Enzkreis wird zur Bio-Musterregion

Auftaktveranstaltung in der Illinger Ölmühle – Anzahl der Bio-Landwirte soll steigen – Projekt hat aber nicht nur die Erzeuger im Blick

Von Frank Goertz Erstellt: 20. Oktober 2018, 00:00 Uhr
Enzkreis wird zur Bio-Musterregion Freuen sich auf die Bio-Musterregion (v. li.): Landrat Bastian Rosenau, Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch, der Illinger Ölmüller Jürgen Krauth, die für das Projekt zuständige neue Regionalmanagerin Marion Mack und Dr. Hilde Neidhardt, Dezernentin für Landwirtschaft, Forsten und öffentliche Ordnung. Foto: Goertz

Der Enzkreis ist eine der ersten vier Bio-Musterregionen in Baden-Württemberg. In den kommenden Jahren will Marion Mack als neue Regionalmanagerin für das Projekt unter anderem Landwirte dafür gewinnen, auf biologische Erzeugung umzustellen, gleichzeitig Engpässe bei der Verarbeitung dieser Erzeugnisse abbauen und Bioprodukte im Handel besser positionieren.

Illingen/Enzkreis. Bei der Auftaktveranstaltung zur Bio-Musterregion am Freitag in der Illinger Ölmühle machte Landrat Bastian Rosenau deutlich, dass der Enzkreis es ernst damit meine, den Titel mit Leben zu füllen. Im Sommer 2017 habe es erste Überlegungen gegeben, sich beim Land für diesen Titel zu bewerben. „Im Februar 2018 kam dann die Gewinnwarnung von Minister Peter Hauck“, scherzte Rosenau, indem er dem an den Börsen ungeliebten Wort „Gewinnwarnung“ eine ganz neue Note verlieh. „Wir werden dicke Bretter bohren, fangen aber nicht bei Null an“, verwies der Landrat unter anderem auf regionale Einkaufsführer, die Veranstaltungsreihe „Gläserne Produktion“ oder das Streuobstwiesenkonzept. „Das sind Teile eines Puzzles, die sich in die Nachhaltigkeitsstrategie des Enzkreises einfügen“, so Rosenau.

Dabei spielt der Öko-Landbau im Enzkreis bereits eine vergleichsweise große Rolle. 2017 lag der Anteil ökologisch wirtschaftender Betriebe bei 10,7 Prozent. Von 2011 bis 2018 ist deren Anzahl von 35 auf 59 gestiegen.

Dass Bio auf dem aufsteigenden Ast ist, bestätigte auch Friedlinde Gurr-Hirsch, Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, bei der Auftaktveranstaltung in Illingen. Während 1984 von rund 100000 landwirtschaftlichen Betrieben in Baden-Württemberg nur 1342 auf Bio-Landbau gesetzt haben, waren es 2017 von rund 40000 Betrieben bereits 4070. Im gleichen Zeitraum sei die nach ökologischen Kriterien bebaute Fläche von 30000 Hektar auf 166000 Hektar gestiegen.

Diesen Trend soll die neue Regionalmanagerin Marion Mack im Enzkreis weiter vorantreiben. Ihre Stelle ist auf drei Jahre befristet und wird zu 75 Prozent vom Land gefördert. Dass die Agrarbiologin nicht nur den Aspekt Biologischer Landbau, sondern auch die Themen Verwertung und Handel im Auge behalten muss, machte Gurr-Hirsch deutlich. „Wir müssen die gesamte Wertschöpfungskette stärken“, so die CDU-Politikerin. Dazu gehören auch Handwerksbetriebe wie die Ölmühle oder Bäckereien. „Hier bricht einiges weg“, sagte Gurr-Hirsch nicht zuletzt im Hinblick auf das Metzger-Handwerk. Gleichzeitig gelte es, den Handel mit Bioprodukten anzukurbeln. „Der Verbraucher ist bereit, für Bio-Produkte aus der Region einen guten Preis zu bezahlen“, so Gurr-Hirsch, die aber auch weiß, dass in der Handelsbranche mit harten Bandagen gekämpft und spitzen Bleistiften gerechnet wird. Deshalb sei es gut, dass die EU-Kommission gegen unfaire Handelspraktiken vorgeht.

Regionale Bio-Produkte sollen nicht nur durch neue Angebote im Handel besser vermarktet werden. Gurr-Hirsch erwähnt auch den Aspekt der Gemeinschaftsverpflegung, bei der regionale Bio-Produkte bislang noch eine untergeordnete Rolle spielen. „Wenn Sie bedenken, wie viele Menschen in Kantinen essen, wird schnell deutlich, welches Potenzial hier noch schlummert“, sagte die Staatssekretärin.

Die neue Regionalmanagerin des Enzkreises startet mit konkreten Zielen in das Projekt Bio-Musterregion. So soll bis 2020 der Anteil biologisch wirtschaftender Betriebe um ein Viertel steigen und der Selbstversorgungsgrad aus biologischer Produktion vom Fleisch über Getreide bis hin zu Kartoffeln und Eiern signifikant erhöht werden – regionale Erzeugung statt langer Transportwege.

Auch bei der Vermarktung von Bio-Produkten gibt es noch viel zu tun, sowohl auf Ebene der Großhändler als auch auf der Einzelhandelsschiene. Deshalb lautet die Zielsetzung, die Produkte unterschiedlicher regionaler Bio-Erzeuger zu bündeln, damit Großkunden, der Lebensmittel-Einzelhandel und Verbraucher leichter regional erzeugte Bio-Produkte erwerben können. Und was die Verpflegung in Kindergärten und Schulen betrifft, hat Mack auch schon eine Zielmarke: „Im Enzkreis und der Stadt Pforzheim beziehen Kitas und Schulen bis 2020 einen Warenanteil von zehn bis 20 Prozent aus regionaler Bio-Produktion.“

In der Bio-Musterregion soll an vielen Schrauben gedreht und die Akteure auf einem bislang zersplitterten Markt besser vernetzt werden. Wie die Zusammenarbeit zwischen Erzeuger und Verarbeiter/Vermarkter funktionieren kann, demonstrieren der Wiernsheimer Landwirt Frank Bäuerle und der Illinger Ölmüller Jürgen Krauth hingegen schon seit Jahren erfolgreich. Bäuerle baut in Iptingen den Lein an, deren Samen Krauth in Illingen zu Öl presst und vermarktet. Bei der Auftaktveranstaltung zur Bio-Musterregion machte Krauth deshalb noch einmal deutlich, welche Chancen er aus Sicht eines Verarbeiters und Vermarktes in dem vorerst auf drei Jahre angelegten Projekt sieht.

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