Austausch auf Augenhöhe

Junge Menschen kommen mit Politikern ins Gespräch – Alle Beteiligten der Jugendkonferenz lernen voneinander

Von Frank Goertz Erstellt: 1. Oktober 2019, 00:00 Uhr
Austausch auf Augenhöhe Bis vor kurzem noch hieß es, die Jugend sei unpolitisch. Das hat sich mit der Bewegung „Fridays for Future“ grundlegend gewandelt. Die jungen Menschen wollen ihre Zukunft mitgestalten. Archivfoto: Peche

„Hashtag. Danke fürs Gespräch“ – so hat Hip-Hop-Künstler Samadhi gestern die erste regionale Jugendkonferenz zusammengefasst, bei der Politiker und junge Menschen sich auf Augenhöhe begegnet sind. Die Worte von Samadhi waren nicht sarkastisch gemeint. Die Veranstaltung hielt für alle Beteiligten überraschende Momente bereit.

Landtagsabgeordnete stellen sich den Fragen von Jugendlichen (v. li.): Stefanie Seemann (Grüne), Dr. Bernd Grimmer (AfD), Daniel Born (SPD) und Dr. Hans-Ulrich Rülke (FDP). Foto: GoertzLandtagsabgeordnete stellen sich den Fragen von Jugendlichen (v. li.): Stefanie Seemann (Grüne), Dr. Bernd Grimmer (AfD), Daniel Born (SPD) und Dr. Hans-Ulrich Rülke (FDP). Foto: Goertz

Enzkreis/Pforzheim. Unter dem Titel „Was uns bewegt“ haben Landtag und Landesjugendring ein Veranstaltungsformat aus der Taufe gehoben, bei dem Jugendliche und Politiker nicht übereinander, sondern miteinander reden sollen. 148 Schüler aus dem Enzkreis und der Stadt Pforzheim haben am Montag im Landratsamt die Gelegenheit genutzt, sowohl mit Kommunalpolitikern als auch mit Landtagsabgeordneten ins Gespräch zu kommen; erst zwanglos an Stehtischen, dann im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit der grünen Landtagsabgeordneten Stefanie Seemann, dem AfD-Mann Dr. Bernd Grimmer, Dr. Hans-Ulrich Rülke, Fraktionschef der FDP im Landtag, und dem Sozialdemokraten Daniel Born aus dem Wahlkreis Schwetzingen. Nicht auf dem Podium vertreten war die CDU. Christine Neumann-Martin musste krankheitsbedingt kurzfristig absagen.

Bereits seit Mai hatten sich die Schüler – unter anderem vom Theodor-Heuss-Gymnasium Mühlacker und dem Salzach-Gymnasium Maulbronn – auf die Konferenz vorbereitet, um den Rahmen und die Themen abzustecken. Dabei schien die Ausgangslage alles andere als rosig zu sein. Die Schüler bewerten die Arbeit der Politiker mit einer durchschnittlichen Schulnote von 3,64. In der Landespolitik fühlen sie sich eher schlecht vertreten. Die Vorstellungen von Politikern, wie die Jugend ist oder zu sein habe, gingen oft an der Realität der jungen Menschen vorbei, lautet ein Kritikpunkt. Teilweise fallen die Bewertungen vernichtend aus. So vermissen einige Schüler ein ehrliches Interesse an ihrem Leben und ihrer Zukunft. Politik sei zu langsam, zu träge und Entscheidungen würden nicht ehrlich, transparent und verständlich an Jugendliche und nicht über ihre Medien übermittelt.

Den Rückmeldungen nach den Stehtischgesprächen mit den Kommunal- und Landespolitikern zufolge haben die direkten Kontakte auf der Konferenz jedoch Wirkung gezeigt. So lobten die Jugendlichen nicht nur die Ehrlichkeit der Politiker, sondern fühlten sich auch ernstgenommen. Außerdem sei es für sie wichtig gewesen, die unterschiedlichen Sichtweisen zu hören und zu verstehen.

