Seemann gewinnt das Direktmandat

Landtagswahl 2016: Grüne im Enzkreis vorn – CDU und SPD schwer geschlagen – AfD wird stärkste Kraft in Pforzheim

Von Thomas Eier Erstellt: 14. März 2016, 00:00 Uhr
Seemann gewinnt das Direktmandat Zweite „Wahlurne“ im Mühlacker Rathaus: Ein Meinungsforschungsinstitut sammelt Daten und Fakten für die Hochrechnungen der ARD – und rasch steht fest, wohin der Trend geht. Foto: Huber

Der Schock sitzt tief bei der CDU: Sowohl im Wahlkreis Enz wie auch in Pforzheim verliert die Union ihre Direktmandate – an die Grünen und an die AfD, die im Oberzentrum vom Start weg zur stärksten politischen Kraft mutiert.

Enzkreis/Pforzheim. Einen schwarzen Tag erlebte nicht nur Pforzheims Oberbürgermeister Gert Hager, der mit dem Einbruch seiner SPD und dem fragwürdigen Ruhm einer AfD-Hochburg leben muss. Die großen Verliererinnen der Wahl sind die bisherigen Abgeordneten Dr. Marianne Engeser und Viktoria Schmid, die für eine landesweit schwer gebeutelte CDU beide Direktmandate in der Region einbüßten. Und was erschwerend hinzukommt: Abgelöst werden sie von Bernd Grimmer (AfD) und Stefanie Seemann (Grüne) – beides Neulinge auf der landespolitischen Bühne.

Der ehemalige Grüne aus Pforzheim und die grüne Stadträtin aus Mühlacker profitierten von den besonderen Vorzeichen der Landtagswahl. Hier die Protestbewegung gegen die Flüchtlingspolitik der Merkel-CDU, dort die hohen Sympathiewerte des Ministerpräsidenten, der Seemann noch kurz vor dem Wahlsonntag mit seinem Besuch in Mühlacker den Rücken gestärkt hatte – beides zusammen ergab einen heftigen Denkzettel für die traditionellen Volksparteien und ihre Bewerber. Nach dem letzten Stand der Dinge am späten Abend werden neben Stefanie Seemann der AfD-Kandidat Bernd Gögel und – weil FDP-Fraktionschef Rülke künftig den Wahlkreis Pforzheim vertritt, wo er ein stärkeres Resultat erzielte – der liberale Zweitkandidat Professor Dr. Erik Schweickert den Enzkreis in Stuttgart vertreten.

Die beiden CDU-Abgeordneten abgewählt, der ehemalige Landtagsabgeordnete Thomas Knapp chancenlos. Sein Ergebnis hat sich trotz großen persönlichen Einsatzes im Wahlkampf gegenüber 2011 nahezu halbiert, seine SPD ist in der Wählergunst auf Rang vier abgerutscht – von daher kein Wunder, dass ein enttäuschter Mühlacker Stadtrat von einem „dramatisch schlechten Ergebnis für meine Partei“ spricht. Auch die Bundestagsabgeordnete und Generalsekretärin der Landespartei, Katja Mast, zeigte sich bestürzt: „Das ist ein bitteres Ergebnis für uns als SPD. Die Menschen wollen Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die Grünen haben den Auftrag, eine Regierung zu bilden.“ Neben der SPD sei die CDU der klare Wahlverlierer, was sich auch in Pforzheim und dem Enzkreis zeige, teilte Mast mit. „Das Ergebnis der AfD vor Ort erschüttert mich“, sagte Mast. „Alle sind jetzt gefordert, klare Kante gegen Antidemokraten zu zeigen.“

Die SPD in Baden-Württemberg müsse neue Wege gehen, gab sich Mast selbstkritisch. Ein „Weiter so“ dürfe es nicht geben, „Wir brauchen einen Prozess in dem wir uns damit auseinandersetzen, wie wir die Menschen wieder besser erreichen.“

Die Große Koalition, die nach Einschätzung von Beobachtern ihrerseits Gründe für die erdrutschartigen Ergebnisse geliefert hat, ist in ihrer Enttäuschung und Trauer vereint. „Das ist ein bitterer Tag für die CDU“, erklärte am Abend der Bundestagsabgeordnete und Kreisvorsitzende Gunther Krichbaum, „aber so wie wir Wahlen zusammen gewinnen, verlieren wir sie auch alle gemeinsam. An unseren beiden Abgeordneten hat es ganz sicher nicht gelegen.“ Sie hätten die Region im Landtag hervorragend vertreten und einen äußerst engagieren Wahlkampf geführt, fand Krichbaum tröstende Worte an die Adresse von Schmid und Engeser.

Katzenjammer auf der einen, Euphorie auf der anderen Seite – wenn auch nicht ganz ungetrübt. Überrascht vom eigenen Erfolg zeigte sich am Abend Stefanie Seemann, die nach eigener Darstellung nicht damit gerechnet hatte, über den Sieg im Wahlkreis und das Direktmandat in den Landtag einzuziehen. Eine „Katastrophe“ ist für die Mühlacker LMU-Stadträtin allerdings das Ergebnis der AfD, das sie als „bedrückend“ empfindet. Insbesondere die überdurchschnittlichen Stimmanteile im Enzkreis seien für sie unverständlich, so die künftige Landtagsabgeordnete.

Eine Erklärung hat Bernd Gögel parat, der Speditionsunternehmer aus Tiefenbronn-Mühlhausen, der für die AfD aus dem Stand 19,2 Prozent verbuchte: „Wir haben hier im Kreisverband eine sehr homogene Mannschaft, die sich ohne Polemik auf Sachfragen konzentriert, und das hat der Bürger erkannt: dass er es hier nicht mit Nazis und Brandstiftern zu tun hat, sondern mit Menschen aus der Mitte.“

Thomas Eier

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