Syrerin schließt als Klassenbeste ab

Drei junge Frauen, die 2016 und 2017 ganz ohne Deutschkenntnisse aus Syrien und Bosnien im Enzkreis angekommen sind, haben ihre Prüfungen an der Mörike-Realschule bestanden, eine davon mit Auszeichnung. Sie träumen davon, in ihrer neuen Heimat zu studieren.

Von Frank Wewoda Erstellt: 1. August 2020, 00:00 Uhr
Syrerin schließt als Klassenbeste ab Sie haben es geschafft in Mühlacker, die Mittlere Reife ist bestanden (von rechts): Maysam Ez Eddin ist Klassenbeste (Notenschnitt 1,5), Brankica Bajic und Zahraa Alhousin haben gut bestanden. Foto: Wewoda

Mühlacker/Enzkreis Zahraa Alhousin, Brankica Bajic und Maysam Ez Eddin verkörpern all das, was sich deutsche Arbeitsmarkt-, Renten- und Integrationsexperten wie auch Frauenrechtlerinnen nur wünschen können: Sie sind als Geflüchtete und Zugewanderte im Teenageralter ganz ohne Deutschkenntnisse hierzulande angekommen. Innerhalb kürzester Zeit haben sie Deutsch auf einem Niveau erlernt, das die Sprachkompetenz einiger hier geborener Gleichaltriger weit übertrifft.

Dazu haben sie die erste wichtige Hürde im deutschen Bildungssystem am Ende geradezu locker genommen: den Abschluss einer weiterführenden Schule. Seit ein paar Tagen haben die beiden Syrerinnen und die junge Frau mit bosnischer Nationalität die Mittlere Reife in der Tasche, in zwei davon mit einer Zwei vor dem Komma beim Notenschnitt. Doch die Syrerin Maysam Ez Eddin toppt das noch: Sie hat sogar als Klassenbeste mit der Gesamtnote 1,5 abgeschlossen und eine Auszeichnung ihrer Schule für herausragende Leistungen erhalten. Die drei Schülerinnen der Mörike-Realschule sind an diesem strahlend schönen Sommermittag am ersten Tag der Sommerferien noch einmal in das leerstehende Schulhaus gekommen, um ihre kurze Zeit in Deutschland Revue passieren zu lassen. Eingeladen hatte die Konrektorin Andrea Maisel.

„Am Anfang war es schwierig, denn wir sind nicht ausgebildet für Deutsch als Zweitsprache“, sagt Andrea Maisel über die Betreuung der jungen Zuwanderer in den „VKL“ genannten Vorbereitungsklassen. Sie sollen eine intensive, in den Schulalltag integrierte Sprachförderung ermöglichen. Im Fall der jungen Frauen ist dies mit dem wohl größtmöglichen Erfolg gelungen, trotz mancher Schwierigkeiten zu Beginn. „Natürlich schaffen es nicht alle“, räumt Andrea Maisel ein, die Deutsch, Politik und Geschichte an der Mörike-Realschule unterrichtet. Nur wenigen Schülern der VKL eröffne sich eine Perspektive auf das Abitur wie bei diesen jungen Frauen, stellt Maisel fest. Den Eindruck einer heilen Welt mit Flüchtlingen und Zugewanderten, die alle zu Einserschülern werden, möchte Andrea Maisel auf keinen Fall erwecken. Doch die drei jungen Frauen sind Beispiele für eine außergewöhnlich erfolgreiche persönliche Entwicklung von hier Angekommenen mit völlig anderem kulturellen Hintergrund, einer anderen Religion, vor allem aber auch einer vom Deutschen äußerst weit entfernten Sprache. Ihnen könnte zugute gekommen sein, dass sie bei ihrer Ankunft hierzulande noch jung genug waren, um Deutsch noch fast mit kindlicher Leichtigkeit aufzusaugen. Eine wichtige Rolle dabei hätten ehrenamtliche Flüchtlingshelfer gespielt, merkt Andrea Maisel an. „Eine ältere Frau hat sich um uns gekümmert, von ihr habe ich die Sprache gelernt“, erzählt Zahraa Alhousin, die erst in Maulbronn zur Schule ging. Maisel steht als Gemeinderätin mit den Helfergruppen in Ötisheim in intensivem Kontakt und unterstützt sie. Hier ein neues Zuhause gefunden hat die junge Syrerin, die sanft und praktisch akzentfrei Deutsch spricht. Sie ist heute 18 Jahre alt und kam im Sommer 2016 in Deutschland an.

Ihr Vater, ein syrischer Rechtsanwalt, war vorausgegangen, die Familie mit Hilfe von bezahlten Fluchthelfern nach Griechenland gekommen. Dort konnte sie per Familiennachzug weiter nach Ötisheim. „Wir haben sieben Jahre im Krieg gelebt“, erzählt die junge Frau mit Kopftuch ruhig. Es habe Bombenangriffe auf ihre Schule in Damaskus gegeben, die am Ende das Gebäude zerstört hätten. „Jede einzelne Minute dachte man, dass man stirbt“, berichtet sie. Ihre Mutter leide an Epilepsie, 2015 habe die Familie befürchtet, dass sie sterbe. „Das war der Horror für mich“, so Alhousin. Die Kriegswirren sind unter anderem geprägt durch Bombenangriffe des Assad-Regimes und den mit ihm verbündeten russischen Truppen. Sechs Jahre lang habe sie keine Schule besucht, erzählt die Syrerin. In Deutschland anzukommen und vor allem eine Schule besuchen zu dürfen, „das war für uns ein Traum, es war wie ein Wunder“, erzählt die Neu-Ötisheimerin. „Es ist hier so viel ruhiger und wir haben die Sicherheit, die man sich wünscht. In Syrien trifft man nur Soldaten, die einen vielleicht töten wollen“, beschreibt sie die Situation in Syrien.

War bei den Familien der beiden Syrerinnen der Krieg der Grund, ihrem Heimatland den Rücken zu kehren, spielte im Fall der bosnischen Schülerin Brankica Bajic und ihren Eltern die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit die wichtigste Rolle. Bajic hat nun einen Ausbildungsvertrag bei den Stadtwerken Pforzheim in der Tasche. Die beiden Syrerinnen streben das Abitur an, möchten beide studieren. Maysam Ez Eddin dachte erst an Jura, hat nach einem Praktikum am Amtsgericht jedoch Abstand genommen: „Zu viele Papiere“, sagt sie. Nun möchte sie Physik studieren. Auch eine andere Frau in Deutschland brachte es mit einem erfolgreichen Physikstudium ja sehr weit. Doch Maysam Ez Eddin eifert auf keinen Fall Angela Merkel nach, wie sie klarstellt. Sie möchte nicht in die Politik, sondern „forschen und lehren“.

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