„Facebook-Verbot geht zu weit“

Kultusminister untersagt Nutzung sozialer Netzwerke für schulische Kommunikation – Lehrer und Schüler reagieren differenziert

Von Thomas Sadler Erstellt: 31. Juli 2013, 08:19 Uhr
„Facebook-Verbot geht zu weit“ Kommunikation über soziale Netzwerke wie Facebook:Was privat viele Jugendliche praktizieren, ist künftig zwischen Lehrern und Schülern in Bezug auf personenbezogene Daten verboten. Foto: Sadler

Kultusminister Andreas Stoch hat noch kurz vor den Ferien die Nutzung sozialer Netzwerke zur schulischen Kommunikation untersagt. Dies sei sehr „restriktiv“, kritisiert ein Schulleiter in Mühlacker, dem das Verbot zu weit geht. Insgesamt hält sich der Aufschrei bei Lehrern und Schülern allerdings in Grenzen.

Enzkreis. Persönliche Daten bis hin zu Zeugnisnoten über Facebook zu vermitteln, ist nicht mehr erlaubt. Da zeigt sich Kultusminister Stoch (SPD) hart. „Die Verwendung von sozialen Netzwerken für die dienstliche Verarbeitung personenbezogener Daten ist generell verboten“, heißt es in seinem Schreiben an die baden-württembergischen Schulen.

Ein Lehrer, dessen Name der Redaktion bekannt ist, hat den Vorstoß seines obersten Dienstherrn mit unverhohlenem Bedauern nur Kenntnis genommen und auf dem künftig nicht mehr erlaubten Weg verbreitet: „Leider verbietet mir mein Arbeitgeber faktisch, mit euch auf Facebook befreundet zu sein. Jegliche Kommunikation über schulische Fragen ist mir ab sofort untersagt. Deshalb werde ich in Kürze viele ,Freundschaften‘ beenden müssen und auch keine Freundschaftsanfragen mehr bestätigen. Sorry.“ Die Reaktionen seiner Adressaten fallen traurig bis süffisant aus. „Schade. Wirklich schade“, schreibt einer, während ein anderer trocken bemerkt: „So isch Deutschland.“

„Dass man keine Noten über Facebook austauscht, ist selbstverständlich“, stimmt Thomas Mühlbayer, Leiter des Mühlacker Theodor-Heuss-Gymnasiums, angesichts der potenziellen Durchlässigkeit des Systems, gewissen Beschränkungen zu. „Auch ich bin sehr sensibel, was Datenschutz angeht.“ Zwar habe eine Kommunikation über Facebook Vorteile, weil viele Jugendliche das Netzwerk nutzten, doch bestehe an der Schule keine Notwendigkeit. Sinnvoll sei es allenfalls beim Schüleraustausch, weiß Thomas Mühlbayer. Da könnten Lehrer und Schüler, die eine geschlossene Gruppe bilden, per Smartphone Verabredungen über Facebook treffen. Zugriff hätten dann nur die Mitglieder dieser Gruppe. Doch auch derlei Kontakte will Minister Stoch wohl einen Riegel vorschieben. „Ich finde, das geht zu weit“, meint der THG-Chef dazu. „Bei einer Terminabsprache mit einer Gruppe geht es nicht um personenbezogene Daten.“

Manche Lehrer des Gymnasiums, so Mühlbayer, machten Gebrauch von Moodle, einer „Zusammenarbeitsplattform“ für Schulen, die an den Server einer landeseigenen Organisation angeschlossen sei und bei der eine bestimmte Gruppe Infos geschützt untereinander weitergeben könne. Anders als bei Facebook sei dieses Netzwerk sicher.

Hart getroffen sieht der Schulleiter das Gymnasium durch die kompromisslose Haltung des Ministers gegenüber Facebook nicht. „Das spielt für den Unterricht keine Rolle und ist so gesehen kein Problem.“ Das Facebook-Verbot bedeute „keinen großen Einschnitt, es schränkt uns kaum ein“.

Auch seine Maulbronner Kollegin, Christine Stamler, Leiterin des Salzach-Gymnasiums, will das Streitobjekt nicht allzu hoch hängen. „Das Thema ist nicht so heiß, ich glaube nicht, dass sich jemand aufregt“, meinte sie. Facebook werde unter den Schülern stark genutzt, nicht jedoch von Lehrern für schulische Zwecke. „Wir müssen den Datenschutz einhalten“, so Stamler. Wobei dies schon bisher und auch für andere Kommunikationswege gegolten habe. „Ich müsste sogar eine Notenliste, die ich von der Schule als E-Mail zu mir nach Hause senden wollte, verschlüsseln.

„Das Verbot ist vielleicht

etwas zu krass“

Friedhelm Egerer, Schülersprecher des Salzach-Gymnasiums Maulbronn

„Ich finde die Untersagung richtig“, pflichtet die Pädagogin ihrem Chef in Stuttgart im Grundsatz bei. In ihrem Gymnasium sei Facebook ohnehin nicht für schulische Angelegenheiten und die Übermittlung personenbezogener Daten verwandt worden. Praktiziert werde lediglich, Hausaufgaben als E-Mail an Lehrer zu schicken.

Kommunikation zwischen Lehrkräften und Pennälern via Facebook „gibt’s bei uns kaum“, bestätigt Friedhelm Egerer, Schülersprecher des Salzach-Gymnasiums. Eine Ausnahme von der Regel sei eine Arbeitsgemeinschaft, die englische Bücher lese und englischsprachige Filme anschaue, und sich innerhalb der auf die Mitglieder beschränkten Gruppe austausche.

Das umfassende Verbot sei „vielleicht etwas zu krass“, moniert Egerer. Prinzipiell sei der Datenschutzgedanke jedoch „schon gerechtfertigt“. Man könne ja nie wissen, wer außerhalb eines bestimmten Personenkreises persönliche Inhalte, die ihn nichts angehen, abfische und lese. Außerdem sei ja auch zu berücksichtigen, dass nicht jeder bei Facebook sei.

Jürgen Held wiederum hält das ministerielle Nein für mehr oder weniger unnötig. „Bei uns war das noch nie ein Thema“, so Held, der bislang Lehrer an der Grund-, Haupt- und Realschule Illingen war und ab dem kommenden Schuljahr an der Realschule in Kleinglattbach unterrichten wird. Facebook-Kontakt zwischen Lehrern und Schülern für schulische Belange habe es seines Wissens nicht gegeben. Vielmehr beschränkten sich Mitteilungen über Facebook auf „Schüler untereinander“.

Er selbst habe bislang lediglich Freundschaftsanfragen von früheren Schülern erhalten, so Jürgen Held.

Kommentare zum Thema: „Facebook-Verbot in der Schule: Pro und Contra“

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