Verhängnisvolle Verwechslung

Iraker wegen versuchten Mordes zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt

Erstellt: 28. Februar 2014, 00:00 Uhr
Verhängnisvolle Verwechslung Schauplatz der Messerattacke: das Asylbewerberheim in Remchingen-Singen. Foto: Günther

Remchingen/Karlsruhe (weg). „Was hast du getan?“, fragte der Zimmernachbar am 3. September seinen Landsmann. Der lag auf dem Boden, und drei Polizeibeamte mühten sich, den in Panik Bebenden, um sich Schlagenden zu überwältigen. Es war sechs Uhr morgens. „Nichts“, erwiderte der jetzt wegen versuchten Mordes verurteilte 32-jährige Iraker. Tatsächlich war alles eine Verwechslung gewesen. Den Polizeibeamten war, wie berichtet, von einem Mitarbeiter der Gemeinde ein falsches Zimmer gezeigt worden.

Warum der Mann derart in Panik geraten war, dass er mit dem Messer auf den ersten Menschen losging, den er sah, blieb auch gestern vor dem Schwurgericht unter Vorsitzendem Richter Leonhard Schmidt rätselhaft. Klar war aber, dass der Angeklagte nicht glaubte, dass Polizisten vor seiner Tür standen. Er hatte nicht einmal realisiert, dass er mit falschem Namen angesprochen wurde. „Hol die Polizei und mach Fotos“, bat er den Wohnungsnachbarn. Den Mann, den die Polizei eigentlich festnehmen wollte. „Das ist die Polizei“, erklärte der. Wegen versuchten Mordes, vorsätzlicher Körperverletzung und wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte wurde der jetzt 33-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt. Oberstaatsanwältin Gabriele Gugau ging von einem Tötungsvorsatz aus. „Wer mit einem Messer mit voller Wucht in die Region Kopf, Hals und Oberkörper sticht, nimmt den Tod des anderen billigend in Kauf“, stellte sie fest. Der Mann habe nicht in Notwehr gehandelt. Er habe gewusst, dass es sich um Polizeibeamte gehandelt habe. Er habe also „vorsätzlich, mit bedingtem Tötungsvorsatz und heimtückisch“ gehandelt. Der Polizeibeamte habe nicht mit einem Angriff rechnen können. Weshalb Gugau siebeneinhalb Jahre Haft beantragte. Der Vertreter der Nebenklage, Stephan Stöcker, hielt achteinhalb Jahre für schuld- und tatangemessen.

Verteidiger Wolfgang Spoor versuchte die Angst seines Mandanten zu erklären: Im Haus sei kurze Zeit zuvor ein Mitbewohner zusammengeschlagen worden, der dem Angeklagten erzählte, dass die Schläger auch nach ihm gefragt hätten. Der Angeklagte habe durchaus in vermeintlicher Notwehr gehandelt. Die Festnahme des Mannes sei überdies rechtswidrig gewesen, denn er sei ja der Falsche gewesen. Er beschwor die Richter, sich in die Lage des Mannes zu versetzen: Er sei unbescholten, führe ein unauffälliges Leben, arbeite, habe also von der Polizei nichts zu befürchten. Im Gegenteil, ihm sei eine unbeschränkte Aufenthaltsgenehmigung in Aussicht gestellt worden. Dann werde an seine Tür gewummert, jemand sage „Polizei“. Das müsse er nicht glauben. Er habe sich also in einem Irrtum befunden. Er habe keine Zeit gehabt, geeignete Mittel zu wählen. Es sei kein Vorsatz erkennbar. Er beantragte Freispruch.

„Ich hatte Angst. Ich wollte niemanden verletzen. Es tut mir leid“, sagte der Angeklagte in seinem letzten Wort.

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