Wenn Retter Ziele von Attacken werden

MT-Reporterin begleitet Diensthabende in Nachtschicht – Aggressionen ein Thema, aber nicht alltäglich – Nacht auf Sonntag ist ruhig

Von Maren Recken Erstellt: 12. Februar 2018, 00:00 Uhr
Wenn Retter Ziele von Attacken werden Maren Recken, Reporterin des Mühlacker Tagblatt, bei den Aufnahmen für einen Videofilm über den Rettungsdienst in Mühlacker. Foto: Fotomoment

Nicht nur der Mühlacker Feuerwehrkommandant Philipp Baumann, neulich im ZDF als Experte Gast bei Markus Lanz, hat zum Thema Übergriffe auf Rettungskräfte an der Einsatzstelle viel zu sagen. Auch das DRK sieht sich immer wieder mit Aggressionen gegenüber denen, die kommen, um zu helfen, konfrontiert.

Mühlacker/Enzkreis. „Einen übermäßigen Anstieg von verbalen oder körperlichen Angriffen auf unsere Rettungskräfte, wie das derzeit auch in den Medien thematisiert wird, können wir zwar nicht verzeichnen. Dennoch müssen wir leider feststellen, dass Rettungskräfte am Einsatzort immer häufiger mit aggressiven Menschen konfrontiert werden“, nimmt Herbert Mann, Leiter des DRK-Rettungsdienstes Pforzheim-Enzkreis, Stellung zu dem derzeit medienpräsenten Thema. Dabei würden, wenn nicht Krankheiten wie beispielsweise Schläfenlappendemenz, vorliegende psychische Erkrankungen oder bestimmte Formen von Diabetes Grund für das aggressive Verhalten von Patienten seien, vor allem Alkohol und Drogen als Auslöser eine Rolle spielen.

Wie sich aggressives Verhalten von Patienten gegenüber Rettungskräften in der Praxis darstellt, wollte das Mühlacker Tagblatt in der Nacht von Samstag auf Sonntag beobachten und begleitete darum eine Nachtschicht des DRK auf der Rettungswache in Mühlacker im Dienst.

Fasching, Partys und vor allem Alkohol; eventuell auch Drogen – einige Auslöser für verbale oder tätliche Übergriffe auf Rettungskräfte dürften am Faschingswochenende wohl gegeben sein: Das war zumindest die naheliegende Vermutung. Sie hat sich nicht bestätigt. Von 20 Uhr abends bis 3 Uhr am nächsten Morgen werden die Rettungskräfte im Dienst begleitet. Ein einsatzmäßig außergewöhnlicher ruhiger Nachtdienst: Das ist die praktische – und positive – Realität.

Gerade einmal zu zwei Einsätzen wird im betreffenden Zeitraum alarmiert. Beide sind medizinischer Natur. Beide verlaufen ohne Zwischenfälle durch angriffslustige Zeitgenossen. Damit bleibt mehr Zeit für Gespräche über das Thema und Berichte über Erfahrungen aus weniger friedlich verlaufenen Diensten. Erst am Vortag, erzählt Notfallsanitäter Tihomir Tenzera, sei ein Patient ihm gegenüber verbal ausfällig geworden. „Die Meldung war ein Verkehrsunfall mit einer beteiligten Person“, erinnert er sich und berichtet weiter, beim Eintreffen an der Unfallstelle habe die Person im Auto gesessen, habe auf keine Fragen bezüglich des Gesundheitszustands geantwortet und stattdessen begonnen mit dem Handy zu telefonieren. „Ich habe dann darum gebeten, das Handy zur Seite zu legen. Daraufhin wurde sie mir gegenüber richtig ausfällig“, so der Notfallsanitäter. Er sei trotzdem ruhig geblieben, habe beruhigend auf die Person eingeredet.

Ruhe bewahren und deeskalieren: Das trainieren die Rettungskräfte regelmäßig, wie Rettungsdienstleiter Herbert Mann bekräftigt. Außerdem werde den Einsatzkräften beigebracht, dass der Selbstschutz an erster Stelle stehe. „Notfalls müssen sich die Mitarbeiter zurückziehen und die Polizei verständigen“, so Mann. Das habe er selbst beispielsweise so gehandhabt, als er einen bereits aus mehrfachen Einsätzen bekannten Alkoholiker zum Entzug in die Klinik bringen musste. Erfahrungsgemäß verweigert der Alkoholkranke sich dort der Behandlung. In dem speziellen Fall zog er außerdem plötzlich ein Schwert unter dem Bett vor und bedrohte damit die Rettungskräfte. Erst die Polizei konnte den Alkoholiker beruhigen und Entwarnung geben. Das vermeintliche Schwert sei glücklicherweise nur eine täuschend echt aussehende Imitation gewesen.

Solche Extremsituationen seien, während sie durchlebt würden, zwar unangenehm und manchmal sogar ausgesprochen beängstigend, dürften aber nicht auf den kompletten Arbeitsalltag übertragen werden. Zahlenmäßig überwiegen bei weitem die Einsätze ohne Zwischenfälle, so das Fazit der Gespräche während der Nachtschicht und während der Recherche im Vorfeld der Reportage.

Das ist vielleicht auch ein Bonus des ländlichen Raums. Zumindest belegt eine Studie der Ruhr-Universität Bochum, deren Ergebnisse vor wenigen Tagen veröffentlicht wurden, dass Rettungseinsätze nachts und in Großstädten am gefährlichsten seien. Auch wenn die Daten dieser Studie in Nordrhein-Westfalen erhoben wurden, so deckt sich das Fazit doch mit den Berichten der DRK-Kräfte aus Mühlacker: Auf die Gesamtzahl der Einsätze gesehen, „sind gewalttätige Übergriffe nach wie vor ein eher seltenes Ereignis. Die Täter sind in der Regel männlich, entstammen überwiegend dem unmittelbaren Umfeld der Hilfesuchenden, und in 55 Prozent der Fälle körperlicher Gewalt war der Täter erkennbar alkoholisiert“.

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