Gefährliches Spiel auf den Straßen

Autofahrer und Radler kommen sich in die Quere – Auto Bild macht Konflikt zum Thema – Polizei klagt über schlechte Verkehrsmoral

Von Frank Goertz Erstellt: 12. Oktober 2017, 00:00 Uhr
Gefährliches Spiel auf den Straßen Am Ende ist der Radfahrer der Schwächere: Er trägt kein dickes Blechkleid, sondern – im besten Fall – einen Helm. Foto: Fotolia

„Die Radfahrer spinnen“, titelt die Auto Bild in ihrer jüngsten Ausgabe und versteift sich sogar zur Aussage: „Sie klauen uns die Straße“. Viele Radfahrer empfinden die Titelstory, die im Heftinneren in acht Seiten ausgewälzt wird, als Kriegserklärung. Entsprechend groß ist der Aufschrei in den Sozialen Medien.

Die aktuelle Titelseite der Auto Bild weist auf die „Probleme“ der Autofahrer hin. Foto: GoertzDie aktuelle Titelseite der Auto Bild weist auf die „Probleme“ der Autofahrer hin. Foto: Goertz

Enzkreis. „Der Feind auf meiner Straße“ überschreibt Hauke Schrieber, bei der Auto Bild zuständig für Reportagen, das, was er selbst als „Frontbericht“ bezeichnet. Und wer es noch nicht bemerkt hat, wird im Vorspann aufgeklärt: „Es herrscht Krieg im Verkehr“.

Ganz so drastisch will Raphael Fiedler vom Polizeipräsidium Karlsruhe es nicht ausdrücken. Er kommt zum Schluss: „Das Verhältnis zwischen Autofahrern und Radfahrern ist belastet.“ Dazu würden beide Seiten ihr Scherflein beitragen. „Sie treten, spucken und pöbeln“, klagt die Auto Bild, die so etwas ist wie das Zentralorgan der Freunde der automobilen Fortbewegung. „Sie schneiden uns, rasen messerscharf mit 100 Sachen hupend an uns vorbei. Sie gefährden unser Leib und Leben“, giften die Radfahrer im Internet zurück.

Die nackten Zahlen geben weder der einen noch der anderen Seite in ihren gegenseitigen Schuldzuweisungen recht: Im vergangenen Jahr gab es im Bereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe 1155 Unfälle mit Radfahrern. Dabei wurden 989 verletzt, vier verloren ihr Leben. „Mehr als die Hälfte aller Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt waren, wurden von diesen selbst verursacht“, heißt es in der Unfallstatistik. Raphael Fiedler stellt fest: „Vor allem in Städten ist die Verkehrsmoral von Radfahrern nicht besonders gut.“

Im Enzkreis haben sich in diesem Jahr bis Ende August 57 Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern ereignet, dabei erlitten 47 Menschen Verletzungen. Auto gegen Rad hieß es in 31 Fällen – und 18-mal traf den Autofahrer die Schuld.

„In den vergangenen Jahren hatten wir im Enzkreis zwischen 32 und 36 Unfälle jährlich, bei sich denen Auto- und Radfahrer in die Quere gekommen sind“, berichtet Fiedler. „Die Autofahrer sind dabei etwas häufiger Schuld an den Unfällen als die Radfahrer.“ Was Fiedler Sorgen bereitet: „Im laufenden Jahr werden die Unfallzahlen der Vorjahre wohl deutlich übertroffen. Schließlich herrschte im September noch häufig gutes Wetter, und auch im Oktober sind viele Radfahrer unterwegs.“

Bei den Unfallursachen fällt auf, dass beim Abbiegen viele Autofahrer Radfahrer übersehen oder deren Geschwindigkeit falsch einschätzen. In neun Fällen sei dies in diesem Jahr im Enzkreis die Unfallursache gewesen, berichtet Fiedler und macht darauf aufmerksam, dass bei den modernen Autos – etwa durch voluminöse Säulen oder Heckfenster, die eher Schießscharten glichen– die Rundumsicht oft sehr eingeschränkt sei. Hier gerieten Radfahrer schnell in den „unsichtbaren Bereich“.

Schauplatz der gefährlichsten Situationen, über die Radfahrer regelmäßig berichten, sind allerdings Landstraßen, auf denen Autofahrer mit rasantem Tempo teils messerscharf ihnen vorbeirasen. „Hier reicht schon eine kleine Berührung aus – und es kommt zu schweren Verletzungen“, warnt Fiedler. Laut Straßenverkehrsordnung müsse der Seitenabstand „ausreichend“ sein. „Die Rechtsprechung geht von mindestens einem Meter aus“, erklärt Fiedler, schränkt aber gleichzeitig ein: „Auf Landstraßen reicht das bei weitem nicht aus. Hier wäre das Doppelte, also mindestens zwei Meter, angebracht, damit der Seitenabstand ausreicht.“ Denn wenn der Radfahrer sich erschreckt, womöglich, weil der Autofahrer auch noch meint, mit der Hupe sein Kommen ankündigen zu müssen, oder einen Schlenker macht, weil er über einen Stein fährt oder einem Schlagloch ausweichen muss, kommt es schnell zu einer Situation, die das Leben von einem Moment auf den anderen komplett verändern kann.

Gefährliche Situationen zwischen Autofahrern und Radfahrern sind an der Tagesordnung, und die Unfallzahlen spiegeln nur einen Teil der Verkehrskultur wieder. Zu ihr gehören Pöbeleien von beiden Seiten, unter anderem, wenn Autofahrer die Radfahrer erziehen wollen, auch jeden Radweg zu benutzen – egal, in welchem Zustand er ist. Dazu gehören aber auch Radfahrer, bei denen die Nerven blankliegen und die mit obszönen Gesten und kräftigen Ausdrücken auf vermeintliches Fehlverhalten von Autofahrern reagieren.

„Nötigungen und Gefährdungen sind an der Tagesordnung, werden aber kaum angezeigt“, berichtet Fiedler. Dabei hätten die Radfahrer den „Vorteil“, dass sie ohne Kennzeichen unterwegs seien. „Unsere Ermittlungen laufen dann schnell ins Leere.“ In vielen anderen Fällen sei den Beteiligten bewusst, dass bei einer Anzeige oft Aussage gegen Aussage steht. Fiedler: „Das ist wie auf der Autobahn: Viele regen sich auf, fahren dann aber doch weiter.“

Frank Goertz

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