Schnelle Züge kommen nicht in Fahrt

Berufspendler berichten von chaotischen Zuständen am Dienstag – Go-Ahead kämpft mit technischen Problemen

Von Thomas Eier Erstellt: 12. Juni 2019, 00:00 Uhr
Schnelle Züge kommen nicht in Fahrt Zwei Betreiber für eine Bahnstrecke: In Mühlacker treffen die schnellen IRE-Züge des Unternehmens Go-Ahead, die deutliche Anlaufschwierigkeiten haben, auf die RB- und RE-Züge des Anbieters Abellio, der mit seinem Auftakt weitgehend zufrieden ist. Angesichts der Probleme am Dienstagmorgen hoffen insbesondere die Berufspendler, dass möglichst schnell bei beiden Firmen alles rund läuft. Foto: Huber

Aus einem holprigen Start am Pfingstwochenende mit den neuen privaten Betreibern ist aus Sicht von Pendlern am ersten Tag mit Berufsverkehr ein klassischer Fehlstart geworden. Von einem „Bahnchaos“ berichtet der frühere Stadtrat Peter Marx aus Lienzingen, und mit seiner Kritik ist er nicht allein.

Mühlacker. Verschiedene Protestnoten waren schon am Morgen bei CDU-Stadtrat Günter Bächle eingegangen, in denen Betroffene nicht nur von teils kräftigen Verspätungen berichteten, sondern auch von hoffnungslos überfüllten Zügen, die Sardinenbüchsen geglichen hätten. Außerdem seien verschiedene Verbindungen – konkret genannt werden gegenüber Bächle die Interregio-Express-Züge (IRE) um 6.33 Uhr und um 7.02 Uhr – ausgefallen.

Ähnliche Erfahrungen schildert Peter Marx, der von Mühlacker aus ins Stuttgarter Justizministerium pendelt. „Der Start in die so großartig angepriesene neue Bahnwelt ging am ersten Werktag nach der Umstellung auf neue Anbieter gründlich daneben“, lautet sein Fazit nach einem beschwerlichen Beginn des Arbeitstags. Der IRE um 6.33 Uhr sei erst als pünktlich und dann erst kurz vor Toreschluss mit 40 Minuten Verspätung angekündigt worden mit der Folge, dass die Kunden zwischenzeitlich auch den Regionalexpress verpasst hätten. Während der frühere IRE erst gar nicht mehr aufgetaucht sei („Großes Rätselraten auf dem Bahnsteig“), habe eine Durchsage für den folgenden IRE um 7.02 Uhr eine Verspätung von 30 Minuten angekündigt. „Mit den meisten anderen Reisenden habe ich mich für den Regionalexpress entschieden“, so Marx. „Endlich um 8 Uhr Ankunft in Stuttgart in einem völlig überfüllten Zug – mit mehr als einer Stunde Verspätung.“

Einige Kilometer weiter in Illingen zwängt sich am selben Morgen Leser Thomas Büchler in den übervollen Abellio-Zug – planmäßige Abfahrt 7.02 Uhr –, der tatsächlich mit zehn Minuten Verspätung gefahren sei, was die Fahrgäste allerdings erst um 7.09 Uhr, also volle sieben Minuten hinter dem Fahrplan zurück, über Lautsprecher erfahren hätten. „Hat das bis jetzt niemand gewusst?“, fragt sich der Kunde, der anschließend von einer wenig komfortablen Fahrt berichtet. „Schon in Illingen gibt es nur noch Stehplätze, ab Vaihingen/Enz ist der Zug rappelvoll“, beschreibt Thomas Büchler die Zustände. „In Sersheim passen nicht alle Fahrgäste in den Zug. Ab jetzt Erstickungsgefahr wegen akutem Sauerstoffmangel. Immerhin: Gratis-WLAN. Das kann ich allerdings nicht nutzen, weil ich wegen Platzmangel mein Handy nicht vor mich halten kann.“

