Der Wind

Von Carolin Becker Erstellt: 11. September 2019, 00:00 Uhr

Lange war es der Autorin dieser Zeilen unklar, was folgende Ankündigung bedeutet, geäußert von wohlmeinenden Verwandten: „Dort pfeift ein anderer Wind.“ Nun fürchtet sich eine Sechsjährige am Ende ihrer Kindergartenlaufbahn nicht vor zugigen Fenstern. Auf welche potenziellen Schrecken also sollte sie sich in ihrer beginnenden Schulzeit einstellen, wogegen sich wappnen?

Aus heutiger Sicht lässt sich sagen: gegen nichts und wieder nichts. Die ersten Schuljahre in der Grundschule erscheinen im Rückblick wie ein in mildes Licht getauchter Wohlfühl-Film am Sonntagabend. Rosamunde Pilcher oder Inga Lindström, ganz egal. Vor dem inneren Auge tauchen natürliche Autorität ausstrahlende, aber gütige Lehrerinnen auf, eine grüne, ausklappbare Tafel, auf der ganz und gar analog gewischt wurde, die Nase hat den Geruch neuer Schulbücher auf ewig abgespeichert, und im Ohr klingt das Klappern der Holzstühle nach, wenn diese am Ende des Vormittags zeitgleich von 18 Kindern auf die Tische gehievt wurden.

Sicher: Die folgenden Jahre brachten schwerere Aufgaben mit sich, Lehrer, neben denen man auf dem Klassenfoto nicht platziert sein wollte, 800-Meter-Läufe, Physiktests und Kugelschreiber, die gedreht wurden, um das Opfer, auf dessen Spitze das Schreibgerät zeigen würde, vor den Augen aller abzufragen. Nichts von alledem wurde seit 1995 je vermisst. Die sechs Wochen Sommerferien schon. Auch die Gewissheit, für Anstrengung belohnt zu werden.

Nur der Schöler Pfeiffer mit drei F wagte den Rückweg auf die Schulbank, und im realen Leben ist die Frage nach einem Comeback hypothetischer Natur. Das ist auch gut so, denn die Vorzeichen haben sich geändert. Wenn der Eindruck nicht völlig täuscht, dann lastet der Leistungsdruck heute schon auf den ganz Kleinen, dann sehen sich diese in einer digitalisierten Welt nicht mehr mit dem „Marco-liebt-Steffi“-Schriftzug auf der Tafel, sondern mit vielfach wirksamerem Mobbing im Internet konfrontiert, dann haben Schwächen in Lernen und Verhalten wissenschaftliche Namen erhalten, die schon der betroffene Siebenjährige, der ansonsten den Vornamen seiner Mutter nicht buchstabieren kann, fehlerfrei auszusprechen in der Lage ist, und aus Teenagern mit wenig Bock auf Klassenarbeiten sind G8-durchgetimte Manager ihrer Termine geworden. Und die Lehrer? Sie sind Lerncoaches und Sozialarbeiter in einer Person, genießen aber, zumindest dem Eindruck der Autorin nach, nur noch halb so viel Respekt wie die Generationen vor ihnen.

Ja, es pfeift ein anderer Wind, hört sich die einst Ahnungslose jetzt selbst sagen. Doch muss anders nicht automatisch schlechter, nicht automatisch bedrohlich bedeuten. An alle, die heute in ihr neues Jahr oder am Wochenende ganz frisch und unbelastet in das Abenteuer Schule starten: Lasst euch vom Wind beflügeln. Setzt die Segel so, dass er euch in die richtige Richtung treibt.

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