Tagfalter flattern Klimawandel hinterher

Werner Messerschmid aus Knittlingen liefert Daten zur Schmetterlings-Population und damit Indikatoren für den Klimakollaps

Von Frank Goertz Erstellt: 31. August 2019, 00:00 Uhr
Tagfalter flattern Klimawandel hinterher Der Fliederbusch im Garten von Werner Messerschmid ist ein Paradies für Schmetterlinge. Aber leider verschwinden immer mehr der bunten, flatternden Wesen aus der Region. Foto: Goertz

Die Folgen des Klimawandels treiben dem Knittlinger Naturliebhaber und Fotografen Werner Messerschmid die Sorgenfalten auf die Stirn. „Wir können doch nicht mehr die Augen verschließen“, findet der 68-Jährige. „Die Veränderungen in den vergangenen fünf Jahren sind auch in der Region gravierend.“

Knittlingen/Enzkreis. Messerschmids Aussagen fußen nicht etwa auf einem vagen Bauchgefühl, das getrieben wird von einer vermeintlichen Klimahysterie. Er kann seine Beobachtungen durch handfeste Indikatoren belegen. „Tagfalter reagieren stark auf veränderte Umweltbedingungen“, sagt Messerschmid. Und seit zehn Jahren ist er im Rahmen eines Monitoring-Programms den Schmetterlingen auf der Spur – in erster Linie im Gebiet zwischen Maulbronn-West und Schmie. Bestimmte Arten, auf die Messerschmid vor zehn Jahren hier noch regelmäßig gestoßen ist, sind mittlerweile verschwunden. Dazu gehört beispielsweise der Trauermantel mit seinen dunkelbraun-violetten Flügeln, der eigentlich in ganz Europa verbreitet ist, mittlerweile jedoch als gefährdet gilt. „Er ist abgewandert in die Höhenlagen des Schwarzwalds, weil es ihm bei uns zu warm geworden ist“, weiß Messerschmid.

Trotz allem bewertet er die Biodiversität in der Region noch als „gut bis sehr gut“. Von insgesamt 160 Tagfalter-Arten in Deutschland hat er in seinem Monitoring-Gebiet 53 dokumentiert. Aber: Die Biodiversität geht zurück. Verantwortlich dafür seien in erster Linie die Klimaerwärmung, bei der Messerschmid befürchtet, dass in seinem Heimatort Knittlingen die magische „Zwei-Grad-Grenze“ schon längst gerissen sein könnte, die veränderten Wetterlagen und die anhaltende Trockenheit.

Nicht nur Tagfalter verschwinden, bedauert Messerschmid. Auch Amphibienpopulationen gingen zurück. So sei beispielsweise der Laich der Gelbbauchunken in „seinem Revier“ zuletzt nahezu vertrocknet. „Vor ein paar Jahren lebten in den feuchten Bombentrichtern des ehemaligen Munitionslagers bei Maulbronn Feuersalamander und Ringelnattern“, erinnert sich Messerschmid. Und heute? Die Bombentrichter trocknen aus, was laut Messerschmid auf die veränderten Wetterlagen zurückzuführen ist: „Einen richtigen Landregen, bei dem an anderthalb Tagen bei einer klassischen Westwetterlage pro Quadratmeter 30 bis 40 Liter Wasser fallen, gibt es doch so gut wie gar nicht mehr.“ Wenn es regne, dann prasselten lokale Starkregen nieder, die binnen kürzester Zeit alles überschwemmten. Allerdings sei der Waldboden dann oft schon so ausgetrocknet, dass er das Wasser aus den Trichtern und Tümpeln wie ein Schwamm aufsauge. Wobei, so Messerschmid, diese Starkregen den Wald auch nicht retten. „Das Baumsterben zwischen Maulbronn-West und Schmie ist doch nicht mehr zu übersehen“, fordert der Naturfreund, angesichts des Klimawandels und der sichtbaren Folgen, endlich die Augen zu öffnen.

Hohe Temperaturen, wenig Wasser und Landschaftsstriche, die verbuschen – Tagfalter haben es nicht leicht in der Region. So sei der Große Feuerfalter im Tal bei Schmie eine Rarität. „Er braucht Sumpfwiesen“, erklärt Messerschmid, „wie sie früher das Tal geboten hat.“ Doch auch dieses Gebiet falle immer mehr trocken, auch weil die Schneeschmelzen schon seit Jahren der Vergangenheit angehören.

Die Beobachtungen von Messerschmid sind nicht etwa nur Momentaufnahmen. Mit seinem Monitoring liefert er valide Daten für die Forschung. Mit seiner Kamera dokumentiert er seine Entdeckungen und gibt die Daten an das Staatliche Naturkundemuseum in Karlsruhe weiter, natürlich mit genauen GPS-Daten. Damit reiht sich Messerschmid ein in eine Reihe von Freiwilligen, die sich am Tagfalter-Monitoring beteiligen. Nur mit einem Unterschied: Während beim klassischen Tagfalter-Monitoring das Untersuchungsgebiet in festgelegte 50-Meter-Abschnitte eingeteilt ist, beobachtet Messerschmid mindestens viermal in der Woche einen weitaus größeren Naturraum – und wirft neben Tagfaltern auch ein Auge auf andere Lebewesen.

„Ich bin mit der Natur großgeworden“, antwortet der 68-jährige ehemalige Nachrichtentechniker auf die Frage, woher seine Leidenschaft stammt. Sein Großvater habe einen Steinbruch bei Schmie gehabt. „Da habe ich mit Eulen-Uhu und Ringelnatter gespielt“, erinnert er sich an seine Kindheit. Und die Schafzucht der Familie habe dann noch ihr Übriges getan, um die Liebe zur Natur und deren Lebewesen weiter anzufeuern. Auf Tagfalter hingegen habe er sich erst vor zehn Jahren spezialisiert – nachdem er eine Kamera mit Makrofunktion geerbt habe, mit der er beeindruckende Bilder der flatternden Lebewesen macht – auch in seinem Garten. „Hier habe ich schon 16 Arten nachgewiesen“, sagt Messerschmid stolz und zeigt auf einen Distelfalter, der sich im Fliederbusch offenbar recht wohlfühlt. Für seinen kleinen Garten gilt vor allem eins: Er ist naturnah – und so ein Refugium für Lebewesen aller Art, auch mitten in einem Siedlungsgebiet in Knittlingen.

Frank Goertz

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