Doppelter Gewinn für die Gesellschaft

Holzwerkstatt des Heimsheimer Gefängnis arbeitet mit Wildtierschützer aus Enzberg zusammen – Zertifikat bestätigt Nachhaltigkeit

Von Frank Goertz Erstellt: 2. Januar 2017, 00:00 Uhr
Doppelter Gewinn für die Gesellschaft Rudi Schlittenhardt (li.) und Marco Link von den Werkstätten in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim tüfteln an einem Nistkasten. Foto: Goertz

Im Oktober hat unsere Zeitung über das Mauswiesel-Projekt von Frank Friedmann berichtet. Dadurch hat sich ein Kontakt zwischen dem Wildtierschützer und der Holzwerkstatt der Justizvollzugsanstalt Heimsheim ergeben. Inzwischen tüfteln die Mitarbeiter der Werkstatt gemeinsam mit Friedmann an Nistkästen für Mauswiesel.

Mühlacker/Heimsheim. Unsere Zeitung hat sich in der Werkstatt umgesehen, in der Straftäter hochwertige Produkte für den Natur- und Artenschutz herstellen.

Ein solcher Besuch ist aber erst einmal mit einigen Hürden versehen. „Haben Sie ein Handy dabei?“, fragt der Beamte an der Gefängnispforte. In weiser Voraussicht hat der Redakteur sein Mobiltelefon bereits im Auto liegenlassen. Die Kamera? Ist selbstverständlich schon angemeldet. Personalausweis? Griffbereit im Portemonnaie. Erst nachdem die Daten erfasst sind, öffnen sich zwei Türen einer Schleuse. „Warten Sie dort im Sitzbereich. Sie werden gleich abgeholt.“

Keine fünf Minuten später erscheint Rudi Schlittenhardt und öffnet vom Gefängnishof aus eine weitere Tür. „Sie sind von der Presse?“, versichert sich der stellvertretende Leiter der Werkstätten im Heimsheimer Gefängnis, und dann geht es vorbei an einer meterhohen Betonmauer mit einer Stacheldrahtkrone und durch mehrere Sicherheitstüren in die Werkstatt.

Sie ist ebenso wenig eine 08/15-Werkstatt wie das Gefängnis ein Ort des Alltäglichen ist. „Wir stellen hier qualitativ hochwertige Naturschutzprodukte her“, erklärt Marco Link, Projektleiter in der Holzwerkstatt. „Als erste Justizvollzugsanstalt in Deutschland haben wir das FSC-Zertifikat erhalten“, macht Link deutlich, dass der Betrieb das Thema nachhaltige Produktion ernst nimmt. Wobei der Weg von den Kunden und Partnern der Holzwerkstatt zum FSC-Zertifikat, das höchste ökologische Anforderungen stellt, naheliegend ist. Die Werkstatt in Heimsheim arbeitet in der Entwicklung der Nistkästen mit Naturschutzverbänden zusammen, die hohe Ansprüche an die Nachhaltigkeit der Produkte haben. Verbände wie der BUND und der Naturschutzbund sind gleichzeitig auch wichtige Abnehmer der Öko-Produkte. Aber auch Privatkunden, Vereine, Institutionen und Kommunen können die Naturschutzprodukte aus der Gefängnis-Werkstatt beziehen. Außerdem werden sie im Handel angeboten. Beispielsweise im Hagebaumarkt in Rutesheim. Mittlerweile umfasst die Palette 27 Produkte.

Ein Nistkasten ist nicht einfach ein Kasten, für den ein paar Bretter zusammengenagelt werden. „Jede Vogelart hat spezielle Bedürfnisse“, macht Marco Link deutlich, dass die „Häuser“ fast schon regelrechte Architektenlösungen sind und keine Bausätze von der Stange. „Für die Mauersegler-Nisthöhle arbeiten wir beispielsweise mit Experten der Gesellschaft für Mauersegler in Frankfurt zusammen“, erzählt Link und öffnet eine Nisthöhle. Ein Blick in dessen Innenleben zeigt dann auch schon die „Custom-made“-Lösung für den kleinen König der Lüfte. So führt beispielsweise ein Belüftungssystem die Stauwärme aus dem Brutinnenraum ab. Das Einflugloch ist mit einer Starensperre versehen, im Nistraum gibt es eine weitere Starensperre, und ein speziell abgeschrägtes Dach soll zusätzlich Feinde vom Angriff auf den Mauersegler abhalten.

