„Ein Narr ist man sein Leben lang“

Der Halbgrieche Panajotis Delinasakis aus Mühlacker ist seit 1979 Mitglied in der Cannstatter Narrenzunft Kübelesmarkt

Von Anja Schröder Erstellt: 11. Februar 2013, 15:34 Uhr
„Ein Narr ist man sein Leben lang“ Bunt geht’s zu bei der Fasnet in Bad Cannstatt. Seit 1979 gehört auch Panajotis Delinasakis (hinten rechts am Brunnen, im Pfarrerkostüm der Theatergruppe) dem Kübelesmarkt an. Foto: privat

Wenn am Aschermittwoch an Rhein und Main das närrische Treiben zu Grabe getragen wird, geht auch für Panajotis Delinasakis die Saison zu Ende. Der gebürtige Grieche, der mit Frau und zwei Söhnen (sechs und neun) im Mühlacker Wohngebiet Stöckach lebt, ist Ratsschreiber im Küblerrat des Kübelesmarkts in Bad Cannstatt und seit sechs Wochen in Sachen Fasnet unterwegs.

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wie sind die Gefühle eines Narren am Aschermittwoch? Überwiegt nicht auch die Erleichterung, dass alles vorbei ist?

Das ist ein ganzer Gemischtwarenladen an Gefühlen, der sich in einem Narren am Aschermittwoch abspielt. Als Erstes ist man sehr traurig, dass die Fasnetstage mit ihren vielen närrischen und schönen Ereignissen und Erlebnissen schon vorbei sind. Die Fasnet hat so viele Facetten für einen richtigen Narren und gibt ihm so viel fürs Herz zurück. In eine andere Rolle schlüpfen, ungezwungen auf wildfremde Menschen zugehen, necken, erfreuen, den Spiegel vorhalten oder einfach gemeinsam ein paar nette Stunden verbringen.

Auf der anderen Seite ist man natürlich auch froh, dass es vorbei ist und wieder das „normale“ Leben einkehrt. Denn ehrlich gesagt kommt die Familie in diesen Tagen ziemlich kurz, selbst wenn meine Frau und meine Söhne bei vielen Gelegenheiten mit an der Fasnet unterwegs sind.

Wie sah denn Ihr Leben in den vergangenen Wochen aus?

Abgesehen von den Sitzungen, Planungen und Vorbereitungen in den Vormonaten war ich zwischen dem 6. Januar und Aschermittwoch unter der Woche mindestens zwei- bis dreimal zu Proben oder Veranstaltungen Richtung Stuttgart unterwegs. Und die Wochenenden gehören nahezu der Narretei mit Narrentreffen und sonstigen Veranstaltungen. Bei Funktionsträgern und bei einer kurzen Saison, wie in diesem Jahr, ist das Ganze noch deutlich gedrängter. Ab Aschermittwoch gehört die Aufmerksamkeit aber wieder der Familie, die sie dann auch deutlich einfordert.

Wie haben Sie als Kind in einem halbgriechischen Elternhaus Fasching gefeiert? Und wie ist es dann schließlich dazu gekommen, dass Sie Mitglied des Kübelesmarktes wurden?

Als Kind war ich wie alle anderen als Cowboy, Indianer oder Ritter unterwegs. Bei uns daheim oder bei Freunden gab es immer mal wieder eine kleine Faschingsparty, und meine Eltern sind gerne mit Freunden zu Kappenabenden gegangen. Meine beiden Schwestern kamen dann in Cannstatt bei einer Karnevalsgesellschaft zum Gardetanz, wodurch ich meinen ersten Kontakt zur „organisierten Narretei“ hatte. Dies, und mein Orgelunterricht, führten letztendlich dazu, dass ich in jungen Jahren über den Spielmannszug und Fanfarenchor zum Kübelesmarkt Bad Cannstatt kam.

Die eigentliche Liebe zur schwäbisch-alemannischen Fasnet hat sich dabei erst in den Anfangsjahren richtig entwickelt. Dass dieser Brauch nicht nur im schwäbisch-alemannischen Raum beheimatet ist, sondern ähnliche Fasnetsbräuche und Brauchformen auch in Teilen Griechenlands zu finden sind, wusste ich bis vor ein paar Jahren gar nicht.

Und inzwischen haben Sie als Ratsschreiber im Küblerrat des Kübelesmarktes als Funktionsträger einen gefüllten Terminkalender. Wird da Ihre Frau nicht auch mal „narret“?

Als mit 21 Jahren dienstältester Küblerrat würde ich nicht mehr von „inzwischen“ sprechen. Ja, mein Terminkalender ist durch meine Aufgaben als Pressereferent und andere Zuständigkeiten im Küblerrat und zwei Verbänden gut gefüllt. Wenn es zu viel wird, kommt da von meiner Frau Michaela schon ein Hinweis. Deutlich, aber nicht narret. Als Närrin holt sie da eher den Narrenspiegel heraus. Ob Fügung oder reiner Zufall, meine Frau ist ebenfalls Narr und war früher in einer Tanzgarde sowie ebenfalls in einem Spielmannszug aktiv. Im Kübelesmarkt haben wir vor fast 24 Jahren unsere schwäbische Theatergruppe „D’ Scheureburzler“ mitgegründet und stehen gemeinsam auf der Bühne. Ebenso sind wir beide in der Maskengruppe aktiv. Durch unsere gemeinsamen Termine im Vereinskalender ist also ein gewisses Grundverständnis vorhanden, und es wird keine allzu ernste Diskussion.