Stellt sich die Frage: Woran hakt’s? Die größeren Probleme, sagt der Landesvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), Matthias Lieb, habe das Unternehmen Go-Ahead, das für die schnelleren Verbindungen zuständig ist. Bereits am Wochenende hatte sich der Bahnexperte, der ebenfalls nach Stuttgart zur Arbeit pendelt und den Holperstart am Dienstag hautnah miterlebte, diverse Probefahrten unternommen und festgestellt, dass Go-Ahead mit technischen Problemen an den brandneuen Fahrzeugen zu kämpfen hat. Weil es an den Türen zu Störungen komme, schildert Matthias Lieb seine Eindrücke, gebe es unweigerlich Verzögerungen, die sich deshalb aufsummierten, weil die Lokführer mit dem neuen Material besonders vorsichtig fahren. Schon am Sonntag – ohne Berufspendler – habe er bei der Rückfahrt aus Karlsruhe Mühlacker anderthalb Stunden später als gedacht erreicht, schildert Lieb die Folgen.

Im Vergleich habe der Start bei Abellio, zuständig für die klassischen Nahverkehrszüge RB und RE, besser geklappt, stellt der VCD-Sprecher fest, wenngleich hier die Vereinigung von Zügen in Mühlacker für kleinere Verzögerungen gesorgt hatte. Teilweise, hat Lieb selbst beobachtet, seien erst im Bahnhof die Schutzhüllen von der Kupplung entfernt worden.

Auf Nachfrage zeigt sich das Unternehmen Abellio zufrieden mit dem eigenen Auftakt, der allerdings, wie eine Sprecherin durchblicken lässt, getrübt wurde durch das allgemeine Durcheinander, wenn IRE-Züge ausfallen oder deutlich verspätet sind und sich die Fahrgäste deshalb in die Regionalbahnen drängen. So habe am Dienstagmorgen, bestätigt Matthias Lieb, der Abellio-Zug, der auch kleinere Bahnhöfe bedient, zusätzlich die Fahrgäste der beiden IRE-Verbindungen aufnehmen müssen. „Die schnellen Züge sind mehr ausgefallen als gefahren“, beklagt Lieb, der bereits im Vorfeld die Befürchtung geäußert hatte, es könne Problemen geben. Dass er recht behalten hat, freut den passionierten Bahnfahrer nicht: „Es war schlimmer, als ich erwartet habe.“

Am Wartungsstützpunkt in Essingen, teilte das Unternehmen Go-Ahead am Dienstag mit, „nutzen die Techniker des Partners Stadler jede Minute, um kleinere Probleme und Kinderkrankheiten an den Fahrzeugen umgehend zu beheben“. Zudem seien mobile Technikteams im Einsatz, um bei Störfällen auf der Strecke rasch Hilfe leisten zu können. „Bei einem Projekt dieser Größenordnung“, wird in einer Mitteilung der Go-Ahead-Geschäftsleiter für Baden-Württemberg, Hans-Peter Sienknecht, zitiert, „ ist normal, dass auch kleinere Probleme zum Start entstehen.“ Es werde aber alles dafür getan, „dass der Betrieb schnellstmöglich rund läuft“.

Eine Hoffnung, die alle Berufspendler ausdrücklich teilen. „Für mich, der täglich mit dem Zug zur Arbeit fährt“, gibt Thomas Büchler zu bedenken, „ist auch eine geringere Verspätung ärgerlich. Jeden Tag nur fünf Minuten machen im Jahr fast eine halbe Arbeitswoche aus.“

Er hoffe, pflichtet Matthias Lieb dem Bahnfahrer aus Illingen bei, dass nach dieser Woche die größten Schwierigkeiten der Vergangenheit angehörten, und dass nach Ende der Ferien, wenn noch die Schüler hinzukommen, alles reibungslos laufe.

Thomas Eier

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