„Das steckt in vielen drin“

Ein Jahr danach: Die Städte und Gemeinden kämpfen noch immer mit den Folgen der Flut – und den langen Verfahrenswegen

Erstellt: 31. Mai 2014, 00:00 Uhr
„Das steckt in vielen drin“ „Das steckt in vielen drin“

Ein Jahr danach ist das Hochwasser vom 1. Juni 2013, das allein im Raum Mühlacker Schäden in Millionenhöhe angerichtet hat, bei den Opfern präsent wie am ersten Tag. Schnell kam eine Diskussion über einen verbesserten Hochwasserschutz in Gang, und die Frage ist: Was hat sich seither konkret getan?

Mühlacker/Enzkreis (red). Die letzten Tage im Mai 2013: Es regnet, regnet, regnet, bis am 1. Juni, einem Samstag, das Unheil hereinbricht. Auf den Straßen bilden sich Wasserlachen, und schließlich können die Bäche, die sich in reißende Flüsse verwandelt haben, die Wassermassen nicht mehr bewältigen. Enzberg, Ötisheim, Illingen, Mühlacker, Lienzingen, Großglattbach, Knittlingen, Diefenbach… Immer mehr Orte melden Land unter, die Folgen der Naturgewalt sind katastrophal.

Die Besonderheit der Ereignisse von 2013 beschreibt Mühlackers Bürgermeister Winfried Abicht: „Das Hochwasser kam nicht von der Enz, sondern von Zuflüssen und Bächen, die über die Ufer traten, weil Wasser aus dem Wald und von Freiflächen, die so getränkt waren, dass sie keinen Regen mehr aufnehmen konnten, herangeschossen kam.“ Erlenbach und Schmiebach, sonst beschauliche Gewässer, waren für verheerende Schäden verantwortlich.

Seither sei die Stadt Mühlacker nicht untätig gewesen, wie Abicht betont. „Wir haben neue Gräben ausgehoben, um neue und sicherere Abflussmöglichkeiten zu schaffen“, nennt der Bürgermeister einen wesentlichen Punkt. Darüber hinaus sei die Stadt zusammen mit dem Land, das an der Enz unter anderem gegen die Verbuschung vorgehe, immer wieder damit beschäftigt, Dämme zu erhöhen oder Schutzeinrichtungen zu pflegen: „Man ist permanent an der Aufgabe dran.“

Die Enz war damals nicht das Problem, und einen Grund sieht Abicht in der Renaturierung des Flusslaufs, die am 1. Juni 2013 ihre Bewährungsprobe bestanden habe. Eine weitere Verbesserung sei mit dem Bau einer neuen Enzbrücke zu erwarten.

In der Nachbargemeinde Ötisheim hatte die Flut weite Teile des alten Ortskerns überschwemmt. „Die Menschen sorgen sich, dass so etwas wieder passiert. Das steckt in vielen drin“, weiß Bürgermeister Werner Henle. Mittlerweile habe die Gemeinde Buschwerk an der Böschung des Erlenbachs beseitigt; bauliche Maßnahmen seien noch nicht ergriffen worden, weil ein Fachbüro entsprechende Vorschläge erarbeite. Bis die Resultate vorliegen, dürften noch Monate vergehen, schätzt Henle.

„Es dauert alles ewig, aber wir sind dran“, sagt Wiernsheims Bürgermeister Karlheinz Oehler. So seien auf der Gemarkung alle Abwasserkanäle freigemäht worden. Außerdem versucht die Gemeinde unter anderem in Pinache Grundstücke zu kaufen, um weitere Regenrückhaltebecken zu bauen. Auch eine Hochwasserschutz-Untersuchung wurde beauftragt. Alles in allem ist Oehler allerdings der Ansicht, dass sich im vergangenen Jahr baulich in der Region in Sachen Hochwasserschutz nicht viel verbessert habe. Das liege auch an den langen Verfahrenswegen.

