widerfährt wie der Frau des Syrers, die ebenfalls ihren Mann verlassen hatte.

Laut Richter Schmidt sei das Exemplarische an solchen Fällen, dass Männer mit Migrationshintergrund oft nicht mit den Regeln in ihrer neuen Heimat zurechtkämen, vor allem nicht mit den westlichen Geschlechterrollen, in denen die Frauen gleichberechtigt seien und über ihr Leben und ihre Beziehungen selbst bestimmen dürften. Die Frauen wiederum, so Schmidt weiter, würden hierzulande erfahren, was die westliche Gesellschaft für die Rechte der Frau – und damit auch für ihre Rechte – bedeute. Sie würden oft die neuen Werte annehmen, während Männer wie der angeklagte Afghane in den Werten ihrer Kultur verwurzelt blieben.

Auf ähnliche Aspekte ist auch Staatsanwalt Philipp Karl eingegangen, der in seinem Plädoyer eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren gefordert hatte. Das Eheleben des Paares sei auch schon in der Vergangenheit von Gewalt seitens des Mannes geprägt gewesen, erinnerte Karl nicht nur an ein Urteil des Amtsgerichts Maulbronn gegen den Afghanen wegen Körperverletzung, sondern auch daran, dass der er seine Frau auch schon vor der Flucht in den Westen mehrmals schwer misshandelt hatte. Angekommen in Deutschland habe sie dann aber die Möglichkeit gesehen, sich von ihrem Ehemann zu lösen, was dieser nicht akzeptieren konnte.

Allmählich, so Karl weiter, hätten sich die Rollen vertauscht. Die Frau habe zunehmend eigenständig gehandelt, und der Mann sei in die Rolle des Bittstellers gerutscht, der sie angefleht habe, bei ihr zu bleiben. Eine Trennung seitens der Frau sei nicht mit seinem Werteverständnis zu vereinen. Und letzten Endes habe er sich entschlossen, sie umzubringen. „Wenn sie nicht bei ihm lebt, dann sollte sie auch nicht bei einem anderen Mann leben.“

Das Verständnis von Ehe im Kulturkreis des Afghanen hat auch Matthias Wagner, Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Calw, in seinem Gutachten beleuchtet. „Der Islam lässt durchaus Scheidungen zu“, erklärte er. Allerdings dürften die Frauen keine Beziehungen zu einem neuen Partner aufnehmen, solange die Scheidung nicht gültig sei. „Im Ehrenkodex des Angeklagten ist es nicht vorgesehen, dass eine Frau sich einen neuen Partner sucht, wenn sie noch verheiratet ist. Solche Fälle werden in Afghanistan teilweise streng sanktioniert.“ Der Mann sei mit seiner Familie zwar nach Deutschland gekommen, für ihn würden aber immer noch die Werte seiner Heimat gelten. „Ihm waren die Wirkungen eines Wechsels des Kulturkreises nicht bewusst“, machte der Gutachter deutlich. Wagner beschrieb den Afghanen als rational und strukturiert, und schließlich, als der Wertekonflikt unauflösbar schien, habe er den Mord an seiner Frau geplant. Der Psychiater konnte bei ihm weder Anhaltspunkte für einen Kontrollverlust noch für oder eine psychische Erkrankung finden.

Auf die interkulturelle Inkompetenz des Mannes ging auch Andrea König-Biebelheimer als Vertreterin der Nebenklage ein. Wobei sie das Kulturkreis-Argument aber auch relativierte: „Nach islamischem Recht ist es nicht vorgesehen, dass der Ehemann der Vollstrecker ist“, machte die Anwältin deutlich, dass der Mann nicht nur die westlichen Werte mit Füßen getreten, sondern auch die Wertegrenzen seiner eigenen Kultur überschritten habe.

Verteidiger Stefan Rothenstein bat in seinem Plädoyer, den ethnischen Hintergrund des Täters strafmildernd zu berücksichtigen. Außerdem zweifele er eine Tötungsabsicht an. Sein Mandant habe sich lediglich einer gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht oder, wenn man ihm eine bedingte Tötungsabsicht unterstelle, eines versuchten Totschlags.

Dieser Argumentation konnte das Schwurgericht nicht folgen. Für die drei Richter und zwei Schöffen war das Delikt ein versuchter Mord, für den neun Jahre Freiheitsstrafe tat- und schuldangemessen seien. Dass der Afghane jetzt allerdings neun Jahre in einem deutschen Gefängnis sitzt, ist eher unwahrscheinlich. Nach dem Aufenthaltsgesetz werden straffällige Asylbewerber unter anderem dann ausgewiesen, wenn sie wegen einer oder mehrerer vorsätzlicher Straftaten gegen das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Selbstbestimmung, das Eigentum oder wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Freiheits- oder Jugendstrafe von mindestens einem Jahr verurteilt worden sind. Für den Afghanen dürfte sich mit dem gestrigen Urteil der Kreis schließen. Er wird wohl wieder in seine Heimat zurückkehren müssen, die er – zumindest in seinen Wertevorstellungen – eigentlich nie verlassen hat.

Weiterlesen

30-Jähriger gerät plötzlich in den Gegenverkehr

Straubenhardt (pol). Ein 30-jähriger Autofahrer ist am späten Sonntagabend auf der Landesstraße zwischen Langenalb und Maisenbachtal aus unbekannter Ursache nach links auf die Gegenfahrbahn geraten und dort mit einem entgegenkommenden… »