Schaltstelle und Brückenbauer

Hinter den Kulissen des Theaters Pforzheim – Teil sechs: Theaterpädagogin Anja Noël

Von Carolin Becker Erstellt: 7. Januar 2016, 00:00 Uhr
Schaltstelle und Brückenbauer Anja Noël mit Schülerinnen des Reuchlin-Gymnasiums, denen sie unter anderem Einblicke in die Arbeit der Maskenbildner vermittelt. Foto: Becker

Der Achtklässler hat gerade Shakespeare zitiert. Freiwillig. Weder wurde er genötigt, noch kämpft er um eine gute Note. Er fühlt sich schlicht inspiriert von der Welt des Theaters, in die er mit seinen Mitschülern eintauchen darf. Ein Team, das sich als Schaltstelle zwischen drinnen und draußen versteht, ermöglicht diese und andere Begegnungen.

Pforzheim. Die Theaterpädagogin Anja Noël hat Deutsch, Geschichte und Regie studiert. Medizin nicht. Deshalb kann sie dem bedauernswerten Mann, der seinen Kopf verloren hat, nicht mehr helfen. Aber vorzeigen kann sie sein glücklicherweise nur täuschend echt nachgeahmtes edles Haupt schon und damit mächtig Eindruck machen auf eine Gruppe von Achtklässlern, die sie an diesem Vormittag hinter die Kulissen des Theaters Pforzheim blicken lässt. Abgetrennte Finger, Elfenohren, Hexennasen mit der obligatorischen Warze, furchteinflößende Narben – allein das Reich der Maskenbildner fasziniert die Schüler so gründlich, dass es sie nicht gerade magnetisch zurück ins Klassenzimmer zieht. Theaterluft schnuppern sie im übrigen nicht zum ersten Mal: „Wir haben uns die ,West Side Story‘ angesehen“, nennt der Musik- und Geschichtslehrer Thomas Junge die perfekte Ergänzung zum Lehrplan „einen echten Glücksfall“.

Glücklich ist auch Anja Noël, wenn ihr – wie im Fall der Achtklässler vom Reuchlin-Gymnasium – echtes Interesse entgegenschlägt. Stark nachgefragte Führungen wie diese würden im Zusammenhang mit dem Besuch einer Vorstellung angeboten. Doch damit sei das Angebot der von einem Mitarbeitertrio verantworteten Theaterpädagogik längst noch nicht erschöpft. „Mein Schwerpunkt ist die Arbeit mit Schulen und Kindergärten“, verweist Anja Noël auf verschiedene Projekte rund um Inszenierungen, die Kooperation mit Patenschulen und einen Schreibwettbewerb für junge Reporter.

„Generell bin ich Ansprechpartnerin für Pädagogen, die sich für unser Haus interessieren“, erläutert die gebürtige Unterfränkin, die als Regieassistentin in Pforzheim begann und einen sehr persönlichen Grund dafür hat, dass sie der Stadt und dem Theater treu geblieben ist: Sie ist mit dem hier engagierten Schauspieler Fredi Noël verheiratet.

Als Multitalent darf fraglos auch Anja Noëls Kollegin Antonia Schirmeister bezeichnet werden. Sie zählt die großen Projekte mit Amateuren wie etwa den Jugendclub zu ihren Hauptaufgaben und hat bedeutenden Anteil an der Organisation des Willkommenstags, der ganz gezielt Menschen jeden Alters den Weg ins Theater ebnen soll – auch und gerade solchen mit einer schwierigen Lebensgeschichte. Darüber hinaus steht Antonia Schirmeister als Schauspielerin selbst auf der Bühne. Der Dritte im Bunde, Danilo Tepša, seines Zeichens als Sänger, Cembalist und Dirigent bühnenerprobt, versteht sich als Theaterpädagoge und Mädchen für alles, leitet er doch Kinder-, Extra- sowie einen erst kürzlich gegründeten Jugendchor und steht als Musikalischer Leiter bei „Hänsel und Gretel“ in der Verantwortung. Mit seiner Leidenschaft für die Musik möchte er den Nachwuchs erreichen und setzt dafür auch sein Faible für Soziale Medien ein.

„Wir wollen das Theater auch für die Menschen öffnen, die nicht aus dem Bildungsbürgertum kommen“, nennt Anja Noël ein wichtiges Ziel. Dafür sei ein Netzwerk geknüpft worden, in das unter anderem Stadtjugendring und Diakonie eingebunden seien. So sei beispielsweise eine Gruppe Flüchtlinge eingeladen worden. „Das war ein sehr berührendes Erlebnis“, berichtet die Theaterpädagogin von einer großen Neugier und ebensolcher Offenheit der fremden Kultur gegenüber, die die Asylbewerber an den Tag gelegt hätten. Motivierende Erlebnisse seien dies für die Organisatoren, die sich als Brückenbauer verstehen und dem Klischee widersprechen, das Theater sei eine elitäre Veranstaltung, für die man tief in die Tasche greifen müsse. „Neulich wurde ich bei einer Führung gefragt, ob die Karten angesichts der vielen Mitarbeiter, die hier beschäftigt sind, nicht viel zu billig verkauft werden“, erzählt Anja Noël. Und auch von abgehobenem Verhalten könne keine Rede sein, ergänzt Danilo Tepša. „Ich habe diese Attitüde bei den Ausübenden nie erlebt“, betont er. Möge die vornehme schwarze Fliege im Musiktheater auch noch häufiger den Hals der männlichen Besucher zieren, so gebe es doch längst kein Naserümpfen über weniger exklusive Kleidung mehr.

Eines gelte freilich nach wie vor: „Was wir hier anbieten, ist kein Fast Food“, sagt Anja Noël. „Man muss offen dafür sein, sich an diese Form der Kultur zu gewöhnen. Dabei zu helfen, ist unser Job.“ Sicher sei es weniger anstrengend, den Abend vor dem Fernseher zu verbringen. Dennoch erkenne sie die Bereitschaft, sich auf das Theater und seine Kunstformen einzulassen. Lehrer und Erzieher auf ihrer Seite zu wissen, sei elementar wichtig.

„Meine Erfahrung ist: Wenn man den Menschen Türen öffnet, dann kommen sie auch herein“, begründet sie ihren Optimismus. Wer sich heute als Fünfjähriger das Märchen „Geschichten aus 1001 Nacht“ ansehe und sich an die Sprache des Theaters gewöhne, sitze vielleicht auch einmal im Besucherraum, wenn Goethes „Faust“ gespielt werde. „Das Theater wird es, wie auch immer es in 50 Jahren aussehen mag, auch in Zukunft geben“, ist Danilo Tepša ebenfalls von der nicht nachlassenden Faszination überzeugt. Sein oder Nichtsein? Keine Frage!

 

Die bisherigen Folgen unserer Serie und Videos zu einigen Beiträgen sind auf unserer Homepage www.muehlacker-tagblatt.de zu finden. Alle Fragen rund ums Junge Theater Pforzheim können an folgende E-Mail-Adresse gerichtet werden: theater.paedagogik@stadt-pforzheim.de.

Carolin Becker

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