„Ernst“ ist ein gutes Stichwort. Vor allem in Köln ist der heitere Karneval eine durchaus ernstzunehmende Angelegenheit. Da wird schon mal mit harten Bandagen gekämpft, um sich einen Platz unter den Oberjecken zu sichern. Wie sieht das in Ihrer Zunft aus?

(grinst) Ja, Fasnet, Fasching, Karneval sind eine ernste Sache!

Es menschelt natürlich überall. Als Küblerrat muss man sich schon behaupten und eine gehörige Portion Engagement mitbringen, gibt es doch das ganze Jahr über bei verschiedensten Aktivitäten etwas zu tun, und da muss zuweilen auch ernsthaft agiert werden. Die Organisation von Narrentreffen mit mehreren tausend Narren und Zehntausenden Zuschauern wäre sonst nicht auf die Beine zu stellen.

Der Kübelesmarkt ist zudem nicht nur Narrenzunft, sondern auch Brauchtumsverein, der mit seinen zahlreichen Abteilungen das ganze Jahr aktiv ist. Da stehen zum Beispiel Veranstaltungen des Spielmannszugs und Fanfarenchors, der Tanzgruppen, der Trachtengruppe, der schwäbischen Theatergruppe oder unserer schwäbischen Blasmusikgruppe auf dem Programm. Im Mai bis Juni werden die Cannstatter Mundarttage und alle zwei Jahre Ende Juli, wie in diesem Jahr, das Cannstatter Fischerstechen organisiert.

Trotz aller Ernsthaftigkeit steht jedoch das Närrische und Freundschaftliche bei den Küblern deutlich im Vordergrund. Man darf sich schließlich selbst nicht zu ernst nehmen.

Gibt es auch Gleichgesinnte in Mühlacker, wo es von Jahr zu Jahr immer weniger Faschingsveranstaltungen gibt?

Mühlacker könnte man heute durchaus als fastnächtliche Diaspora bezeichnen. Doch auch hier finden sich die Narren immer wieder zusammen. In unserem Freundes- und Bekanntenkreis im Stöckach befinden sich zufällig mehrere Personen, die in Narrenorten aufgewachsen und in der schwäbisch-alemannischen Fasnet verhaftet sind. Das schweißt besonders zusammen, denn ein Narr ist man sein Leben lang. Auch unsere Jungs sind bereits mit Leib und Seele Narren. Sie sind mit uns bei diversen Fasnetsveranstaltungen in Bad Cannstatt und bei auswärtigen Narrentreffen begeistert im Häs unterwegs.

Im Freundeskreis wird auch die eine oder andere närrische Kinderparty mit Freude gefeiert, egal ob es Fasnet oder Fasching ist.

Wie sehen Ihre nächsten Tage aus? Warum lohnt sich ein Abstecher nach Bad Cannstatt?

Nachdem wir am Schmotzigen Donnerstag mit dem Rathaussturm, dem Narrenbaumstellen und dem Cannstatter Kübelesrennen die heißen Tage der Fasnet eingeläutet haben, geht es heute mit unserer Kinderfasnet und unserem großen Küblerball im Saal weiter. Ab Fasnetssonntag bis Aschermittwoch findet man die Kübler mit vielen Programmpunkten dann wieder am ureigenen Ort der Fasnet, auf der Straße und in den Lokalen. Am Fasnetssonntag ist Interessierten um 16.30 Uhr die Felben-Historie am Neckarufer zu empfehlen, bei der die Geschichte unserer Hauptnarrenfigur, der Felbe – der Korbmacherweide – in persiflierter Form unter meiner Beteiligung vorgespielt wird.

Der absolute Geheimtipp ist am Fasnetsmontag ab 19.30 Uhr in den Altstadtlokalen von Cannstatt beim Schnurren und Schnitzelbänk zu erleben. Nach altem Fasnetsbrauch ziehen verschiedene Gruppen mit selbst gewählten Themen durch die Lokale und binden die Gäste mit ein. Das ist Fasnet pur.

Der Fasnetsdienstag bietet Kindern ab 12 Uhr den Heischebrauch des Geizigrufens und im Anschluss um 14.30 Uhr den Kinderumzug mit Spielstationen auf dem Marktplatz. Um 19 Uhr findet ein historischer Schwerttanz aus dem 16. Jahrhundert die Aufmerksamkeit. Der ergreifende Schlusspunkt wird ab 23.45 Uhr mit einem Trauerzug zur Wilhelmsbrücke gestartet, wo die Narren wehklagend bei der Fasnetsverbrennsäufung von der diesjährigen Fasnet, in Form einer Strohpuppe, Abschied nehmen.

Na, denn: Helau? Alaaf? Lole hano? Wie grüßt denn ein Narr aus Bad Cannstatt?

Ein kräftiges Kübler-Ahoi!

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