Aber auch die Politiker waren voll des Lobes. „Mich beeindruckt die Ernsthaftigkeit der jungen Menschen“, findet Stefanie Seemann. Dabei hieß es bis vor kurzem doch noch, die Jugend sei unpolitisch. „Ihre Offenheit und ihr Selbstbewusstsein sind wirklich auffallend“, lobt auch Kreisrätin Elisabeth Vogt (Grüne), während Heinrich Furrer (Freie Wähler) sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die jungen Menschen wirklich einen Weg suchen, in der Politik mitzumischen.

Dabei geht es nicht nur um den Klimawandel und Fridays for Future. „Mich haben viel mehr Jugendliche auf das Thema öffentlicher Nahverkehr angesprochen“, berichtet Günter Bächle, Fraktionschef der CDU im Kreistag. Seine Gesprächspartner hätten ihn vor allem darauf aufmerksam gemacht, dass sie am Wochenende von Veranstaltungen in Pforzheim nicht mehr nach Mühlacker zurückkämen, nachdem das Nachtschwärmer-Linientaxi Ende März eingestellt worden sei. „Über das Thema müssen wir uns wirklich noch einmal Gedanken machen“, will Bächle den angesprochenen Missstand nicht einfach auf sich beruhen lassen. „Und natürlich habe ich den Jugendlichen geraten, sich an der Online-Umfrage des Verkehrsverbunds zu beteiligen und so Gehör zu verschaffen.

Gehör verschafft haben sich die Jugendlichen aber auch bei der Diskussion mit den Landtagsabgeordneten, in der es nicht nur um Lehrermangel, Digitalisierung und Beteiligungsmöglichkeiten für Jugendliche ging, sondern auch um die Klimadebatte. Hier bestand Dr. Bernd Grimmer (AfD) darauf, dass der Klimawandel nicht zwangsläufig von Menschen gemacht wird und die Auswirkungen des CO2-Ausstoßes überschätzt würden. Den Wissenschaftlern, die in erdrückender Mehrheit andere Erkenntnisse präsentieren, könne man nicht glauben. „Sie sind doch nicht frei, sondern angewiesen auf Forschungsgelder aus der Politik“, sagte Grimmer, erntete verhaltenes Gelächter, und beschwor die Apokalypse einer „Deindustrialisierung, die uns in den Ruin treibt“.

Ganz anderer Meinung ist Stefanie Seemann. Greta Thunberg habe eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass auch einzelne Menschen etwas erreichen können und ohne die Fridays-for-Future-Bewegung würde es das Klimaschutzpaket nicht geben. Auch wenn dieses, so Seemann, in vielen Punkten nicht weit genug gehe.

Einige Beschlüsse seien sogar kontraproduktiv, findet der SPD-Landtagsabgeordnete Daniel Born, etwa die Abstandsregelungen für Windkraftanlagen auszuweiten. Born: „Dabei ist die Energiewende einer der Schlüssel für den Klimaschutz.“

Vom „Klimanotstand“, den viele Kommunen derzeit ausrufen, hält der FDP-Fraktionschef Dr. Hans-Ulrich Rülke nichts. „Das ist sinnloser Aktionismus“, sei er sich in diesem Punkt mit dem grünen Umweltminister Franz Untersteller einig. Er glaube auch nicht, dass die Elektromobilität der Königsweg in der Verkehrswende sei. Vielmehr würden hier Arbeitsplätze in der Zuliefererindustrie vernichtet. Stattdessen, so Rülke, müssten die Themen Brennstoffzelle und synthetische Kraftstoffe vorangetrieben werden.

Weiterlesen

Tiefenbronner Bluttat: Anklage lautet auf Mord

Tiefenbronn (pol). Gegen den 61-jährigen Familienvater, der im dringenden Verdacht steht, am Samstag, 25. Mai, seine 38 Jahre alte Frau umgebracht und seinem elfjährigen Sohn lebensgefährliche Verletzungen zugefügt zu haben,… »