Kontroverse strahlt auch in den Kreis aus

Informationsveranstaltung zu radioaktivem Bauschutt auf Horrheimer Deponie macht auch Schützinger Bürger nachdenklich

Von Lukas Huber und Maik Disselhoff Erstellt: 1. Juli 2016, 00:00 Uhr
Kontroverse strahlt auch in den Kreis aus Menschen in Gündelbach fürchten sich vor freigemessenem Atommüll, der in den vergangenen Jahren auf der Deponie über dem Ort abgeladen wurde. Foto: Huber

Über 300 Tonnen radioaktive Reststoffe sind laut der Schwieberdinger Initiative „Froschgraben Freigemessen“ zwischen 2007 und 2015 auf den Deponien in der dortigen Gemeinde und in Horrheim abgeladen worden. Bis 2029 sollen über 3000 Tonnen hinzukommen.

Horrheim. „Ein Kommunikationsskandal!“ So bezeichnet die Initiative die Informationspolitik der Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL). Über Jahre hinweg sei die Bevölkerung nicht darüber unterrichtet worden, dass Abfälle wie etwa Asbest und freigemessener atomarer Bauschutt in Schwieberdingen und Horrheim abgeladen worden seien. Erst seit die Presse 2015 über die Vorgänge berichtet habe, sei die Öffentlichkeit darüber informiert worden, dass auf den Deponien Froschgraben (Schwieberdingen) und Burghof (Horrheim) von 2007 bis 2015 324 Tonnen des Materials aus einer Wiederverarbeitungsanlage in Karlsruhe abgelagert wurden.

Von einigen Gündelbachern habe er von den Vorfällen erfahren, berichtet der Illinger Grünen-Gemeinderat Peter Pförsich. Auch, dass auf dem von seinem Wohnort Schützingen nur rund fünf Kilometer entfernten Burghof noch andere Abfallstoffe wie giftige Schlacke aus dem Kongo lagern sollen, habe er aus Gesprächen herausgehört. Ob das stimme, könne er nicht bestätigen. „Wenn die AVL die Leute darüber informieren würde, was bei ihnen in der Nähe lagert, und wenn sie über die Hintergründe aufklären würde, gäbe es sicherlich weniger Sorgen“, ist Pförsich überzeugt.

Spätestens seit Tschernobyl wisse man, welche weitreichenden Auswirkungen Radioaktivität haben könne. „Auch wenn es sich dabei natürlich um eine andere Größenordnung handelt.“ Und auch die Überschwemmungen der vergangenen Wochen, bei denen Starkregen Erdrutsche verursacht hat, machen Pförsich nachdenklich. Er werde in der Sache eine Anfrage an den Vaihinger Landtagsabgeordneten Markus Rösler (Grüne) stellen. „Ich möchte genau wissen, was in Horrheim liegt und wie die Stoffe zusammengesetzt sind.“

Anlass zur Sorge im Gündelbacher Nachbarort Schützingen war eine Veranstaltung vom Montag, bei der die Initiative „Froschgraben Freigemessen“ über den Müll informiert hat, mit dem die AVL und damit auch der Landkreis 2015 rund fünf Millionen Euro Gewinn erzielt haben sollen. Von 2017 bis 2029 sollen, erklärte der Mediziner Dr. Dierk-Christian Vogt, weitere 3350 Tonnen auf den beiden Deponien hinzukommen. Der Vorwurf der Initiative: Bei solch einem sensiblen Thema lasse bei der AVL und dem Landratsamt die Transparenz zu wünschen übrig. Es müsse in Zukunft eine öffentliche Diskussion darüber erfolgen, „ob wir auf landkreiseigenen Deponien kritische Abfälle aus anderen Regionen entsorgen möchten“.

Inzwischen hat sich das Landes-Umweltministerium in die Debatte über die Deponie Froschgraben eingeschaltet – mit Konsequenzen für das ganze Land. Umweltminister Franz Untersteller: „Die vor Ort geplante landwirtschaftliche Nachnutzung der Deponie ist strahlenschutzrechtlich unklar.“ Dann folgt in einer Pressmitteilung der entscheidende Satz: „Bis zur Beantwortung der offenen Fragen setzen wir die Lieferung freigemessener Abfälle auf Deponien in Baden-Württemberg aus.“ Diesbezüglichen Anträgen würde das Ministerium vorerst nicht zustimmen.

Zuerst, so Untersteller, müsse das Bundesumweltministerium Klarheit schaffen bezüglich einer eventuellen landwirtschaftlichen Nachnutzung von Deponieflächen. „Die Strahlenschutzkommission geht davon aus, dass Deponieflächen, auf denen freigemessene Abfälle lagern, nach Schließung der Deponie nicht landwirtschaftlich genutzt werden.“ Der Bund habe es aber unterlassen, den Nachweis für die Unbedenklichkeit zu erbringen oder bestimmte Nachnutzungen strahlenschutzrechtlich auszuschließen. Deshalb gebe es Klärungsbedarf, und es entspreche der Vorsorge, die Ablagerung bis dahin auszusetzen.

Auf der Deponie Froschgraben werde dieser Bedarf deutlich. Denn laut Planfeststellungsbeschluss sei dort später eine landwirtschaftliche Nutzung, möglicherweise auch zur Nahrungsmittelproduktion, vorgesehen. „Das können wir jetzt nicht einfach so hinnehmen“, erklärt der Minister. „Wie für die deponierten Abfälle selbst, die freigemessen und deshalb vollkommen unbedenklich sind, muss konkret auch für die landwirtschaftliche Nachnutzung nachgewiesen sein, dass alle Sicherheitsgrenzwerte für radioaktive Strahlung auf der Deponiefläche eingehalten werden.“ Das müsse radiologisch bewertet werden. „Hier sehe ich das Bundesumweltministerium in der Pflicht. Es geht um eine Berechnung, die weit in die Zukunft blickt, und gewährleistet, dass auch in Jahrzehnten keine radiologische Gefährdung der Bevölkerung zu befürchten ist.“

Abgesehen vom Eingreifen des Ministeriums gibt es bei den Verantwortlichen für die Deponie Maulbronn keine Überlegungen für die Einlagerung freigemessenen Bauschutts. „Wir haben kein Bedürfnis, uns in die Schlacht zu stürzen“, sagt der Mitgeschäftsführer der Hamberg Deponie-Gesellschaft (HDG) Karl-Heinz Zeller. Auch früher soll solches Material nicht nach Maulbronner gebracht worden sein.

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