Gemeinsam mit Illingen und Maulbronn hat die Gemeinde Sternenfels eine Flussgebietsuntersuchung in Auftrag gegeben. Dafür habe es gemeinsam mit dem Landratsamt und betroffenen Bürgern eine „Art kleine Gewässerschau“ gegeben“, wie Bürgermeisterin Sigrid Hornauer sagt. „Dabei konnten schon wichtige Aspekte zusammengetragen und Bilder vom Hochwasser übergeben werden.“ Hornauer hofft nun auf rasche Vorschläge, um Überflutungen in Zukunft zu vermeiden oder dafür zu sorgen, dass sie weniger Schaden anrichten. „Aber das dauert alles seine Zeit.“ Außerdem muss sich die Gemeinde um einen eigenen großen Hochwasser-Schaden kümmern: Eine Brücke beim Füllmenbacher Hof wurde schwer beschädigt.

„Ich hoffe, die grün-rote Landesregierung lässt uns nicht im Regen stehen“

Bürgermeister Harald Eiberger

Ironie des Schicksals: „Es gibt im Enzkreis kaum eine Gemeinde, die beim Thema Hochwasserschutz weiter ist als Illingen“, sagt Bürgermeister Harald Eiberger. Trotzdem standen weite Teile Illingens vor einem Jahr unter Wasser. Die Frage „Was haben Sie aus dem Hochwasser gelernt?“ ziele in seiner Gemeinde weit am Thema vorbei, gibt der Rathauschef zu bedenken.

Schon lange vor der Juni-Flut habe sich Illingen intensiv mit dem Thema Hochwasserschutz auseinandergesetzt. So soll unter anderem das Bachbett der Schmie vor und hinter der Brücke an der Vaihinger Straße aufgeweitet werden. „Ich hoffe, dass der nötige Grunderwerb dafür gut über die Bühne geht und wir ein einfaches Planungsverfahren bekommen“, sagt Eiberger, der auch mit Zuschüssen vom Land für den Hochwasserschutz rechnet, der mindestens 700000 Euro kosten wird. „Ich hoffe, die grün-rote Landesregierung lässt uns bei dem Thema nicht im Regen stehen.“ Läuft alles glatt, so Eiberger, könnten die Bagger vielleicht noch in diesem Jahr anrücken.

Der Verwaltungschef hatte den Hochwasserschutz in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Agenda gesetzt: „Hochwasser ist kein Thema, das 2013 zum ersten Mal aufgetreten ist. Ich wäre nicht böse gewesen, wäre das Thema schon in den vergangenen Jahrzehnten so generalstabsmäßig angegangen worden.“

Belastend und beeindruckend zugleich seien die Erlebnisse, die ihm vom 1. Juni 2013 in Erinnerung geblieben seien, blickt der Knittlinger Bürgermeister Heinz-Peter Hopp zurück auf wahre Wassermassen, durch die er sich gemeinsam mit Stadtrat Walter Fink nur noch in einem Lkw habe durchkämpfen können, um zu den am heftigsten betroffenen Stellen vorzudringen und Sofortmaßnahmen einzuleiten. Binnen weniger Tage seien danach erste Probleme angepackt worden, die etwa durch eingeengte Bachläufe entstanden seien. Weitere Maßnahmen würden folgen, „damit die Abflüsse funktionieren“. Überdies seien hinsichtlich des Weissachsees konzeptionelle Planungen in die Wege geleitet und Experten eingeschaltet worden. Die Vorschläge eines Fachbüros würden den neu gewählten Gemeinderat beschäftigen.

Doch Überlegungen zum Hochwasserschutz dürften nicht an der Stadtgrenze enden, mahnt das Stadtoberhaupt. „Alle müssen an einem Strang ziehen“, lautet Hopps Forderung, der für einen überregional tätigen Hochwasserschutzzweckverband plädiert. Klar sei auch: „Einen 100-prozentigen Schutz kann es nicht geben.“

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