Die FSC-Zertifizierung für die Holzwerkstatt in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim bringt hohe Anforderungen mit sich. „Wir verwenden ausschließlich Douglasienholz aus nachhaltiger Waldwirtschaft und beziehen das Holz von Sägewerken aus der Region“, erklärt Rudi Schlittenhardt. „Dachpappen oder giftige Holzschutzmittel sind tabu.“ Auch beim Versand werden hohe Maßstäbe angelegt. „Alle Kartonagen sind recycelt und biologisch abbaubar“, so Link. Auch beim Klebeband werde auf Kunststoff verzichtet. Der lange Arm des FSC-Zertifikats reicht sogar bis in den Bereich der Abfallwirtschaft. „Wir bemühen uns, den Holzverschnitt so gering wie möglich zu halten“, erklärt Link. Die letzten Reste, die noch anfielen, werden als Anzündholz verkauft und die Bohrspäne für die Hummelburgen in der eigenen Produktion verwendet.

Insgesamt bietet die Justizvollzugsanstalt Heimsheim im Landesbetrieb Vollzugliches Arbeitswesen drei Eigenbetriebe – Schreinerei, Schlosserei und Druckerei – sowie sechs Unternehmerbetriebe, die als verlängerte Werkbank Lohnfertigung für andere Betriebe übernehmen. Etwa 200 bis 220 der zurzeit 350 Insassen des Heimsheimer Gefängnis arbeiten in einer der Werkstätten. Der Rest ist in Abteilungen zur Selbstorganisation wie Küche oder Wäscherei angestellt. „Wir bieten auch eine berufliche Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer sowie weitere berufliche Qualifikationen an, etwa einen Staplerführerschein oder einen Schweißerpass“, erklärt Schlittenhardt, dass die Gefangenen möglichst gut auf die Zeit nach der Haft vorbereitet werden sollen. „In der Holzwerkstatt fließen dabei auch noch bedeutende gesellschaftliche Themen ein“, so Schlittenhardt. So werde neben der Vermittlung von handwerklichen Kenntnissen auch Interesse und Sensibilität für Naturschutz und Nachhaltigkeit geweckt. „Oft hatten die Gefangenen vorher keinen Zugang zu diesen Themen“, weiß Link. Die Arbeit in der Werkstatt sei demnach „ein doppelter Gewinn für die Gesellschaft“.

1,60 Euro die Stunde verdienen die Gefangenen in der Holzwerkstatt. Dem Vorwurf, durch vermeintlich niedrige Lohnkosten die Produkte zu Schleuderpreisen auf den Markt werfen zu können, entgegnet Schlittenhardt mit dem Verweis auf die „Nebenkosten“ einer Justizvollzugsanstalt: „Die Produktion im Gefängnis ist unter dem Strich genauso kostenintensiv wie in der freien Wirtschaft.“

Tatsächlich kostet im Bundesdurchschnitt ein Haftplatz dem Staat etwa 110 Euro am Tag. Außerdem, so betonen Link und Schlittenhardt, sei es der Justiz ein großes Anliegen, ihre Waren zu marktüblichen Preisen anzubieten. Die Betriebe des Vollzuglichen Arbeitswesen seien also genauso ein Akteur wie jeder andere Betrieb der freien Wirtschaft – freilich mit etwas anderen Präferenzen. Nicht nur, dass die Produktivität hinter den Gefängnismauern deutlich niedriger sei als in vielen anderen Betrieben. „Für uns ist Effizienz zwar wichtig, steht aber nicht über allem“, erklärt Link. „Wir wollen den Gefangenen vor allem eine sinnvolle Beschäftigung bieten“, macht der Werkstattleiter deutlich, dass die Justiz sogar lieber etwas höhere Produktionskosten in Kauf nimmt, um die Faktoren Beschäftigung und Resozialisierung zu stärken.

Frank Goertz

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