Karfreitag reißt Horizonte auf

Gedanken von Diakon Michael Gutekunst

Erstellt: 24. März 2016, 00:01 Uhr
Karfreitag reißt Horizonte auf Michael Gutekunst.

Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft. Immer mehr Möglichkeiten bietet das Leben. Und das verlangt uns Menschen einiges ab. Der Alltag ist geprägt von Abwägen und Entscheiden – und ein ständiges Sich-Erklären- und Rechtfertigen-Müssen. Manchmal verteidigt jemand, was er tut oder tun will, vorab. Da ist das Gefühl, dass ich was erklären muss, was nicht selbstverständlich, was in den Augen mancher Mitmenschen nicht „normal“ ist. Ein Kind überspringt ein Schuljahr. Das ist für die anderen Eltern nicht einsichtig, sieht nach Bevorzugung aus. Die Mutter ist ständig am erklären, muss sich rechtfertigen. Da ist keine Kraft mehr, um sich an diesem Kind und seinen Fortschritten zu freuen.

Da bricht ein junger Mensch die Lehre oder das Studium ab. Die Familie verteidigt ihn, ein Sündenbock wird gesucht. Der Rechtfertigungsdruck lastet auf allen und verbaut den Weg für einen Neustart.

Die Spitze des sich Rechtfertigens und Erklären-Müssens ist, wenn ich das Gefühl habe oder sogar dazu aufgefordert werde, mein Dasein und Sosein erklären zu müssen. Alte Menschen werden als „Kostenverursacher“ gesehen, Ausländerinnen und Ausländer müssen erklären, warum sie hier sind.
Schnell findet man sich vor einem Tribunal wieder, Familie, Partner, Nachbarn, Kollegen, dem Chef, der Ärztin, dem Parlament oder vor Gericht. Da kann ich mit logischen Erklärungen vielleicht bestehen.

Vor mir selber, meinem Gewissen hilft das nicht. Wenn ich mich rechtfertige, dann kämpfe ich vor mir, meinem Gewissen, meinen Mitmenschen und vor Gott um Anerkennung.

Das Gefühl, dass einem die richtigen Worte fehlen, um sich ausreichend, verständlich, deutlich und logisch erklären zu können, kennen viele. Oder das Gefühl, genau das Richtige getan zu haben – aber nicht erklären zu können, warum. Nach einem gesagten Wort oder einer Tat weiß man genau, dass dies falsch war, ohne erklären oder rechtfertigen zu können, was da ablief.

Um aus diesem Dauerzustand des Rechtfertigens rauszukommen, braucht es den Eingriff von außen. Ich selber kann mich und mein Gewissen von dem Druck nicht befreien. Nur dann hat das Rechtfertigen des Klassenübersprungs, des Abbruchs oder dass ich bin, wie ich bin, ein Ende.

Karfreitag ist dieser Eingriff. Hier kehrt sich was um: Nicht ich muss mich rechtfertigen, sondern Gott rechtfertigt. Gegen die vielen Minuszeichen, die mich und mein Leben, mein Tun infrage stellen, setzt Gott ein großes, für alle Welt sichtbares Plus: das Kreuz Jesu. Nicht ich muss mich rechtfertigen, sondern Gott. Er, der völlig unabhängig von uns ist, rechtfertigt uns durch das Kreuz, an dem Jesus stirbt.

Was da an Karfreitag geschieht, ist eine furchtbare Tragödie. Sie zeigt, dass Gott bei und in allem Leiden da ist. Was menschlich gesehen furchtbar ist, lässt Gott geschehen, um dieses Kreuz zur großen Befreiung für uns Menschen zu machen. Da stirbt nicht nur der schuldloseste Mensch, den die Welt je gesehen hat. Da stirbt Gottes Sohn, der auch andere Optionen hätte wählen können, als diesen Weg zu gehen. Seine Schuldfreiheit bietet so viel Platz, dass Gott alle Schuld, alles, wofür wir uns meinen, rechtfertigen zu müssen, mit hinein nimmt.

An Karfreitag erklärt Gott uns: „Dein Leben hat Sinn !“ An diesem Tag macht Gott aus dem Minus, das uns zum Rechtfertigen-Müssen zwingt, ein Plus. Karfreitag reißt Horizonte auf. Hier werden „die Gedanken weit über das persönliche Geschick hinaus gerissen (. . .) zum letzten Sinn allen Lebens, Leidens und Geschehens überhaupt, und dass man eine große Hoffnung fasst“, notiert Dietrich Bonhoeffer, der aus seinem Glauben heraus seine Wahl traf. So können wir tätig werden für und in dieser Welt, in unserem Lebensumfeld, in der Familie, im Betrieb, unter Nachbarn, in Politik und Gesellschaft.

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